Ungebremst
Vor neun Monaten setzte Miro einen neuen Maßstab für die digitale Videonachbearbeitung. Mit der PCI-Karte DC20 für unter 1300 DM gelang erstmals in dieser Preiskategorie der nonlineare Schnitt bei voller PAL-Auflösung. Jetzt legen die Braunschweiger noch eins drauf: das neue Topmodell DC30, das auf der CeBIT Home debütiert, soll höchste Ansprüche an Bild- und Tonqualität erfüllen.
- Christian Persson
Digitales Video in voller PAL-Auflösung (768 x 576 Pixel), das bedeutet nach gängigem Standard einen Datenfluß von 22 MByte/s zuzüglich knapp 200 KByte/s für 16-Bit-Ton. Gäbe es eine Festplatte, die sich so schnell beschreiben ließe, wüchse die Dateigröße binnen 90 Sekunden auf zwei GByte, das Maximum bei heutigen PCs. Ohne Datenkompression wäre deshalb an nonlinearen Schnitt mit handelsüblichen Rechnern überhaupt noch nicht zu denken. Doch dank Motion-JPEG, dem für Video-Nachbearbeitung üblichen Verfahren, lassen sich die Bilddaten fast beliebig 'quetschen' - freilich auf Kosten der Qualität.
Wie stark das Video komprimiert werden kann, hängt vom Detailgehalt der Bilder ab, und natürlich von den Ansprüchen des Betrachters. Eine Kompressionsrate von 10:1 oder gar 15:1 wird oft genügen, zumal das Urlaubs-Video sonst gar nicht auf die Platte paßt. Aber Video-Enthusiasten und -Profis fordern zumindest die Chance, bei Bedarf eine niedrige Kompressionsrate wählen zu können - ein Verlangen, das Miro mit der neuen DC30 weitgehend erfüllt. Die Rate läßt sich bis hinab zu 3,5:1 einstellen, als PCI-Busmaster liefert die Karte dann rund 6 MByte/s an komprimierten Videodaten ab.
Bei einer ersten Erprobung in der c't-Redaktion - noch mit Treibern in Beta-Version - erwies sich die optimale Einstellung als beinahe 'zu gut' für die Praxis: Aus dem Testfilm ließen sich partout nicht mehr als 5,7 MByte/s an komprimierten Daten gewinnen. Allenfalls mit extrem detailreichen Bildern dürfte sich dieser Wert übertreffen lassen. Wir sahen keinerlei Kompressions-Artefakte, die Bildqualität war nach erstem Eindruck perfekt. Es gibt also praktisch keinen Engpaß mehr bei der Video-Digitalisierung - vorausgesetzt, die Festplatte ist schnell und groß genug, um die Daten aufzunehmen.
Während der Aufzeichnung und bei der Wiedergabe lief der Film in voller Größe und ruckfrei gleichzeitig auf dem Rechner-Monitor. Ein Video-Overlay dieser Qualität gab es bisher nur mit speziellen Grafikkarten oder beim Power Macintosh (ab 7500). Die DC30 schafft es mit jeder Grafikkarte, deren Treiber DirectDraw unterstützen. Damit entfällt zumindest für den Amateur das Erfordernis, einen separaten Videomonitor anzuschließen.
Die hohe Transferrate und das gute Video-Overlay sind einem neuen Chip zu verdanken, der auf der DC30 erstmals in einem Produkt eingesetzt wird: Der PCI-Controller ZR36057 von Zoran bietet zwei Busmaster-DMA-Kanäle, über welche quasi-parallel die Audiodaten und die komprimierten Videodaten in den Arbeitsspeicher und die nicht-komprimierten Videodaten in das Grafik-RAM geschrieben werden. Über einen dritten Kanal holt sich der Controller noch nebenbei seine Steueranweisungen ab.
Der DMA-Transfer läßt auf dem PCI-Bus genügend Bandbreite für den Festplatten-Controller übrig, um die Daten aus dem Speicher auf die Festplatte zu schaufeln und dabei deren Leistung auszuschöpfen. Bei der Erprobung war eine AV-Platte von Micropolis im Einsatz, die mit 5,7 MByte/s nicht überfordert wurde. Andere Plattenmodelle, die während des Schreibens keine Zeit mit der Rekalibrierung vertrödeln, kämen alternativ in Frage. 'Eine SCSI-Platte muß es aber sein', sagte Miro-Produktmanager Frank Neuhäuser, 'EIDE funktioniert bestenfalls bis 3 MByte/s.' Ursache dafür seien zu lange Interrupt-Sperrzeiten, selbst bei Busmaster-EIDE-Controllern.
Die ältere DC20-Karte, die Miro für künftig 1100 DM im Programm behält, weist trotz richtungsweisender Konzeption eine Schwäche auf: Sie verarbeitet nur das Videosignal, für den Ton ist eine Soundkarte oder ein Soundchip auf der Hauptplatine zuständig. Die Synchronität von Bild und Ton ist deshalb bei längeren Filmsequenzen nicht gewährleistet - ein Problem, das sich verschärft bei Soundkarten mit ungenauen Frequenzgeneratoren stellt.
Miros neues Produkt kümmert sich nun selbst um 16-Bit-Stereo und soll unter allen Bedingungen einen perfekten, lippensynchronen Ton liefern. Ein Taktgenerator mit PLL (Phase Locked Loop) synchronisiert die Sampling-Rate, deren Nennwert sich auf bis zu 48 kHz einstellen läßt, mit der Zeilenfrequenz des Videobildes. Die PLL soll selbst das Jittern eines minderwertigen Camcorders ausgleichen. Übrigens kann die Karte auch WAV-Dateien abspielen. Ist bereits eine Soundkarte vorhanden, läßt sich der Tonausgang intern auf deren Line-Eingang legen, so daß weiterhin nur ein Boxen-Paar benötigt wird.
Die Integration des Tons hatte der Münchener Konkurrent Fast ja bereits zur CeBIT vorgemacht, als er mit der AV-Master ebenfalls eine Videoschnittkarte im Preisbereich unter 1500 DM präsentierte. Jetzt hat Miro den technischen Daten nach wieder die Nase vorn. Näheres wird ein ausführlicher Vergleichstest erweisen müssen, den wir für eine der nächsten Ausgaben planen. (cp)
Miro: Halle 4, C40 und Halle 6, E 50 (cp)