Kreatives Sichverlieren
Rechtzeitig vor der CeBIT rief Guru Kai Krause - bekannt durch seine Grafik-Plug-Ins, unter anderem Kai's Power Tools - die Fangemeinde zusammen, um ihr einen Einblick in seine Entwicklerküche zu gewähren.
- Frank Buhr
- Claus Michael Semmler
Zielten die Aktivitäten Kais im Bereich Bildbearbeitungssoftware früher auf einen kleinen Kreis spezialisierter Grafiker, so spricht er heute auch den grafikinteressierten Heimanwender an. Software soll vor allem Spaß machen und zur kreativen Beschäftigung anregen, so lautet Kais Credo, das sich deutlich in seiner ebenso ausgefeilten wie unkonventionellen Oberflächengestaltung manifestiert. Das preisgekrönte Programm KPT Bryce, das bereits jetzt erstaunlich realistische und übernatürliche Landschaften berechnet, wird in der neuen Version 2.0 um einiges leistungsstärker. Fraktale Berge lassen sich interaktiv bearbeiten (zum Beispiel um Schriftzüge zu `fräsen') und gleichzeitig in einer rotierenden 3D-Darstellung betrachten. `Depth-cueing' der Voransicht (weiter hinten liegende Objekte erscheinen grau) und ein 360-Grad-Rundflug um die Szene verbessern den Überblick. Die neue Version von Bryce soll im zweiten Quartal 1996 für circa 300 DM ausgeliefert werden.
Malstunde
Kai zeigte eine Anwendung zur Bildbearbeitung, die vornehmlich für Kinder gedacht ist. Das Programm verzerrt Bilder in Echtzeit, wobei die Operationen nicht direkt auf den Bildern ausgeführt, sondern lediglich aufgezeichnet werden. Dadurch wird ein mehrfaches Undo möglich. Mehrere Verzerrungsstadien - beispielsweise eines Gesichtes - können zu einer Animationssequenz zusammengestellt werden, belebte Karikaturen entstehen in Windeseile. Das Zurücknehmen von Veränderungen funktioniert genauso wie das Zeichnen selbst, also quasi ein `Wegmalen' von Effekten. Die Technologie dieses Programmes erinnert stark an Live Picture, ein bis vor kurzem von Kais Firma MetaTools vertriebenes Programm. Laut Kai ist das vorgestellte Malprogramm aber eine komplette Neuentwicklung und soll zu einem wesentlich geringeren Preis als für Live Picture voraussichtlich Mitte des Jahres angeboten werden.
Streng geheim
Unter dem Arbeitstitel `Amazon' laufen bei MetaTools verschiedene Entwicklungen. Einige davon gab es als schon beeindruckend schnelle Alphaversionen zu sehen. Auch hierbei wird mit ähnlichen Techniken gearbeitet, wie sie in Live Picture zum Einsatz kommen. Dadurch arbeitet das Programm auflösungsunabhängig mit Pixelbildern. Beispielsweise verschwindet ein auf die Größe eines Pixels verkleinertes Bild nicht einfach, sondern bleibt als Information erhalten und ist auf einem Ausgabegerät mit höherer Auflösung wieder sichtbar. Obwohl von der Jahreszeit her noch etwas verfrüht, präsentierte Kai den KPT-Enthusiasten einige `Easter Eggs' - versteckte Features seiner Plug-Ins, die nicht im Handbuch stehen, sondern als kleine Überraschung das `Spielen' des Benutzers mit dem Programm belohnen sollen - wenn man sie denn überhaupt findet. Wer versucht schon, im Spheroid-Designer den letzten kryptischen Eintrag im Popup-Menü unten rechts auszuwählen? Weitere geheime Funktionen ließen sich von uns leider nicht reproduzieren. Kai hat sich längst als enfant terrible bei `seriösen' Software-Ergonomen etabliert. Versuchen letztere, Belastung und Lernaufwand der Benutzer durch Standardisierung und konsistente Oberflächengestaltung zu minimieren, so gehören Abwechslung und Überraschung zum festen Repertoire des Künstlers Krause. Standards sind für ihn ein Synonym für Enge und mangelnde Kreativität. Allerdings gedeihen auch im `krausen Klima' ernstzunehmende Konzepte, wie beispielsweise das Linsenwerkzeug in Kai's Power Tools 3.0. Es zeigt in Echtzeit, wie die Filtereinstellungen auf die Fläche unter der Linse wirken. Solche Linsenwerkzeuge entwickelte das Xerox-PARC zwar bereits vor einigen Jahren, doch sind die Umsetzungen in reale Produkte auch heute noch eher rar. Die zweihändige Benutzung solcher Tools - zum Beispiel Maus zum Malen und Trackball zum Positionieren der Linse - kreist anscheinend auch schon in Kais Kopf. Auf der CeBIT findet man MetaTools an den Ständen von Apple (Halle 11, Stand D14) und CCP Software (Halle 5, Stand E44). Kai ist live zu erleben am Freitag, den 15. März, ab 14.00 Uhr im Tagungszentrum Messe.(jm) (jm)