Schweinezyklus

Mitte der 90er Jahre wollte kaum jemand Informatik studieren. Heute werden IT-Experten händeringend gesucht. Die Zahl der Studienanfänger explodiert.

vorlesen Druckansicht 2 Kommentare lesen
Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Holger Dambeck
Inhaltsverzeichnis

Wenn es ein Verfahren zum Klonen von IT-Profis gäbe, die Industrie nähme es sofort. Nach Angaben des Branchenverbandes Bitkom fehlen derzeit etwa 75 000 studierte Informatiker. Jedes Jahr erhöhe sich die Nachfrage um weitere 25 000. Gerade mal 5500 Studenten werden in diesem Jahr ihr Informatikstudium abschließen. Die Green Card mildert die Lage nur. Sie sorgt bis zum Jahresende aber wahrscheinlich für mehr neue IT-Kräfte als alle deutschen Hochschulen zusammen. Bis Ende Januar erteilten die Arbeitsämter die Green Card 5000-mal. Derzeit bewilligen die Behörden nach Bitkom-Angaben ‘kontinuierlich’ 175 Anträge pro Woche. Aber trotzdem ist vorerst an einen Abbau des IT-Kräfte-Defizits nicht zu denken. Was haben Hochschulen, Industrie und Politiker eigentlich falsch gemacht?

Schuld am heutigen Absolventenmangel sei vor allem die Situation Anfang/Mitte der 90er Jahre, erklärt Stefan Pfisterer, Bildungsexperte bei Bitkom. Damals wurde die Dynamik auf dem IT-Markt schlicht unterschätzt. ‘Nicht vorhersehbarer Jahrhundertwandel’ lautet die Beschreibung aus dem Berliner Bildungsministerium. Sprecher Eckhart Curtius räumt aber eine Mitschuld der Politik ein: ‘Die damalige Bundesregierung hat die Bildungsausgaben reduziert.’ Das wirke über Jahre nach.

Entwicklung der Studienanfängerzahlen: Die Ingenieursausbildung folgt einem typischen Schweinezyklus [[#literatur 1]].

Curtius bedauerte außerdem, dass sein Ministerium Mitte der 90er Jahre Abiturienten abgeraten habe, Informatik oder Ingenieurwissenschaften zu studieren. Zu diesem Zeitpunkt baute die Wirtschaft fast überall Stellen ab. ‘IBM hat sich beispielsweise nur aus kurzfristigen Erwägungen von vielen Informatikern getrennt’, erinnert sich Jörg Maas, Geschäftsführer der Gesellschaft für Informatik. Deshalb habe auch die Industrie eine Mitschuld an der heutigen Lage. Die Konsequenz: Ab 1993 ging die Zahl der Studienanfänger zurück. 1995 erreichte sie mit rund 13 000 ihren Tiefpunkt. ‘Leider lassen sich Abiturienten stark vom aktuellen Arbeitsmarkt beeindrucken’, kommentiert Stefan Pfisterer von Bitkom die Entwicklung. Nur wenige Studenten würden antizyklisch studieren.

Am derzeitigen IT-Fachkräftemangel sind jedoch auch die Hochschulen schuld. Das behaupten zumindest die Initiative D21 und Input Consulting. In einer Mitte Februar vorgelegten Studie [1] kritisieren sie die hohe Abbrecherquote im Fach Informatik. Weil die Betreuung der Studenten schlecht sei und das Studium sich viel zu sehr auf Mathematik konzentriere, erreichten 50 Prozent der Studenten keinen Abschluss. Eine Grafik von D21 zeigt, dass zehn Prozent mehr Studienabschlüsse - und zwar innerhalb der Regelstudienzeit - zu etwa einem Drittel mehr Absolventen führen würde. Die Autoren fordern eine stärkere Praxisorientierung der Lehrinhalte und mehr Geld für die Ausstattung der Hochschulen. Jörg Maas von der Gesellschaft für Informatik warnt jedoch ausdrücklich vor einem Abbau der Theorieausbildung: ‘Mathematik schult die Abstraktionsfähigkeit und die ist in der Praxis gefragt, wenn es darum geht, komplexe Probleme in Software umzusetzen.’ Das Betreuungsmanko sieht er genauso: ‘Wir sollten vor allem im Mittelbau aufstocken.’ Es sei aber schwierig, IT-Profis zu finden, die für 5000 bis 6000 Mark monatlich an einer Hochschule arbeiten.

Das könnte sich demnächst ändern. Ende der 90er Jahre explodierte die Zahl der Anfänger im Fach Informatik regelrecht. Im Jahr 2000 haben sich 38 000 Studenten eingeschrieben, fast dreimal so viele wie 1995. Droht hier ein neuer ‘Schweinezyklus’ wie bei den Ingenieuren Mitte der 90er Jahre? Die Gefahr sei da, aber kaum für Akademiker, glaubt D21-Sprecher Norbert Eder. Studierte Informatiker seien weiterhin sehr gefragt und überdies vielseitig einsetzbar. Für die IT-Ausbildungsberufe werde sich die Schere zwischen Angebot und Nachfrage jedoch ab 2003 schließen. Die Initiativen der Arbeitsämter und des Bildungsministeriums würden dann ihre volle Wirkung entfalten.

Absolventen im Fach Informatik: Bei einer zehn Prozent höheren Absolventenquote und gleichzeitigem Abschluss innerhalb der Regelstudienzeit steigt der Output überproportional [[#literatur 1]].

Auch im Bildungsministerium bleibt man angesichts der vielen Informatik-Studenten vorerst gelassen. ‘Wir gehen davon aus, dass der Bedarf an IT-Kräften in Zukunft eher noch wachsen wird’, sagte Sprecher Eckhard Curtius zu c't.

Wenn man den vielen Studien glaubt, die zur Entwicklung des IT-Markts vorliegen, dann ist eine Informatikerschwemme in fünf Jahren tatsächlich unwahrscheinlich. Eine Untersuchung der GfK-Marktforschung [2] vom Dezember 2000 kam zu dem Ergebnis, dass allein in der Softwareentwicklung im Jahr 2005 mit fast 400 000 Beschäftigten mehr als doppelt so viele Menschen arbeiten werden wie heute. Deshalb sind alle Beteiligten einhellig der Meinung, dass weiter kräftig fürs Informatikstudium getrommelt werden muss. Aber klagt die Industrie nicht deshalb so laut, weil der IT-Kräftemangel die Gehälter in schwindelerregende Höhen treibt? ‘Nein, die Sorge um scheiternde IT-Projekte ist viel größer’, glaubt Jörg Maas von der Informatikgesellschaft. Trotzdem solle sich jeder Abiturient genau überlegen, für welches Studium er sich entscheidet. Vor allem bei zu starker Spezialisierung bestehe die Gefahr, dass man später keinen Job finde, warnt Maas. Er empfiehlt deshalb, eher ‘allgemeine’ Studienrichtungen wie Informatik oder Wirtschaftsinformatik. (hod)

[1] www.initiatived21.de/broschure/arbeitsmarkt_hochschule.pdf

[2] www.dlr.de/IT/IV (ole)