Wenig Merlin
Während sich die Messebesucher letztes Jahr auf dem IBM-Stand in Halle 2 nur so drängelten, ging es dieses Jahr ruhiger zu. Kein Wunder, denn viel Neues hatte IBM nicht zu bieten. Nicht einmal das erwartete Merlin war als Beta-Version zu sehen.
Als Blickfang diente auf IBMs Stand ein roter Alfa Spider, den aber nicht IBM, sondern der Hersteller der Scan- und Bildbearbeitungssoftware Impos/2, Compart, hingestellt hatte. Er ist der Hauptgewinn eines Kreativwettbewerbs, bei dem man ein Bild verfremden, retuschieren oder anders montieren muĂź. Eine spezielle Wettbewerbsversion von Impos/2 kann man bei Novastar, Augsburg, gegen Einsendung eines mit 2 Mark frankierten RĂĽckumschlags anfordern. Sie liegt ebenfalls in der Compart-Mailbox (0 70 31/62 05 18) zum kostenlosen Download bereit. Als EinsendeschluĂź fĂĽr den auf Deutschland begrenzten Wettbewerb hat Compart den 9. September festgeschrieben.
Einen zweiten Wettbewerb hat Team Computer, Köln, mit dem `CeBIT-Computergraphics- Challenge '96' initiiert. Mit dreimal 10 000 Mark prämiert der Entwickler des neuen Raytracing- und Animationsprogramms NeoN Graphics 3D (siehe auch den Test auf Seite 98) die besten Animationen, die mit der 99 Mark teuren Light- oder der Vollversion dieser Software erstellt wurden. Dabei stehen den Teilnehmern die Kategorien Logo-Animation, TV-Spots und die `Visualisierung technischer Prozesse' zur Auswahl.
Kaum Neues
Abgesehen von NeoN Graphics war nur wenig von neuen OS/2-Produkten zu sehen. Von der Lotus SmartSuite für OS/2 konnte die IBM-Tochter lediglich Word Pro als Beta-Version vorführen. Sie entspricht weitgehend der Windows-Version und gibt einen Vorgeschmack auf die Merlin-Oberfläche: Word Pro verzichtet auf Notizbücher für Einstellungen und benutzt statt dessen Windows-ähnliche Dialoge mit Karteikarten. Diese werden wahrscheinlich die bisherigen OS/2-Notizbücher im gesamten Betriebssystem ersetzen. Von den anderen Applikationen (Lotus 1-2-3, Freelance Graphics und Approach) war dagegen noch keine OS/2-Version zu erblicken.
Weggezaubert
Mit Merlin waren die Entwickler in Austin noch nicht so weit, daß man es einem breiten Publikum hätte zeigen wollen. Hinter den Kulissen konnten einige wenige jedoch eine frühe Vorversion betrachten. Fraglich war aber, ob es sich um eine aktuelle Version handelte. An der Oberfläche hatte sich noch nicht viel getan, und mit NPSWPS sowie dem Lotus SmartCenter, die beide auf diversen ftp-Servern kostenlos zugänglich sind, kann sich jeder Warp-Benutzer dieselbe Oberfläche zusammenstricken. Das Betriebssystem selbst bestand aus nicht viel mehr als dem bisherigen OS/2 mit FixPak 17 und dem fertiggestellten DAPIE. Das jetzt ebenfalls in der Version 1.0 verfügbare OpenDoc und ein neues BonusPak mit Anwendungen werden neben vielen anderen Erweiterungen zusätzlich ihren Weg in Merlin finden. Als Zielgruppe für Merlin sieht IBM in erster Linie den `connected consumer', unter dem man aber nicht unbedingt den privaten User zu verstehen hat, der sich mittels Modem oder ISDN- Karte ins Internet einwählt. Vielmehr sieht IBM in ihm den Benutzer, der in vernetzten Umgebungen mit oder ohne Internet-Anbindung arbeitet. Dementsprechend will IBM Merlin in erster Linie als universellen Netzwerk-Client für die wichtigsten Server im Markt plazieren, darunter Warp Server, Windows NT, Banyan Vines und Netware. Die bereits von Warp Connect bekannten Peer-Services sollen ebenfalls enthalten sein. Die bisherigen LAN-Requester und Peer- Requester, von denen bislang jeweils nur einer laufen darf, will man zu einem einzigen Requester verschmelzen. Auf diese Weise läßt sich ein Server auch bei laufenden Peer-to-Peer- Diensten administrieren. Dank Remote-Access-Unterstützung können sich Angestellte etwa von zu Hause ins Firmennetz einklinken, und ein Dateisynchronisationsmechanismus sorgt dafür, daß alle Files auf dem Server und auf dem Client auf demselben Stand bleiben. Den Zugriff aufs Internet will man mit einem ins System integrierten Web-Browser vereinfachen. Ein neuer ftp-Client arbeitet als reine WPS-Anwendung. Ein spezieller ftp-Ordner enthält dann weitere Ordner, für jeden ftp-Server einen. Durch Anklicken dieser Ordner stellt der Benutzer eine Verbindung her und kann Dateien mittels Drag&Drop auf dem Desktop in beide Richtungen übertragen. So neu ist dies allerdings nicht, denn jeder OS/2-Benutzer kann seine ftp-Sitzungen so schon heute mit dem frei erhältlichen LWPFTP durchführen. Es liegt unter anderem auf ftp.leo.org zum Download bereit.
RĂĽckbesinnung
Über viele Dinge an der nächsten OS/2-Version kann man derzeit nur spekulieren. Eines steht jedoch jetzt schon fest: Die enorm hohen Erwartungen vieler OS/2-Heimanwender wird Merlin kaum erfüllen. An der Oberfläche betreibt IBM lediglich Kosmetik und läßt dem Betriebssystem an sich nicht viel mehr als Wartung angedeihen. Mit Merlin bedient Big Blue vor allem ihre angestammte Kundschaft in Firmen mit vernetzten Umgebungen, die vor allem Branchenlösungen als Software einsetzen. Und mit dem neuen Warp Server kann man Novells Netware und Microsofts NT Server ein konkurrenzfähiges und preiswertes Produkt entgegensetzen. Den Kampf gegen Microsofts Windows 95 auf dem Massenmarkt, der mehr Kosten verursacht als Nutzen gebracht hat, scheint IBM aber aufgegeben zu haben.(db) ()