Hintergrund: Der Greenspan-Coup - ein Strohfeuer für die Dot.Coms

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer: Auch Alan Greenspan, der Chef der US-Notenbank, kann die Anleger vorerst nicht für die New Economy begeistern.

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Von
  • Michael Kurzidim

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, zwei eigentlich auch nicht. Trotzdem hat sich Alan Greenspan, der Chef der US-Notenbank, gestern in einer Nacht-und-Nebel-Aktion dazu entschlossen, den Diskontsatz um 25 Basispunkte auf 5,5 Prozent zu senken. Bereits am Mittwoch fuhr Greenspan die US-Leitzinsen um 0,5 Prozentpunkte auf sechs Prozent zurück. Weiß "Mister Fed" denn noch, was er will? Für Analysten und Anleger tragen die beiden überhastet direkt hintereinander ausgeführten Zinssenkungen Züge einer Panikreaktion. Der Notenbank-Chef wolle nicht dafür verantwortlich gemacht werden, wenn die USA in den nächsten Monaten nun doch in eine Rezession schliddere, hieß es. Direktes Gegensteuern sei angesagt.

Dabei schien die Sache anfangs zu funktionieren: Nach der ersten Zinssenkung explodierte die Hightech-Börse Nasdaq und schoss am Mittwoch um über 14 Prozent in die Höhe, ein absoluter Rekord in der Geschichte des amerikanischen Technologieindexes. Nach all den Gewinnwarnungen, katastrophalen Abstürzen und Einbrüchen wirkte die frohe Botschaft der Federal Reserve auch am Frankfurter Neuen Markt wie Balsam auf den Wunden der Börsianer: endlich mal etwas Positives. Doch die Euphorie war nicht von langer Dauer, schon bald sackte die Nasdaq wieder ab; der Nemax50 ließ sich auch von der zweiten Zinssenkung nicht beeindrucken und gab im Laufe des heutigen Vormittags um über drei Prozent auf 2422 Zähler nach.

Ein möglicher Grund: An den fundamentalen Rahmenbedingungen für die US-Konjunktur ändern die Zinssenkungen der Notenbank zunächst einmal wenig – im Gegenteil. Die Geldhändler gewöhnen sich daran und erwarten bis zur Jahresmitte eine Absenkung des US-Leitzinses um einen Prozentpunkt auf ganze fünf Prozent – frei nach dem Motto: Zwar gehen die Geschäfte schlecht, die US-Gewinne brechen ein, aber die Federal Reserve wird es schon richten. Selbst die Ärmel hoch krempeln, nein danke – und konsumiert wird auf Pump.

Schnelles Geld und fantastische Gewinne, als hätten die katastrophalen Kurseinbrüche noch nicht gereicht, halten die Adepten von Nasdaq und Nemax stur an ihren alten Denkgewohnheiten fest. Wer sich einmal an Steigerungsraten von mehreren hundert oder gar Tausenden Prozenten gewöhnt hat, dem fällt es schwer, seine Erwartungen auf ein normales Maß zurückzufahren. Aus Stroh Gold spinnen, das funktioniert halt doch nur im Märchen. Und so zeigen die heftigen Kursschwankungen, Rallys und Einbrüche am Neuen Markt nicht mehr, wie es in den Unternehmen, sondern eher, wie es in der Psyche der Anleger aussieht: sehr unrealistisch.

Selbst Alan Greenspan, der Magier der Finanzmärkte, vermag es nicht, mit seinen Zaubersprüchen aus der großen Fibel der Zinssenkungen von heute auf morgen die durcheinander gerüttelte Welt der Börsen zu heilen. Das dauert ein paar Monate, und wahrscheinlich sind die fetten Jahre am Neuen Markt ja auch ganz vorbei. Jedenfalls eröffnete vor zwei Stunden trotz Greenspan, Zinssenkungen und Hokuspokus die Nasdaq auf der anderen Seite des Atlantik mittlerweile wie gewohnt: schwach. (ku)