Völker, hört die Signale

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Von
  • Andreas Stiller

Nein, nicht von fruntzelnden digitalen Signalen (s. u.) ist hier die Rede, ausnahmsweise auch nicht einmal von Kompjutern und Prozessoren - vielmehr möchte ich mich für die Große Reform ins Zeug legen. Zwar tritt sie offiziell erst im August 98 in Kraft, aber substanziell wirft sie jetzt schon ihre segnenden Schatten voraus. Einige Bundesländer gehen dabei in hohem Schritttempo voran: ab 1. Juli 96 sollen hier die Pädagogen die neuen Schreibweisen schon einführen oder zumindest (er-)dulden.

Entgleisungen wurden rechtzeitig entschärft, so hat der niedersächsische Landesschäff Schröder mutig verhindert, dass das Restaurant zum kärglichen Restorant mutiert (wo Gerd doch früher am liebsten Currywurst-Pommes/Majo- oder war's mit Ketschup? - bei Plümmecke konsumierte). Nun ja, heutzutage speist er wohl lieber auf Opernbällen gebackenen Tunfisch mit Schikoree-Salat.

Die Sprachneuerung wirkt sich derweil durchaus schon auf unsere alltägliche Arbeit im Allgemeinen und im Besonderen aus: so spaltet sich die c't-Redaktion in überschwängliche Befürworter und belämmerte Gegner der Großen Reform. Erstere tragen nur deshalb keine Tie-Schörts mit "ich bin dafür", weil man das in Hannover als Expo-Bekenntnis missverstehen würde (außerdem ist es derzeit einfach zu kalt). Die konservative Gegenseite betrachtet logischerweise jedwede Änderung gewohnter Strukturen als kulturellen Frefel.

Besonders behände Neuwort-Protagonisten fühlten sich durch den Innovationsgeist so inspiriert, dass sie gar heran gingen, selbstständig die Sprache weiterzuentwickeln. So platzierte Carsten Meyer in einem Aufsehen erregenden DSP-Glossar [c't 7/96, S.278] diverse fundamentale Begriffe, wie fritzeln und fruntzeln, britzeln, bratzeln und brunzeln - wo sich doch unmittelbar die Frage aufdrängt, wie die deutsche Sprache bislang ohne diese elementaren termini auskommen konnte.

Schade, dass sich der Reformeifer trotz intensiver, immerhin 15-jähriger Reschersche auf solche Winzigkeiten wie Ketschup beschränkte, über die ich dummerweise nur selten zu berichten Gelegenheit habe. Wie gut täte es doch meinen Texten, könnte ich vom Duden abgesegnet von gekäschten Systemen sprechen: er käscht, er käschte ... oder heißt es vielleicht "er kusch"? Was ist mit Bandling und Refräsch, wie wird gestrobt, gemäppt und gebänscht? Jede Menge offener Fragen ...

Dennoch, im Großen und Ganzen ist sie schon ein Schritt in die richtige Richtung, wenn auch die letzten Quäntchen noch fehlen, damit die Reform auch wirklich zum allgemein anerkannten Standart (Trefferquote in www/Altavista: 3831) wird.

aufs Herzlichste
Andreas Stiller

ps: Sollten sich einige ortografische Fehler eingeschlichen haben: am Besten, Sie nummerieren sie mal durch ... (ole)