Windows spieleoptimiert?
Microsoft will das letzte Standbein der DOS-Bastion kippen. Mit DirectX entsteht für Windows 95, Windows NT 4.0 und Power Mac eine Software, die Spiele mit perfektem Sound und schneller Grafik auf den grafischen Bedienoberflächen möglich machen soll. Die 95er-Version ist nun erhältlich.
- Jennis Meyer-Spradow
Spiele entwickeln unter DOS ist keine leichte Sache: jede Soundkarte erfordert einen eigenen Treiber, an den Hauptspeicher oberhalb von 640 KByte kommt man nur mit Verrenkungen, Beschleunigerfunktionen moderner Grafikkarten lassen sich nicht nutzen. Auch Spielern ist der Installationszirkus mit Extended- und Expanded-Memory oder Real- und Protected-Mode ein Graus.
Mit dem hardwareunabhängigen DirectX von Microsoft soll alles besser werden. DirectX besteht aus DirectDraw und Direct3D zur schnellen 2D- und 3D-Bildschirmausgabe, DirectSound für Musik und Geräuscheffekte und DirectPlay, um im Netz spielen zu können. Schon bei Windows 95 dabei sind DirectInput, um Eingabegeräte jeglicher Couleur anzusteuern (Joysticks neuerdings mit bis zu 4 Millionen Knöpfen), und AutoPlay, das die Installation von Software vereinfacht.
Für Entwickler könnte DirectX zu einem wahren Segen werden. Endlich müssen sie sich nicht mehr um Eigenheiten von 'fast' Soundblaster-kompatiblen Soundkarten kümmern. Statt dessen stehen ihnen nun DirectX-Funktionen zum beliebigen Gebrauch zur Verfügung. Die Abfrage von Hardwarefähigkeiten ist implementiert, im Zweifelsfall emuliert das HEL (Hardware Emulation Layer) die nicht vorhandenen Funktionen. Raffinierte Programmierer werden aber weiterhin nur die Funktionen nutzen, die die Hardware unterstützt, sinkt die Performance doch sonst ins Bodenlose. Stimmt die Rechnerleistung, erleichtert sich auch das Leben der Spiele-Freaks: CD ins Laufwerk und etwas warten, den Rest erledigt der Computer per AutoPlay.
Hardwarehungrig
DirectX könnte - wie Windows 3.x und Windows 95 - einen neuen Hardware-Boom auslösen. Die Rechenleistung heutiger Mainstream-Rechner reicht wohl nicht aus, und natürlich locken die Fähigkeiten neuer 3D-Grafikkarten. Aber auch sie sind nicht billig, benötigt 'gutes 3D' doch eine Menge Speicher. Karten mit 2 MByte sind durch Bildspeicher, Doppelpuffer, Z-Puffer und Texture-Speicher überfordert, den rechten Kick geben erst 4-MByte-Karten.
Laut Microsoft soll jeder Spielehersteller eine Runtime-Library von DirectX mit seinen Spielen liefern dürfen, ohne Lizenzgebühren zu zahlen. Das für Programmierer interessante Software Development Kit (SDK) mit der kompletten Dokumentation und vielen Beispielprogrammen gibt es auf den CDs der Juli-Ausgabe des Microsoft-Developer-Network (MSDN); Abonnenten des Visual-C++-Compilers werden wahrscheinlich leer ausgehen. Für semiprofessionelle und Hobby-Programmierer, die kein MSDN-Abo haben, bietet sich nur eine Möglichkeit, an das SDK zu kommen: Für eine begrenzte Zeit kann theoretisch jeder das SDK (http://www.microsoft.com/msdownload/directx2.htm) von Microsofts Internet-Server laden - theoretisch deshalb, weil sich die 34 MByte erst einmal durch Telekomleitungen quälen müssen. Einziger Trost ist, daß sich kleine Häppchen laden lassen. Weitere Bezugsquellen wird es aller Voraussicht nach nicht geben.
Mit Direct3D, einer Funktionssammlung zum Beschreiben, Verwalten und Anzeigen von 3D-Objekten glĂĽckte es Microsoft, vor dem groĂźen 3D-Hardware-Boom einen Software-Standard durchzusetzen. Damit ist die nicht nur fĂĽr Spielejunkies glĂĽckliche Situation eingetreten, daĂź es wahrscheinlich keinen K(r)ampf um verschiedene Normen geben wird. Die Liste derer, die DirectX unterstĂĽtzen, liest sich wie das Who-is-Who der Computerbranche; unter anderem finden sich AMD, ATI, Intel, Lucas Arts, Matrox, NEC, Number Nine, S3, Sega, Sony und nicht zuletzt IBM, die mit ihren OS/2-SDKs schon lange Vergleichbares zu bieten haben.
Wer heute schon Direct3D-Luft schnuppern will, kann die ersten drei Kapitel des im August bei Microsoft Press erscheinenden Buches '3D Graphics Programming for Windows 95' von Nigel Thompson herunterladen (http://www.microsoft.com/MEDIADEV/GRAPHICS/NIGEL1.HTM).
PlattformĂĽbergreifend
Die aktuelle Beta2 von Windows NT 4.0 enthält schon DirectDraw, DirectSound und DirectPlay. Direct3D für NT soll kurz nach Erscheinen des endgültigen NT 4.0 verfügbar sein. Eine Fassung für den Power Mac ist angekündigt, der Betatest soll im vierten Quartal 96 beginnen. (jm) (jm)