Wissen a la carte
Während hierzulande der Lexikonmarkt selbstzufrieden vor sich hindümpelt, sorgte Billyboy für eine Überraschung: Die Multimedia-Enzyklopädie Encartawurde unter immensem Aufwand ins Deutsche übertragen.
- Hansjörg Neth
- Dr. Thomas J. Schult
Die Microsoft-Strategen rechtfertigen ihren Kraftakt damit, daß nach Umfragen zwanzig Prozent aller Haushalte in nächster Zeit PC-Nachschlagewerke kaufen wollen. Bis zu vierhundert Fachübersetzer bastelten daher 18 Monate lang, um nicht nur 27 000 Artikel mit über sieben Millionen Wörtern ins Deutsche zu übersetzen, sondern auch der hiesigen Kultur anzupassen. Viele Beiträge - von Nina Hagen über Durs Grünbein bis zum Deutschen Vorsteherhund - fügten sie eigens hinzu. Auch Oskar Lafontaine findet sich, in revolutionärer Nachbarschaft zu Lafayette. Von der 'ergebnisoffenen' Pflichtberatung für Abtreibungswillige über die soziale Marktwirtschaft bis zur Fußballbundesliga entstand so ein Spiegelbild nationaler Errungenschaften. Auch in Spanien, Frankreich und Japan wird es lokalisierte Versionen geben.
Loreley statt Heisenberg
Manche bestehenden Einträge werteten die Redakteure auf: Der Deutsche Wein geistert nun immerhin über zwanzig statt über zwei Zeilen. Um Platz für die germanozentrische Perspektive zu schaffen, mußte zum Glück hauptsächlich multimediales Beiwerk weichen: Wo vorher James Joyce und Walt Whitman rezitiert wurde, erklingt nun Thomas Mann. Auch Zugspitze und Lorelei sind nun endlich beschaulich enthalten. Weichen mußten zwar nicht die Bilder von Michael Jordan und Magic Johnson, aber erstaunlicherweise ein wichtiges Gebiet der modernen Physik: Der umfassende Beitrag über Quantentheorie wurde auf wenige Zeilen gestutzt. Eine Konzession an die Zielgruppe 'ab 14'?
Von Langenscheidt stammt das integrierte Wörterbuch mit 50 000 Stichworten. Ein Doppelklick auf ein Wort im Lexikon liefert den passenden Wörterbucheintrag.
Die interaktiven Lernumgebungen wurden von zehn auf acht reduziert: Neben der amerikanischen Immigration, die doch auch auf deutschen Lehrplänen steht, fehlt noch der Nahrungsplaner, was vielleicht damit zu erklären ist, daß die amerikanische Gesellschaft kollektiv 'on diet' ist.
Monatliches Lifting
Auch das Quiz-Spiel sucht man vergeblich. Schließlich sind die Landkarten nicht mehr interaktiv - wohl um dem bald auf deutsch erscheinenden Encarta-Weltatlas keine Konkurrenz zu machen. Während das versprochene 'Historama' sich als die auch hierzulande bekannte interaktive Zeitleiste entpuppt, ist nun mit der Encarta erstmals ein Lexikon erhältlich, das regelmäßig aktualisiert werden kann: Monatlich darf sich der Enzyklopädist ein Megabyte der neuesten Metzeleien und Elementarteilchen aus dem WWW ziehen und automatisch einsortieren lassen. Wesentlich weiter geht die Internet-Integration beim künftigen Atlas, der 7000 direkte Links auf Web-Seiten enthalten soll.
Während der stolze Besitzer von dreißig Goldschnittbänden nur in Ausnahmefällen auf einen jährlichen Austausch verfallen wird, ist dies für Encarta-Besitzer weniger schmerzhaft: Für knapp einhundert Mark ist die jährlich frisch gepreßte Silberscheibe im Abonnement zu beziehen, während einzeln 199 Mark fällig sind. Die am 31. Oktober im Handel erhältliche Encarta 97 steht übrigens auf dem Stand von Juni 96: Pokerface Lebed ist bereits nationaler Sicherheitsberater, das 'Golden Goal' kann Europameister krönen, und auch der Rinderwahnsinn fordert seine Opfer.
Klar ist: Die Encarta schlägt die im letzten Heft vorgestellten deutschen Enzyklopädien in puncto Inhalt, Gestaltung und Bedienung. Jetzt ist Bertelsmann am Zuge, auf Microsofts Herausforderung im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse mit der neuen Discovery zu kontern. (ts) (ts)