Total medial

Auch im bitteren Winter kann Cannes eine Reise wert sein. Zur Milia 1996 nämlich, wo sich im Februar zum dritten Male Multimedia-Produzenten gegenseitig ihre Entwicklungen und Absichten vorstellten.

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Von
  • Thomas Feibel

Das digitale Zeitalter der `Bits' hat längst begonnen, und dennoch müssen wir uns immer noch mit `Atomen' herumärgern. Digitale Bücher in digitalen Bibliotheken, so Nicholas Negroponte, hätten unglaubliche Vorzüge. Im Gegensatz zu einer Bibliothek wären die Inhalte des Werks stets abrufbar, während das Buch, aus lästigen Atomen zusammengesetzt, eine reale Lücke im Regal hinterließe. Mit einem Vortrag Negropontes, Mitbegründer des Media Lab am MIT, wurde die dritte Milia 1996 in Cannes eröffnet. Der `Wired'-Kolumnist schritt dazu leger auf und ab und sprach so lange frei zu seinem Publikum, bis das tragbare Mikrofon seinen Dienst versagte. Es sei wohl ein französisches, meinte er und zog sich hinters Pult zurück. Negroponte begann von Neuem den Zuhörern seine visionären Vorstellungen der Zukunft zu vermitteln, wie er sie bereits ausführlich in seinem weltweit übersetzten Buch `Total digital' dargelegt hatte. Er träumt von wunderbar funktionierenden, amerikanischen Geräten und der Möglichkeit, eines Tages alle tagsüber erhaltenen Informationen abends `mit dem Schuh auszudrucken'.

Selbstverständlich betonte Negroponte noch einmal ganz deutlich, daß `im Online' in diesem Jahr nichts mehr ohne digitalen Geldverkehr gehen werde. Solche Prognosen beruhigen jene Investoren, die bereits eine eigene Website unterhalten. Ein anderer Stargast der Milia war Laurie Anderson, die über ihre Erfahrungen im Internet Auskunft gab und dabei abwechselnd auf Elemente einer Lesung, eines Konzerts und einer minimalistischen Performance zurückgriff. Die Künstlerin hat bei Voyager schon seit geraumer Zeit eine eigene Site, auf der sich unter anderem das Tagebuch ihrer Welttournee nachlesen läßt. Begleitet wurde sie übrigens von Hsin-Chien Huang, dem kongenialen Designer ihrer CD-ROM `Puppet Motel', die in den nächsten Wochen in einer Windows-Version erscheinen soll.

Etwa 9000 Teilnehmer wurden insgesamt auf der dritten und wichtigsten Multimedia-Fachmesse in Europa gezählt. Knapp 3200 Firmen, davon rund 1200 mit eigenem Stand, waren vertreten. Es mußte nicht mehr &endash; wie noch bei der Frankfurter Buchmesse &endash; erklärt werden, wie eine CD-ROM funktioniert, da die Beteiligten aus Multimedia Publishern, Produzenten, Entwicklern, Distributoren, Autoren, Buchverlagen und Online-Dienste-Anbietern bestanden. Überwiegend wurde nach würdigen, internationalen Vertragspartnern und Produkten Ausschau gehalten. Da die Entwicklungskosten wirklich guter Produktionen zwischen 250 000 und 500 000 Mark liegen und immer noch nicht durch den Verkauf gedeckt werden, sind die meisten Produzenten doch weitgehend auf den Einkauf oder die Vergabe von Lizenzen angewiesen. Da eignet sich die Milia als Branchentreffpunkt hervorragend. Die etwa 1000 Journalisten hielt man sich mit einer Vielzahl von Pressekonferenzen und Veranstaltungen vom Leib. Thomas Middelhoff von BMG referierte über die Zukunft des Online-Dienstes, Multimedia-Autoren diskutierten über `The Art and Science of Writing for Interactivity', wobei hauptsächlich Romain Victor-Pujebet, Autor von `Lulu' (erscheint im Sommer bei Ravensburger), angenehm auffiel. Bei der `International Multimedia Talent Review' wurden (ewig) `junge' Talente vorgestellt. Ein Besuch in der Talent-Ecke in den Ausstellungsräumen bot da durchaus bemerkenswertere Einsichten in die Arbeitsproben junger Nachwuchskünstler.

Wesentlich Neues im CD-ROM-Bereich gab es nicht zu sehen. Dafür schmerzte der Anblick jener (zahlreichen) Hersteller, bei denen offensichtlich mehr Geld in die Präsentationsmöbel zu fließen scheint, als in die eigenen Multimediaproduktionen. In einer Koproduktion mit einem britischen und norwegischen Verlagshaus wird Navigo den Bestseller `Sofies Welt' auf CD-ROM herausbringen. Am Stand waren bereits einige erste Proben aus der Anfangsphase zu sehen. Auch der Penguin Verlag hat eine elektronische Direktive gegründet. Vorgestellt wurde ein äußerst kostspieliges Nachschlagewerk in Sachen Rockmusik, das hauptsächlich von der Musikbranche professionell eingesetzt werden soll. Außerdem ist die interaktive Version von Bill Gates' Buch `The Road Ahead' bereits lieferbar, eine hochinteressante Biographie über den Kultautor Jack Kerouac erscheint in Kürze. Mit einem echten multimedialen Highlight wartete die belgische Entwickler-Firma Endless Interactive auf. Sie haben die Geschichte des Holocaust mit viel Einfühlungsvermögen umgesetzt. In Belgien und Amerika soll die Scheibe im April herauskommen. Verschiedene deutsche Verlage bemühen sich bereits um die Rechte für eine Lokalisierung. Eine wirklich attraktive neue CD-ROM, `Bad Day' von den Residents, wurde übrigens an keinem Stand gezeigt.

Dorling Kindersley stellte zwei Kindertitel seiner Reihe `Virtual Reality' vor: bei einem Museumsbesuch können bestimmte Tierarten einer näheren Betrachtung unterzogen werden. Bislang kamen jedoch nur zwei CD-ROMs (Katzen und Vögel) heraus. Auffallend schön wirkte `Winnie the Witch' von dem schottischen Produktionshaus Inner Workings, die bereits für `The Fish Who Could Wish' im Oktober einen `Emma Award' erhalten hatte. Ein deutscher Vertriebspartner steht anscheinend immer noch nicht fest. Große amerikanische Edutainment-Firmen wie Broderbund, Knowledge Adventure oder Davidson, die ihre Vertriebsfragen längst abgeschlossen haben, waren nicht anwesend. Um künftig Vertriebsaktivitäten besser zu koordinieren, ist Systhema mit Macmillan Interactive, De Agostini und der Planeta-Gruppe eine strategische Allianz eingegangen, die `@Rom Europe' heißen wird. Nur ein deutscher Verlag erhielt den begehrten Milia D'Or, die Auszeichnung der Messe. Ullstein Soft Media nahm den Preis für die CD-ROM `Route 66' entgegen. (bb) (bb)