Zeit der Blender

Neben dem diesbezüglich ausgereiften Macintosh nehmen sich Multimedia-PCs wie Bastellösungen aus. Noch. Intels MMX-Technologie soll's richten, doch das wird dauern. Fehlanzeige auch beim USB, dem Billig-Bus zur Plug-and-Play-Anbindung von Peripheriegeräten. So widmen sich die einen der äußeren Hülle, die anderen setzen auf Interimslösungen, während die Großen der Branche den Overkill planen - alles, um dem PC den Weg in Wohnstube und Kinderzimmer zu bahnen.

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Von
  • Arno Kral
Inhaltsverzeichnis

Die Annektierung von Alltagsgeräten wie Fernseher, Spielkonsole, Radio, Telefon, Fax und Anrufbeantworter durch den PC kommt in Fluß - zäh wie Melasse. Allen Zweiflern der Zweckdienlichkeit solcher All-in-One-Lösungen zum Trotz ergreift Intel mit der MMX-Technologie (Multimedia Extensions) die Flucht nach vorn (siehe S. 22, S. 90), zu viele Hersteller setzen für Video-, Ton- und Fax-Aufbereitung bereits auf den DSP (Digitaler Signal Prozessor) statt Pentium. Intel konnte sogar Microsoft halbweich kochen, sich der Multimedia-Erweiterungen im Pentium-Befehlssatz anzunehmen. Den Entwicklern wurden sie auf der Intermedia in San Francisco vorgestellt, dem Massenpublikum auf der CeBIT. Die Beihilfe erfolgt jedoch nicht auf Betriebssystemebene, sondern auf DLL-Basis, ein MMX-Windows-95- Update wird es also nicht geben. Wie es anders gehen soll, dürfen sich (Spiele-)Entwickler auf dem Microsoft-Kongreß `Tech Ed' Ende Juni in Nizza einflößen lassen. Intels großes Roll-Out für den USB (Universal Serial Bus) auf der CeBIT war ausgefallen, weil ein Bug im neuen TXC-Chipsatz saß, und so hielten sich auch die Peripheriehersteller USBedeckt.

MMX- und USBlos, dafür mit optisch ansprechenden Systemen, debütierte die französische Firma Upke Systems auf der CeBIT 96. Nach zweijährigem Vorlauf wurde sie 1995 mit dem Ziel gegründet, `echte' Multimedia-PCs mit hohen Ansprüchen an Aussehen und Handhabbarkeit herzustellen. In Sachen Multimedia mußte man zunächst mit Miro-Multimedia-Add-Ins vorliebnehmen: TV-Tuner mit Videotext, V.34-Faxmodem mit Anrufbeantworter und 16-Bit-Wavetable-Soundkarte arbeiten im Flaggschiff System 2626 (siehe c't 4/96, S. 48). Lautsprecher und Mikrofon sitzen im Gehäuse, und hinter der Frontscheibe arbeitet ein 12,1-Zoll-TFT-Display (der Platz reichte für die doppelte Größe). Tastatur und Maus birgt die untergebaute Schublade - alle Gerätefunktionen sind außerdem per Infrarot-Fernbedienung steuerbar. Bis zu vier CDs im Quadspeed-CD-ROM- Wechsler (NEC) lassen sich zusätzlich über Druckknöpfe an der Gerätefront ansprechen.

Das System 2626 spielt alle gängigen Video-, CD-Audio- und CD-ROM-Formate inklusive MPEG-I und CD-i. Herzstück ist ein PCI-Board mit Intels VX-Chipsatz und Stand-by- /Suspend-Funktion. Es trägt eine Pentium-CPU (bis 200 MHz Takt), 256 KByte L2-Cache und 16 MByte EDO-RAM. Die Festplatte faßt 1,2 GByte; das Betriebssystem heißt Windows 95. In Deutschland will Upke im Juni Einzug in die Wohnzimmer halten, ein fragliches Unterfangen, auch wenn der Preis von rund 6000 US-$ bei dieser Ausstattung nicht überzogen scheint.

Mit schreienden Farben sticht der LCD-PC 6000 ins Auge, eine Design-Studie, die die taiwanische Firma Dual Group fürs Kinderzimmer entwickelt hat. Dort hat elektrische Hochspannung nichts verloren, ein Jugend-PC muß also ohne herkömmlichen Monitor auskommen. Dual setzt auf ein 12,1-Zoll-TFT-Display mit SVGA-Auflösung. Im Gehäuse sitzen zwei 5-Watt-Lautsprecher und ein Stereo-Mikrofon. Die weitere Ausstattung folgt gängigem Pentium-PCI-Standard: Asus-Board (TP4XN, 512 KByte Cache, 16 MByte EDO-RAM), 1-GByte-EIDE-Festplatte, CD-ROM-Laufwerk mit sechsfacher Drehzahl. Dazu kommt die Soundkarte Vibra 16C von Creative Labs und eine 32-Bit-PCI-Grafikkarte. Die MPEG-Video-Wiedergabe erfolgt nur per Software - ein Fall für den künftigen MMX-Pentium. Der LCD-PC legt sich auf Knopfdruck `schlafen' (Suspend- Funktion) und läßt sich ohne erneutes Booten auch wieder `aufwecken'. Wahlweise OS/2 Warp oder Windows 95 verrichten ihren Dienst. Doch ohne CE-Zertifizierung fehlt dem Vorserienmodell die Zulassungsvoraussetzung für den hiesigen Markt. Der Preis, den der deutsche Distributor Signum Data grob auf 4500 Mark schätzt, scheint in Anbetracht des TFT-Displays zwar gerechtfertigt, aber eine integrierte Multimedia-Maschine ist auch der LCD-PC nicht. Wenn überhaupt, wird er hierzulande frühestens im Juli lieferbar sein.

Einen zaghaften Vorstoß in Richtung Billig-Imaging - eine weitere Lesart für den Begriff Multimedia - unternahm indes Hewlett-Packard. Unter dem Namen `Pavilion' brachte man die in USA seit Mitte 1995 vertriebene PC-Serie für Heim und Familie nach Europa. Den Design-Schwerpunkt legte man auf Benutzerfreundlichkeit: So vereinfachen farbig kodierte Stecker die (Nicht-USB-)Verkabelung; bunte, interaktive Startbildschirme à la Microsoft Bob für anfangs drei Familienmitglieder lenken den unerfahrenen Anwender durch die Applikationen, eine `Kindersicherung' schützt kritische Datenbereiche. Die Multimedia- Ausstattung beschränkt sich dann doch nur auf eine 16-Bit-Soundkarte und ein sechsfach- CD-ROM. Die Ausnahme macht das Modell 7130p: Dort steckt in einem Laufwerksschacht ein Fotoscanner (siehe S. 53) zum Einlesen von Farbbildern. Der Rest folgt ebenfalls dem Pentium- PCI-Standard: 133-MHz-CPU, 16 MByte EDO-RAM, 1,6-GByte Festplatte. Der Listenpreis liegt knapp unter 5400 Mark, für den optionalen 17-Zoll-Multimedia-Monitor (Lautsprecher und Stereo-Mikrofon inklusive) sind rund 1400 Mark zu addieren.

In Anthrazitgrau zeigte SNI den `All-in-One-PC' Multimedia Star FD 203 M6. Im kompakten Gehäuse mit Bildschirm, Fernseher mit IR-Fernbedienung, Stereoanlage, Lautsprechern und Audio-Mischpult finden sich Soundkarte, Faxgerät, Anrufbeantworter, V.32bis-Modem und ein Quadspeed-CD-ROM- Drive. Das Faxmodem baut per Wähleinrichtung aus einem elektronischen Telefonbuch sogar Sprachverbindungen auf. Der FD 203 löst den Vorgänger FD 202 ab und ersetzt ihn auch in der Angebotspalette: Noch nicht abgewickelte FD-202-Aufträge bedient Siemens Nixdorf mit dem neuen Modell. Im PC steckt jetzt eine Pentium-CPU mit 100 MHz Takt, das RAM faßt 8 MByte (erweiterbar auf 128 MByte), die EIDE-Festplatte speichert 850 MByte. Der Monitor mißt in der Diagonale 15 Zoll und wartet mit einer Besonderheit auf: SNI betreibt ihn wahlweise als Fernseh- oder Computerbildschirm, die Umschaltung der Zeilenfrequenzen (FBAS, VGA) erfolgt automatisch. Die Grafikkarte liefert bis 1024 ¥ 768 Pixel. Eine Euro-AV-Buchse (SCART) verbindet den FD 203 mit Fernseher oder Videorecorder, für die digitale Videoaufzeichnung im AVI-Format wird indes eine optionale Framegrabber- Karte benötigt. Den optionalen MPEG1-Decoder bezieht SNI als OEM-Produkt von Fast. Der FD 203 verbraucht im Stand-by-Betrieb 3 Watt und läßt sich außer über Maus und Tastatur durch ein eingehendes Fax oder über eine IR-Fernbedienung aktivieren. Der Preis liegt bei 4000 Mark.

Frog-Design: Im neuen Kleid präsentiert Acer seine CeBIT-Neuheiten. Die Farben Petrolgrün oder Anthrazit und die sanft geschwungenen Konturen heben die Acer-Modelle aus dem Einheitsgrau eckiger Standard-PCs heraus; auch soll das Design der Innereien die Kosten für Herstellung und Wartung reduzieren. In den Spitzenmodellen Desktop P 133 respektive MidiTower P 133 arbeitet derzeit eine 133-MHz-Pentium-CPU. Für Windows 95 fällt der Speicher mit 8 MByte zu mager aus; er läßt sich jedoch auf bis zu 128 MByte aufstocken. Die Festplatte faßt 1,6 GByte, das CD-ROM-Laufwerk arbeitet mit sechsfacher Drehzahl. Zum Lieferumfang zählen eine Faxmodem-Soundkarten-Kombination (28 800 bps, 16-Bit-Wavetable) und 37 Software-Titel. Im gleichen Design liefert Acer drei MPR-II- Monitore der Größen 14, 15 und 17 Zoll. Die Preisbildung überläßt Acer dem Fachhandel.

All dem Hardware-Gebastele will nun ausgerechnet Microsoft ein Ende setzen: Zum 1. April (kein Scherz!) enthüllte Boss Bill Gates vor 3000 Entwicklern und Führungskräften der PC-Hardware-Industrie den Entwurf des Simply Interactive PC (SIPC): Eine für Windows 95 designte Blackbox, die nur noch das Nötigste enthält und einzig über die beiden externen Bussysteme USB und IEEE 1394 erweitert wird (`sealed case that never need to be opened for users to connect and add new devices'). Der SIPC soll einfach wie ein Videorecorder zu bedienen sein, die Audioqualität einer Hi- Fi-Anlage besitzen und in der Videoperformance S-Video- oder Hi-8-Geräten nicht nachstehen. Dazu soll der SIPC schnell wie der Wind durchs Internet surfen und per `OnNow' systemweites Instant-On-Powermanagement bieten - eine Erlösung für all jene, die auf einem PC allein deshalb nicht fernsehen mögen, weil sie Gefahr laufen, das erste Tor zu verpassen, während der Rechner noch bootet. Gates: `Der PC wird das zentrale Steuergerät für Unterhaltung und Kommunikation, er wird neben den Geräten der Unterhaltungselektronik in den Wohnstuben stehen.' Derlei war freilich auf der CeBIT bereits auf dem Sony-Stand zu sehen: Per IEEE 1394-Bus konnte man dort vom Windows-PC aus einen DVD-(Digital Video Disk) und einen Minidisk- Player steuern und Video- und Audio-Daten von hie nach da schieben - ein Modell für den UHB (Universal Home Bus)? Klar war, daß Gates den wg. Internet steigenden Aktienkursen aus dem Hause Sun (`House of the rising Sun') etwas entgegensetzen mußte. Und so ganz aus der Luft gegriffen ist die Gates'sche Hardware-Offensive nicht: `Die SIPC- Technologie wird die PC-Plattform über neue Anwender und neue Anwendungen bringen', sagte Intel-Präsident Andy Grove - und das Intel'sche Kaiserreich mittelalterlicher Prägung wußte schon immer seine Macht zu mehren.(kr) (ole)