Tendenz: Verhalten

Auf der Computex, der drittgrößten Computermesse der Welt, herrschte dieses Jahr eher Zurückhaltung bei Ausstellern und Besuchern. Viele Einkäufer plagte obendrein große Unsicherheit ob der Entwicklung des PC-Marktes in den nächsten Monaten.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 13 Min.
Von
  • Georg Schnurer
Inhaltsverzeichnis

Im Zeichen sinkender Margen und eines stetig härter werdenden Verdrängungswettbewerbs fand die diesjährige Computex in Taipei, Taiwan, statt. Das viel zu kleine Ausstellungsgelände im Zentrum der Stadt platzte zwar aus allen Nähten, und der Besucherandrang erfüllte die hochgesteckten Erwartungen der Messeveranstalter, dennoch machte sich kein Hochgefühl unter Besuchern und Ausstellern breit. Schuld daran waren die anstehenden Neuerungen rund um den PC.

Vor allem der Wechsel vom etablierten AT-Format hin zu ATX bei Motherboards, Gehäusen und Netzteilen sorgt für Verunsicherung. Die Branche ist sich zwar einig, daß sich der neue ATX-Formfaktor durchsetzen wird, wann genau dies aber passiert, dazu wagt kaum einer eine Prognose. So halten sich Händler und Hersteller zurück und beschränken sich auf kleine Stückzahlen. Schließlich will niemand sein Lager mit Waren füllen, deren Preis jederzeit nachgeben kann. Die fatale Folge dieser Taktik: Bei ATX-Komponenten herrscht ein geringes Produktionsvolumen, was wiederum die Kosten nach oben treibt. Weshalb die Händler natürlich noch vorsichtiger ordern, was erneut ein Sinken der Preise verhindert.

Diese Angstspirale kann aber letztlich nur der Kunde durchbrechen. Erst wenn die Verkäufer in den Läden immer öfter nach Rechnern im ATX-Format gefragt werden, wird sich die Bereitschaft der Händler erhöhen, ATX-Komponenten ins Lager zu nehmen. Für den Anwender, das steht außer Zweifel, hat ATX vor allem Vorteile: Der lärmende CPU-Lüfter entfällt, alle Erweiterungssteckplätze sind in voller Länge nutzbar, alle Anschlüsse für die On-Board-Schnittstellen sind sauber herausgeführt, und das Netzteil ist endlich in der Lage, im Sleep-Modus die Leistung herunterzufahren.

Veränderungen ganz anderer Art gab Soyo bei einer Pressekonferenz am Vortage der Computex bekannt: Der bisher vornehmlich als Produzent von x86-Motherboards bekannt gewordene taiwanische Hersteller hat ein Lizenzabkommen mit Motorolas Computer Group (MCG) unterzeichnet, das Soyo berechtigt, PowerPC-Boards zu fertigen und diese zusammen mit dem MacOS auszuliefern. Als Ausgangsbasis für die eigenen PowerPCs nutzt Soyo das Motorola-Board mit dem Code-Namen 'Yosemite'. Es entspricht dem HRP-Standard und kann sowohl mit dem Apple-Betriebssystem als auch mit Windows NT umgehen. Als CPU dürfte wohl der PowerPC 604 mit 180 MHz zum Einsatz kommen.

Ein besonderes Goody kann Soyo seinen 'Mac-Clones' aufgrund der schon seit längerem praktizierten Zusammenarbeit mit Diamond mitgeben: Als Grafik-Accelerator soll eine Diamond Javelin 3000 zum Einsatz kommen - allerdings nicht als PCI-Steckkarte, sondern direkt auf dem Board integriert. Die Javelin-Hardware bietet einen Grafik- und Multimedia-Accelerator, der QuickDraw beschleunigt und es ermöglicht, QuickTime-Videos im Full-Screen-Modus abzuspielen. Wann die ersten Soyo-Macs auf den Markt kommen, steht indes noch nicht fest.

Engagement in Sachen PowerPC zeigt auch der Chiphersteller Winbond: Noch in diesem Jahr will man einen eigenen PowerPC-Chipsatz auf den Markt bringen. Die darin enthaltene PCI-to-ISA-Bridge (W83C553F) soll aber nicht nur mit PowerPC-, sondern auch mit x86-CPU-Bridges zusammenarbeiten können.

Im Rennen um die schnellste Windows-CPU versucht Cyrix jetzt wieder die Führung zu übernehmen. Der 6x86 P200+ soll Intels Pentium 200 in dieser Disziplin die Show stehlen. Allerdings hat der Herausforderer einen Pferdefuß: Die CPU arbeitet mit einem externen Systemtakt von 75 MHz. Die Intel-Vorbilder begnügen sich dagegen mit 66 MHz. Damit sind passende Chipsätze, die die höhere Frequenz verkraften, nicht gerade der Standard. Derzeit bieten nur VIA (Apollo Master VP) und VLSI (Lynx) entsprechende Bausteine an.

Abgesehen von der knappen Auswahl bei den Chipsätzen haben die externen 75 MHz einige Vor- und Nachteile. So lassen sich jetzt SDRAMs besser ausnutzen, was eine höhere Memory-Performance verspricht. Andererseits erzwingt die nicht durch 33 teilbare Taktrate einen asynchronen PCI-Bus, was aller Voraussicht nach zu spürbaren Einbußen bei der PCI-Performance führen wird - es sei denn, man löst das Problem so, wie es derzeit FIC macht. Deren P200+-Platine auf Basis des VIA Apollo Master VP arbeitet mit einem synchronen PCI-Takt von 37,5 MHz. Das widerspricht allerdings der PCI-Spezifikation und dürfte deshalb mit diversen PCI-Karten Probleme bereiten.

DFI setzt beim G586-VPS Pro auf den VLSI-Baustein, der mit einem asynchronen PCI-Takt arbeitet. Über die Performance des neuen Lynx-Chipsatzes ist bislang noch nichts durchgesickert. Es bleibt deshalb abzuwarten, wie schnell der Cyrix P200+ in diesem Board tatsächlich arbeitet. Bemerkenswert ist auf jeden Fall das gekapselte Spannungsreglermodul von Solomon Technologies, das DFI einsetzt. Statt der üblichen Längsregler mit mächtigen Kühltürmen arbeitet das Modul mit einem 'Schaltnetzteil', das höhere Ströme liefern kann als konventionelle Regler und dennoch weniger Abwärme produziert.

Ob es Cyrix aber angesichts der Schwierigkeiten mit dem höheren externen Takt tatsächlich gelingt, neben einem Achtungserfolg für die 'schnellste Windows-CPU der Welt' auch einen wirtschaftlichen Erfolg zu erzielen, steht noch in den Sternen.

Neuigkeiten ganz anderer Art gibt es von Asus zu berichten. Wer sich bislang nicht entscheinen konnte, ob er ein Pentium-oder ein Pentium-Pro-Board kaufen soll, erhält jetzt mit dem P/I-XP6NP5 die ultimative Platine für den Unentschlossenen. Das neue Board bietet Asus mit zwei CPU-Steckkarten an, die wahlweise mit einem oder zwei Pentium- oder Pentium-Pro-Prozessoren arbeiten.

Das Board im ATX-Format bietet drei ISA- und fünf PCI-Slots, acht PS/2-SIMM-Steckplätze und alle üblichen I/O-Schnittstellen. Ein Preis für die neue Platine war bis zum Redaktionsschluß noch nicht zu erfahren.

Gigabyte feierte unterdessen mit großem Tamtam sein zehnjähriges Firmenjubiläum. Neben den bei solchen Anlässen üblichen Reden und Grußworten gab es eine Lasershow und traditionelle Drachentänze - alles eingehüllt in reichlich Nebel - zu sehen. Gigabyte nutzte den feierlichen Rahmen, um das neue, modernisierte Firmen-Logo zu präsentieren.

Für ein Ereignis ganz besonderer Art sorgte der Vobis-Chef mit dem 'Theo Lieven's Night on Mozart Piano Concerto'. Zusammen mit seinem derzeitigen Hoflieferanten FIC und der von ihm geförderten 'International Pace Piano Teaching Foundation' veranstaltete er am Abend des 6. Juni ein Konzert in der gut besuchten National Concert Hall von Taipei. Als Einstimmung spielte das Taipei Century Symphony Orchestra Mozarts 'Kleine Nachtmusik' (Köchelverzeichnis 525). Anschließend gab sich Theo Lieven selbst die Ehre mit dem 'Piano Konzert Nummer 23 in A-Dur' (KV488). Den Abschluß bildete wiederum das Orchester mit der Symphonie Nummer 40 in g-Moll (KV550). Das Spiel des Vobis-Chefs enthielt zwar einige, wenn auch gut überspielte Patzer und ließ in manchen Passagen Kraft und Ausdruck vermissen, trotzdem muß man Theo Lieven für seinen Mut Anerkennung aussprechen.

Viel Rummel gab es auch auf dem Messestand von SiS. Man zeigte voller Stolz den neuen SiS-5596-Chipsatz mit integriertem VGA-Controller. Den bereits seit längerem angekündigten Triton-Herausforderer SiS 5571 hat man allerdings erst einmal auf Eis gelegt. Seine Entwicklung soll erst dann vollendet werden, wenn der 5596 marktreif ist.

Im Gegensatz zu den marktschreierischen Präsentationen und Broschüren, mit denen Intel den Universal Seriel Bus (USB) propagiert, herrschte auf der Computex geradezu Grabesstille, wenn man bei Mäuse-, Tastatur- und Scanner-Herstellern nach dem angeblich so erfolgreichen Peripherie-Bus fragte. Keiner der von uns befragten Hersteller konnte konkrete Produkte mit USB-Anschluß vorzeigen. Es gäbe wohl Pläne, den Bus zu nutzen, aber wann diese umgesetzt würden, hieß es, stünde noch nicht fest. Vor Anfang 97, so war die übereinstimmende Meinung, gebe es ohnehin keine Notwendigkeit, den Intel-Standard zu unterstützen. Konkrete Produkte zu USB gab es eigentlich nur bei CMD in Form einer PCI-Steckkarte mit zwei USB-Ports zu sehen. Peripherie, die diese dann nutzt, fanden wir nicht.

Nachdem der Markt gerade noch an den 10fach-CD-ROM-Laufwerken und ihren Tücken zu schlucken hat, schicken sich einige Hersteller bereits an, die nächste Hürde zu nehmen. '12x' heißt das Zauberwort, das bei Addonics, einem Acer-Ableger, und Optics Storage für Umsatz sorgen soll. Ob die erhöhte Drehzahl allerdings auch in der Praxis zu höherer Performance bei CD-ROM-Applikationen führt, darf angesichts unserer Erfahrungen mit 8fach- und 10fach-Laufwerken angezweifelt werden. Auf dem Markt verfügbar sollen die Newcomer erst ab Ende August sein. Optics Storage erwies zudem bei der Namensvergabe für ihr Modell 8622 keine sehr glückliche Hand. Die vorgesehene Bezeichnung 'Maverick' ist bereits einschlägig vorbelastet: Viele Anwender assoziieren damit eine betagte und recht langsame Festplatte von Quantum.

Traditionell gut vertreten auf der Computex sind die Hersteller von Mäusen. Beim Rundgang fielen uns vor allem zwei Modelle ins Auge. A4-tech präsentierte ein High-Resolution-Modell (Pro-9V, 400-7500 DPI) mit einer zusätzlichen dritten Taste an der rechten Seite, die erheblich besser zu bedienen ist als übliche 3-Tasten-Mäuse. Ein interessanter Maustyp ist auch der 'Super Pointer' von Supergate, einem taiwanischen Hersteller, der bislang noch keinen Distributor für Europa hat. Der Super Pointer ist eine Mini-Maus mit festem Bewegungsradius, die mit absoluten Koordinaten arbeitet (siehe Bild). Damit ist das Ende des Bildschirms auch stets mit dem Ende des 'Mauspads' identisch. Die absoluten Koordinaten ermöglichen obendrein ein präziseres Positionieren des Maus-Cursors.

Ebenfalls gut sortiert war das Angebot an Lautsprechern und Multimedia-Gehäusen. Eine nicht ganz neue, aber dennoch pfiffig weiterentwickelte BrüllwürfelVariante zeigte FIC mit dem MU300-Sound-System. Es paßt, wie das Vorbild von Sony, unter jeden Computer-Monitor, unterstützt aber zusätzlich 3D-Sound (SRS, Sound Retrieval System). Der 10-Watt-Sub-Woofer befindet sich direkt unter dem Platz für den Monitorfuß, die beiden Hochtonlautsprecher (je fünf Watt) jeweils links und rechts vom Bedienfeld. Sie lassen sich wie Satelliten vom Gehäuse lösen, um etwa bei Spielen einen optimalen Stereo- oder 3D-Sound-Effekt zu erzielen. Kommt es indes nicht so auf den Klang an, kann man sie wieder platzsparend unter den Monitor schieben.

Einen Foto-Scanner ganz besonderer Art fanden wir auf dem Stand von Primax. 'Foto Drive' paßt in einen 5,25-Zoll-Einschub und kann Farb- und Schwarzweiß-Fotos in einer Größe von 30 x 40 bis 127 x 178 mm² einlesen. Der Scan-Bereich beträgt maximal 105 x 168 mm² bei Auflösungen von 100 bis 400 dpi. Der Scanner zieht die Bilder, die zwischen 0,1 und 1,0 mm dick sein dürfen, automatisch ein und benötigt für einen 400-dpi-Scan nach Angaben von Primax nur 40 Sekunden. Zum Lieferumfang von Foto Drive gehörten neben einer ISA-Steckkarte für das proprietäre Interface die Software EasyPhoto und ein TWAIN-Treiber für Windows 3.1x und Windows 95.

Viel Neues gab es auch bei Tekram zu sehen, die ihre Produkte in Deutschland über ABC-Computer, Hamburg, unter dem Markennamen Galaxy vertreiben. Neben IDE- und SCSI-Hostadaptern bietet der Hersteller mit Sitz in Taiwan jetzt auch Motherboards und Infrarotzubehör an. Unter letzterem fand sich ein sehr nützliches Produkt für all jene, die einen Rechner besitzen, der einen IrDA-fähigen seriellen Port, aber kein Sende- und Enpfangsmodul hat. Mit IRmate IR-420 läßt sich dieses jetzt nachrüsten.

Wer Angst vor Stromausfällen hat, sich aber scheut, eine externe USV (Unterbrechungsfreie Stromversorgung) anzuschaffen, für den hat UPSI jetzt vielleicht eine maßgeschneiderte Lösung parat. DS-400AL und DS-600AL sind zwei USV-Anlagen, die in einem 5,25-Zoll-Laufwerksschacht Platz finden. Sie liefern 400 beziehungsweise 600 VA und überbrücken Netzausfälle von bis zu acht Minuten.

Mehr und mehr engagieren sich taiwanische Unternehmen auch im derzeit stark expandierenden Netzwerkmarkt. Selbst Firmen wie etwa Genius, die bislang vornehmlich den Multimedia-Bereich beackern, haben ihre Aktivitäten jetzt ins LAN-Segment ausgeweitet. Besondere Highlights fielen uns beim Rundgang allerdings nicht auf. Die Angebotspalette beschränkt sich zumeist auf die üblichen Netzwerkkarten, Switches und Hubs im Allerweltsformat. Dennoch gab es auch innovative Ausnahmen wie etwa den Stackable Ethernet-Hub von Macromate. Dieses Gerät ermöglicht je nach Ausbaustufe den Anschluß von 8, 16 oder 24 Arbeitsplätzen. Der Ausbau erfolgt modular, wobei jeweils eine Platine mit acht Ausgängen und ein Gehäuseteil ergänzt werden. Dadurch spart man sowohl am Gehäuse als auch bei Teilen wie etwa dem Netzteil, das alle Platinen gemeinsam nutzen. Die Geräte aus der MH-10xxS-Serie eignen sich besonders für kleine und mittlere Büros, die ohne 19-Zoll-Verteilerschrank auskommen.

Alles in allem war die Computex 96 keine Messe, auf der eine Sensation die andere jagt. Die Neuerungen heben sich die Hersteller eben traditionell für die Comdex und die CeBIT auf. Der Schwerpunkt lag vielmehr auf bald lieferbaren Produkten, die in den nächsten Monaten sicher auch auf dem deutschen Markt auftauchen werden. (gs) (gs)