Brennpunkt 3D
Windows NT, VRML, 3D-Grafikbeschleuniger aller Preisklassen gaben die Trends vor auf der Siggraph, der wichtigsten Konferenzmesse fĂĽr Computergrafik und interaktive Techniken.
- Tom Sperlich
- Christian Bauer
321 Firmen - rund 50 mehr als vergangenes Jahr - präsentierten sich, und 28 500 Besucher strömten Anfang August durch das Convention Center in New Orleans. Direkt beim Betreten der Ausstellungshalle stießen sie auf das Grafikparadies von SiliconGraphics (SGI) mit seinen Partnerfirmen, wo es neben schnittigen Demos mit der Onyx Infinite Reality bis zur Präsentation der neuen Spielekonsole Nintendo 64 vor allem Softwareneuigkeiten und überarbeitete Releases für den High-End-Bereich zu sehen gab. Die kalifornische Firma Fakespace hat, zusammen mit der Stanford University und SGI die Responsive Workbench (die bereits 1993 am GMD in St. Augustin entwickelt wurde) modifiziert und vermarktet sie unter dem Namen Immersive Workbench. Das Prinzip des Tisches (s. c't 9/93, S. 28), der eine hochqualitative 3D-Projektion erlaubt (die Betrachter tragen dabei Shutter-Brillen) blieb unverändert, überarbeitet wurde jedoch die Software und das Gehäuse. Eine Eingabemöglichkeit besteht jetzt auch mit dem doppelhändigen Pinch-Glove von Fakespace.
Zu einem der Messeschwerpunkte, VRML respektive 3D-Welten auf dem Netz, trug SGI mehrere neue Produkte bei. Das Grafik-Toolkit Cosmo 3D ist ein neues C++-API für die Erstellung plattformunabhängiger, interaktiver 3D-Welten auf dem Web (Beta für Windows 95/NT, für IRIX im Oktober, später auch für Apple). Die Grafikbibliothek unterstützt über 30 verschiedene Grafikdateiformate, darunter VRML 2.0. Über entsprechende Bindings gibt es eine Schnittstelle zu Java-Applikationen sowie zum für das erste Quartal 97 angekündigten Java 3D, das momentan von SGI, Sun, Intel, Apple und Microsoft entwickelt wird. Als weiteres VRML-Produkt zeigte SGI Cosmo Create 3D, ein komfortables 'Drag & Drop'-Autorenwerkzeug (IRIX), mit dem VRML-Welten auf einfache Weise erzeugt werden können. Mit einem integrierten Keyframe-Editor lassen sich auch Animationen erstellen.
Für SGIs Cosmo Player, das VRML-2.0-Plug-in für Netscapes Navigator (IRIX, Windows 95/NT) gab es ein API zu sehen, mit dem Entwickler zusätzliche Funktionalitäten wie Multi-User-Welten oder Media Streaming für den Cosmo Player kreieren können. Als erste Firma nutzt Black Sun Interactive das API, um nach Netscapes Live3D auch den Cosmo Player mit Multiuser-Fähigkeiten auszustatten.
Um auch auf dem Pentium-PC adäquate Performance ohne Grafikbeschleuniger zu erreichen', so SGI, wurde das 3D-Graphik-API OpenGL getunt. Es ist jetzt als Cosmo GL für Windows 95/NT erhältlich und ist auch der Basisrenderer für Cosmo 3D.
OpenGL sei fehlerfreier implementiert als die meisten 3D-Grafik-APIs für PCs und biete vor allem mehr Funktionalitäten, behauptet SGI, womit auf Direct3D gezielt wurde. SGI ließ sogar einen Vergleichstest am Stand mit Direct3D ablaufen, wobei der Test zeigte, daß OpenGL auch rund 5-10 Prozent schneller läuft als Direct3D. Ein Microsoft-Mitarbeiter bestätigte noch vorhandene Probleme des aktuellen Direct3D-APIs, an denen gearbeitet werde, doch sei es 'insgesamt auch klar für 3D-Applikationen im Massenmarkt entwickelt worden'.
Dafür kündigte Microsoft auch Neues von der professionellen OpenGL-Front an: die Version 1.1 der OpenGL-Spezifikation ist jetzt für Windows-95/NT-Plattformen implementiert. Zu den neuen Features zählen die Verwaltung vielfacher Texturen und vor allem eine Grafikpipeline, die zwei- bis viermal schneller sein soll als der Vorgänger.
Seit rund einem Jahr arbeitet Microsoft schon an der neuen 3D-Grafik- und Multimedia-Architektur Talisman (siehe auch diese Ausgabe S. 46), die softwareseitig die DirectX-Technologie erweitert. Auf der Hardwareseite beschränkt sich Microsoft auf das Design der benötigten Grafikchips, Implementierungen auf Grafikkarten oder Motherboards überläßt der Softwareriese Hardwareherstellern.
Eine Next-Generation-Architektur kommt auch aus dem Hause Alias/Wavefront. Vorgestellt wurde Maya, ein High-End-Animation-System, das bereits länger als Projekt angekündigt war und aus dem ab Anfang 97 ein erstes fertiges Produkt verfügbar sein soll. Herausragend bei Maya sind vor allem die neuartigen intuitiven High-Level-Character-Animation-Funktionen, die durch eine integrierte neue Scripting und Command Language, Maya Embedded Language (MEL), sowie ein neues C++-API unterstützt werden. Auf einfache Weise lassen sich damit komplexe Szenen mit physikalisch glaubwürdigen Abläufen 'on the fly' konstruieren.
MS Softimage stellte die neue Version 3.5 von Softimage 3D und 3D Extreme, die seit Mai bereits für SGI erhältlich ist, für Windows NT vor. In 3D Extreme ist zum ersten Mal auf einer Windows-NT-Plattform der Distributed Renderer mental ray Raytrace implementiert, der prozedurale Shader und prozedurales Rendering bietet. Eine 'Technologiedemonstration', so Softimage, war die 'massive Renderfarm' auf der Basis von mental ray. Mit Alpha-CPUs von Digital, Intel Pentium Pros und Mips' RISC-Prozessoren hatte man mehr als 30 Computer vom Laptop über Einprozessor-Desktops bis zu Multiprozessor-Workstations vernetzt.
Sun Microsystems bot ebenfalls eine RenderFarm auf Basis von Ultra-1- und -2-Workstations sowie Multi-Prozessor Ultra Enterprise Server an. Durch den Einsatz einer SPARCstation-RenderFarm fĂĽr die Produktion von Toy Story bekam Sun ja auch Anfang des Jahres viel Publicity (s. c't 2/96, S. 78). In JavaWall demonstrierte Sun mit Partnern eine Vielfalt von Java-basierten Anwendungen wie Videoconferencing, MPEG und Web-Authoring.
Auch fĂĽr Suns Ultra Creator3D-Rechner gibt es jetzt OpenGL: In Solaris integriert ist Solaris OpenGL 1.0 von SunSoft. Template Graphics Software entwickelte OpenGL und Open Inventor fĂĽr SPARCstations GX/+, TGX/+, SX, ZX und TurboZX, die auch von SunSoft vertrieben werden. Portierungen von OpenGL sind mittlerweile fĂĽr alle Betriebssysteme zu erhalten, auch fĂĽr das im Herbst erwartete OS/2 Warp Version 4 (Codename Merlin) soll OpenGL dann verfĂĽgbar sein.
GroĂźe Schubkraft hat mittlerweile Windows NT entwickelt, das zu einem immer wichtigeren Thema in der CG-Branche wird. Das zeigen sowohl zahlreiche neue Applikationen als auch die vielen Portierungen von eingefĂĽhrten Programmen in allen Bereichen der Computergrafik/Animation. Sie setzen dabei auf die steigende Leistung von Grafikbeschleunigern im Verbund mit PC-Boliden, basierend auf dem Pentium Pro oder PC-Workstations mit dem Alpha Chip wie die AlphaStation 500 mit der neuen 500-MHz-Version des Alpha-Chips 21164 von Digital Equipment. Denselben Chip oder wahlweise derer zwei nutzt auch DeskStation Technology mit seinem System Raptor Renegade.
Weiterhin kĂĽndigte Digital eine Familie neuer PCI-Grafikkarten an, die PowerStorm (4D40T, 4D50T, 4D60T), welche (auĂźerdem mit kĂĽnftiger UnterstĂĽtzung von Evans & Sutherland) unter Unix oder NT mit OpenGL manchen teureren Grafikworkstations Gegenwind bieten soll.
Darauf zielt auch der neue skalierbare PCI-3D-Grafikbeschleuniger 3DPro, eine gemeinsame Entwicklung von Mitsubishi (3D-RAM und Cached DRAM) und Evans & Sutherland (REALimage Controller, Referenzdesign). Unter Windows NT soll er bis zu zwei Millionen 3D-Eckpunkte pro Sekunde berechnen können.
Aufmerksamkeit erregte auch die Rendering-Hardware von Integrated Computing Engines (ICE), die auf der Basis von DSP-Prozessoren und massiv-paralleler Architektur bis zu 64mal die Leistung eines Pentium Pro liefern soll.
Die Trends
VRML, Motion Capturing (sensorverkabelte und unverkabelte TänzerInnen - letztere mit dem neuen MotionStar von Ascension Technology - sah man überall auf dem Show Floor), Windows NT und 3D-Grafikbeschleuniger aller Preisklassen waren die Haupttrends auf der Siggraph. Ebenso wie die Zunahme preiswerter Grafikbeschleuniger. Firmen wie 3Dlabs, 3Dfx Interactive, ATI, Dynamic Pictures und Real 3D zeigten zwar teilweise noch Prototypen von Karten und Chips, trotzdem darf man die große 3D-Welle etwa gegen Jahresende erwarten: bei Preisen von 200 bis 500 Dollar erhalten auch semiprofessionelle Anwender ein vernünftiges Preis/Leistungsverhältnis.
Rund 30 Unternehmen stellten auf der Siggraph ihre neuen VRML-Produkte vor: Microsoft verfolgt die eigene Active VRML-Strategie weiter und nennt es jetzt ActiveX Animation; MS lizenziert außerdem Basis-VRML-Technologie von Dimension X; Sonys Boß Nobuyuki Idei besuchte Sonys VRML-Stand und bezeichnete die Aktivitäten als konzernstrategisch wichtig; IBM präsentierte eine VRML Geometry Compression; Softbank investierte 23 Millionen US-$ in OnLive! Technologies, eine neue kalifornische VRML-Multi-User-Firma; Oz Interactive in Island und Kalifornien bietet ihren VRML-2.0-Multi-User-Client und -Server zum kostenlosen Download an (www.oz-inc.com).
Auch der Marktführer im High-End-VR-Bereich, die Firma Division, offerierte mit dVISE für Windows NT erstmalig ein Produkt für den PC-Bereich. dVISE ermöglicht die Erstellung von dreidimensionalen, dynamischen und hierarchischen Objekten, ohne daß größere Programmierkenntnisse notwendig sind.
Zwei neue Produkte auch bei Sense8: Ihre bekannte VR-Entwicklerplattform WorldToolKit unterstĂĽtzt jetzt Direct3D von Microsoft und soll, laut Sense8, in Kombination mit diversen Grafikbeschleunigern wahre LeistungssprĂĽnge vollbringen. World Up, ein Autorenwerkzeug fĂĽr 3D-Inhalte, gab es in der Version 2.0 zu sehen. (ae) ()