Telefonieren ohne Telekom
Seit dem 1. Juli 1996 dürfen private Telekommunikationsanbieter ihren Geschäftskunden neben Daten- auch Sprachdienste für geschlossene Benutzergruppen anbieten. Drei Unternehmen zögerten nicht damit, ihre neuen Angebote publik zu machen: Die Vebacom GmbH, Düsseldorf, nahm am Vorabend des Stichtages offiziell ihr neues Hochgeschwindigkeitsnetz in Betrieb, die RWE Telliance AG, Essen, veranstaltete am 1. 7. ihren ersten privaten Kommunikationstag. Fünf Tage später nahm die Bayernwerk Netkom GmbH in München ihr 4000 km langes Glasfasernetz in Betrieb.
Anstatt die Kunden mit Angeboten diverser Netztechnologien wie X.25, Frame Relay et cetera zu verwirren, baut die Vebacom ihre Highspeed-Verteilnetze komplett in ATM-basierter öffentlicher Vermittlungstechnik auf. Gegenwärtig besteht die Kommunikationsinfrastruktur aus 660 Netzzugangsrechnern in 150 deutschen Städten und Gemeinden.
Erster Kunde, der künftig seinen Telefonverkehr innerhalb des Unternehmensnetzes komplett an der Telekom vorbei abwickelt, ist die Frankfurter Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen. Die Netzanbindung erfolgt über den 'Managed Router Service' der Vebacom-Tochter Meganet: ISDN-Router in den Andersen-Niederlassungen stellen über öffentliche Leitungen Verbindungen mit der Netzzentrale von Meganet in Köln her.
Für die Anbindung von Privatkunden an die neuen Netze, die allerdings erst ab 1998 erlaubt ist, laufen derzeit Pilotprojekte mit CDMA- und DECT-Technologie. Vorläufig kommen nur Geschäftskunden in den Genuß einer preiswerteren Telefonrechnung. Durch den Umstieg wird Arthur Andersen seine In-house-Telefonkosten nach Einschätzungen von Meganet-Geschäftsführer Wolfgang Steiert um rund 15 Prozent reduzieren können.
Doch die Preisersparnis ist nur einer der Anreize, mit denen die neuen Carrier bisherige Telekom-Kunden zum Wechsel bewegen wollen. Von modernster Technik und damit der Fähigkeit, ausgeklügelte Service-Varianten wie Call-Center-Lösungen oder Workflow-Systeme für virtuelle Unternehmen anzubieten, versprechen sich die neuen Telcos die größere Wirkung.
So will der RWE-Ableger Telliance mit Sitz in Neu-Isenburg die Leistungen eines IT-Systemhauses mit den Diensten eines Betreibers von Telekommunikationsnetzen verbinden. Sein Angebot umfaßt 'Managed Services' wie LAN/WAN-Management, Call-Center-Lösungen, aber auch Dienste in den Bereichen Intranet, Telearbeit, SAP-Integration sowie den Aufbau von Datenkompetenz-Centern für EDI, Message Handling Services oder Point Of Sale/Point Of Information-Systeme.
Ein erster Kunde ist das Medienunternehmen 'Frankfurter Societät', Druckhaus der FAZ und Herausgeber regionaler Tageszeitungen im Großraum Frankfurt. Gegenwärtig verbindet das RWE-Netz die zwölf Niederlassungen der Societät miteinander. Darüber werden Sprach- und Datenanschlüsse bereitgestellt und Festverbindungen zur Druckdatenübertragung geschaltet. Die TK-Anlagen der jeweiligen Standorte wurden ausgelagert, die Teilnehmerverwaltung übernimmt RWE. In Zukunft, so Societäts-Geschäftsführer Roland Gerschermann, werde man auf dem Netz des privaten Anbieters neben der Aufbereitung von Inhalten und der Layout-Erstellung das Engagement im Bereich Online-Dienste verstärken. (Konrad Buck/ad) (ad)