Intel im Regen

Der Zweikampf zwischen AMD und Intel spitzt sich zu. Auf einem nur schwach wachsenden PC-Markt verliert Intel heftig an Marktanteilen, wĂ€hrend Erzgegner AMD krĂ€ftig hinzugewinnt - und das, wo AMD bislang auf einigen MĂ€rkten noch kaum oder gar nicht prĂ€sent war. Doch nach den Notebooks greift AMD jetzt auch im Profi-Markt bei Workstations und Servern an: mit dem neuen Athlon-MP-Prozessor mit ‘Palomino’-Kern.

vorlesen Druckansicht 70 Kommentare lesen
Lesezeit: 19 Min.
Von
Inhaltsverzeichnis

Selbst wenn der gesamte PC-Markt noch gering an StĂŒckzahlen zunimmt, wird Intel - so schĂ€tzt Joe Osha vom renommierten Brokerhaus Merryll Lynch - in diesem Jahr 15 Prozent weniger Prozessoren absetzen als 2000. DemgegenĂŒber traut der Analyst dem Konkurrenten AMD eine Steigerung der StĂŒckzahl um 11 Prozent zu. Insbesondere bleibt offenbar der Pentium 4 hinter den hoch gesteckten Erwartungen zurĂŒck. Intels geplantes ‘Power Ramping’ sollte eigentlich dazu fĂŒhren, in diesem Jahr 20 Millionen Pentium-4-Prozessoren abzusetzen - doch der als Tiger losgesprungene Pentium 4 scheint als Bettvorleger auf dem Markt anzukommen. Allenfalls die HĂ€lfte, also rund 10 Millionen Pentium 4 erwarten die Analysten, könne Intel im laufenden Jahr absetzen. Ein Gutteil der Pentium-4-Absatzprobleme hĂ€ngt weniger mit dem Prozessor als vielmehr mit dem damit verknĂŒpften teuren Rambus-Speicher zusammen. Erst in der zweiten JahreshĂ€lfte will Intel mit dem Brookdale-Chipsatz auch preiswerte (langsamere) SDRAM-Systeme ermöglichen.

Nach den neuesten Dataquest-Zahlen zum ersten Quartal 2001 musste Intel in Europa eine klare Schlappe einstecken. Im populĂ€rsten Bereich, den ‘Windows based Desktop PCs’ ging der Verkauf um 8 Prozent gegenĂŒber dem ersten Quartal 2000 zurĂŒck, wĂ€hrend AMD um satte 74 Prozent zulegte. Und dieser Anstieg umfasst nicht nur den Consumer-Sektor, auf dem jetzt AMD ĂŒber 40 Prozent Marktanteil (nach 20,8 Prozent im Vorjahr) erobern konnte, sondern auch den zahlenmĂ€ĂŸig weit bedeutenderen Firmenmarkt (SMB: Small/Medium Business und Enterprise). Diese Windows-bezogenen Zahlen umfassen ĂŒbrigens nahezu den PC-Gesamtmarkt, denn Apple und Co laufen hier mit 2,8 Prozent nur unter ferner liefen.

Der Trend zu AMD bei Endusern wird sich wohl in der Zukunft drastisch weiter verstĂ€rken. In einer Online-Umfrage, die c't Anfang des Jahres durchfĂŒhrte, gaben beispielsweise 80 Prozent der Befragten an, als NĂ€chstes einen Rechner mit AMD-Prozessor erwerben zu wollen.

Anders als trendabhĂ€ngige und experimentierfreudige Endbenutzer sind Firmen traditionell wesentlich konservativer und bleiben bewĂ€hrten Einkaufsquellen lĂ€ngere Zeit treu. KompatibilitĂ€t und KontinuitĂ€t lautet hier das oberste Gebot. Und so wurde der Markt bislang komplett von Intel-PCs beherrscht, fragt sich nur, wie lange noch. Ausschreibungen von deutschen Behörden etwa hatten frĂŒher explizit Intel-Prozessoren gefordert, das ist inzwischen weitgehend vom Tisch. Und so hat Intel in diesem fest geglaubten Markt nun schon das zweite Jahr in Folge ein paar Prozente verloren, wohingegen AMD ihn langsam aufzurollen beginnt: AMD-bestĂŒckte Firmen-Desktops legten in diesen beiden Jahren in Europa um 118 Prozent zu, und AMD hat jetzt laut Dataquest schon 12,1 Prozent Marktanteil erreicht. Summa summarum machen beide MĂ€rkte zusammen (68 % Corporate, 32 % Enduser) einen AMD-Marktanteil von 21,1 Prozent aus.

Bei den Notebooks stellt sich die Situation etwas anders dar. Zum einen ist AMD bislang nur schwach vertreten (hier und da ein paar K6-2/III-Systeme), zum andern hat sich Intel weder bei ChipsĂ€tzen, Speicher noch Prozessoren Ă€hnliche BlĂ¶ĂŸen gegeben, wie bei den Desktop-Systemen. Pentium-4 und Rambus sind hier kein Thema, sondern SpeedStep und Ultra-Low-Voltage. So leicht wird dieser Markt wohl nicht ‘kampflos’ an AMD und VIA abgegeben. Dennoch, von nur 3,2 Prozent Marktanteil ausgehend, kann AMD hier nur gewinnen. Und ĂŒber eine wohlwollende Aufnahme bei Spitzenfirmen, den so genannten ‘First Tiers’, kann sich AMD nicht beklagen: Compaq, HP, Asus, Sony, Nec, Fujitsu ... haben sich schon geoutet. Es fehlt allerdings noch das Spitzentrio auf diesem Markt: IBM, Dell und Toshiba. IBM verbaut AMD-Prozessoren bislang nur in Consumer-PCs der Aptiva-Klasse. Die IBM-Notebooks werden hingegen fast ausschließlich in den GeschĂ€ftskanal geliefert, den IBM (bei Notebooks) mit mehr als 40 Prozent Marktanteil dominiert.

PC-MarktfĂŒhrer Dell (und hinter IBM Vize bei den Notebooks) ist bislang die einzig verbliebene Firma, die grundsĂ€tzlich nur Intel-Prozessoren in allen PC-Bereichen einbaut. Doch schon unmittelbar nach der Athlon-4-Vorstellung kochten GerĂŒchte hoch, Dell könne dem Dauerpartner Intel untreu werden und erwĂ€ge, Athlon-4-Notebooks anzubieten. Dieser Schwenk ist jedoch recht unwahrscheinlich und wurde auf allen Ebenen (offiziellen und inoffiziellen) dementiert. Doch auch ohne Dell hat AMD gute Karten, auch auf diesem Marktsegment Intel deutliche Anteile abzunehmen.

Und das gilt noch viel mehr im Workstation- und Serverbereich, wo AMD bislang einen Marktanteil von nahe 0 Prozent hat. Bei den Workstations sieht die Sache fĂŒr Athlon-4 nicht schlecht aus: Bei CAD/CAM, Rendering und wissenschaftlichen Aufgaben hat der Athlon-Prozessor seine FĂ€higkeit, insbesondere im Gleitkommabereich, schon unter Beweis gestellt. Und die Szene wartet derweil sehnlichst auf die jetzt vorgestellten Multiprozessorsysteme. Bei den Servern hingegen kann man mit Performance allein nicht viel ausrichten. Performance steht auf der Sollliste der ServereinkĂ€ufer erst auf Platz sieben oder acht. Ganz oben stehen solche Werte wie ZuverlĂ€ssigkeit und VerfĂŒgbarkeit. Inwieweit die AMD-Prozessoren hier die Kriterien erfĂŒllen, wird sich erst noch herausstellen mĂŒssen, und es dĂŒrfte einige Jahre dauern, bis sich AMD hier einen Namen machen kann. Die ganz großen (Backend-)Server wird AMD ohnehin vorerst noch nicht angehen. Das bleibt den 64-bittigen Hammerprozessoren irgendwann in 2003 vorbehalten. Aber die kleinen Frontend-Server, bei denen Intel einen Marktanteil von 84 Prozent hĂ€lt, stehen ‘zum Abschuss bereit’.

Die StĂŒckzahlen auf dem Workstation-/Server-Markt sind mit weltweit rund 5,5 Millionen Systemen pro Jahr eher mĂ€ĂŸig (wenn auch verbunden mit besseren Margen). Es gibt aber eine deutliche RĂŒckkopplung von hier auf den Corporate Market der PCs. Ein guter Ruf bei Workstations und Servern öffnet die TĂŒren fĂŒr zahllose ‘Clients’, also Desktop-PCs.

Ein kleiner RĂŒckblick zeigt auf, wie es zu dieser dramatischen Marktentwicklung kommen konnte, beginnend mit dem Athlon-Schock. Denn der Athlon kam zu einem fĂŒr Intel denkbar ungĂŒnstigen Zeitpunkt, was erst aus heutiger Sicht richtig klar wird. ZunĂ€chst stand AMD noch da wie so oft zuvor: Den so tollen neuen Prozessor konnte kaum jemand kaufen. Es lag aber diesmal nicht an Problemen mit der Chipfertigung bei AMD selbst, sondern es fehlte an der passenden Infrastruktur in Form von Mainboards. Noch heute glauben Verschwörungstheoretiker daran, dass Intel die taiwanischen Mainboard-Firmen hinter den Kulissen unter Druck setzte, bloß keine Athlon-Boards zu produzieren. Ob das wirklich stimmt, ist fraglich. Allerdings herrschte damals ein Lieferengpass sowohl fĂŒr Intel-Pentium-III-Prozessoren als auch fĂŒr den bewĂ€hrten 440BX-Chipsatz. Es ist also durchaus möglich, dass Intel mit einer beschrĂ€nkten Zuteilung der knappen Lieferkontingente an Firmen, die Athlon-Boards fertigten, drohen konnte.

Vermutlich gab es aber einfach einen Engpass an EntwicklungskapazitĂ€t bei den Boardherstellern. Die Entwickler waren zum einen mit komplizierten Intel-Designs beschĂ€ftigt, etwa mit dem anstehenden, dann mehrfach verschobenen Rambus-Chipsatz i820 (‘Camino’). Zum anderen konnte weder AMD noch VIA den Boardherstellern die massive UnterstĂŒtzung zukommen lassen, wie sie von Intel ĂŒblich ist (einschließlich kompletter Platinen-Designs). Entsprechend mehr Arbeit, PrĂŒfaufwand und Kosten blieb bei den Mainboard-Hersteller hĂ€ngen. Die ersten Athlon-Platinen kamen dann relativ spĂ€t und waren recht teuer.

So blieb der Athlon zunĂ€chst ein knappes Gut. Dennoch schoss er auf der Beliebtheitsskala besonders der PC-Bastler nach oben - sein Preis/LeistungsverhĂ€ltnis ist schlichtweg besser als das der Intel-CPUs. Viele sind deshalb bereit, ĂŒber kleinere InkompatibilitĂ€ten der Mainboards hinwegzusehen und auch den Übergang vom Slot A zum Sockel A nahmen die meisten KĂ€ufer gelassen.

Intel machte mit der Wahl des Rambus-Speichers als allein selig machende Technik fĂŒr schnelle PCs den grĂ¶ĂŸten Fehler seiner Firmengeschichte. Der Pannen-Chipsatz i820 kam verzögert, eignete sich nur fĂŒr zwei statt der geplanten drei Rambus-Speichermodule und sorgte auch noch durch einen Bug der i820-Platinen fĂŒr SDRAM-Speicher fĂŒr eine sĂŒndhaft teure RĂŒcknahmeaktion. Intel konnte auch die versprochenen Vorteile von Rambus-Speicher nicht belegen. SpĂ€testens mit der VerfĂŒgbarkeit von PC133-Speicher mit 2-2-2-Speicherparametern war das winzige Leistungsplus des i820-Chipsatz dahin. Der Grund fĂŒr dieses Desaster war eigentlich absehbar: Die maximale Datentransferrate betrĂ€gt beim Pentium III 1,066 GByte/s, wenn der Front-Side-Bus mit 133 MHz Taktfrequenz lĂ€uft. Das entspricht genau der Transferrate von PC133-Speicher; die theoretisch möglichen 1,6 GByte/s von PC800-RDRAM sind also in der Praxis bei Single-Prozessor-Systemen unnötiger Overkill.

Trotz aller Fördermaßnahmen von Intel gelang es nicht, den Preis fĂŒr RIMMs auf das versprochene Niveau von etwa 20 bis 30 Prozent ĂŒber SDRAM-Speicher zu senken. Und die Idee, ein hoch integriertes Low-Cost-System mit Rambus-Interface auf den Markt zu bringen, entpuppte sich als grandiose Schnapsidee. Das erkannte letztendlich auch Intel und stellte den vorgesehenen Timna-Prozessor sang- und klanglos ein - sehr zur ‘Freude’ der Mainboard-Entwickler.

Vor dem August 1999 hatte das Unternehmen Intel noch den Eindruck des kĂŒhlen Weltenlenkers gemacht, der die Geschicke seines x86-Volkes gelassen, aber unerbittlich regelt. Mit der Gelassenheit war es dann aber vorbei. AMD konnte zwar in absoluten Zahlen dem MarktfĂŒhrer lange nicht das Wasser reichen, doch mehrten sich die Situationen, wo Intel offenbar hektisch auf den ungewohnten Druck des Konkurrenten reagierte. Die Wahl der Mittel war dabei fairer als zu frĂŒheren Zeiten, wo man sicherlich einen Anlass zu einem Gerichtsverfahren gegen AMD gefunden hĂ€tte. Ob dies nun der eigenen Einsicht geschuldet ist oder der Image-Schaden nachwirkt, den die Antitrust-Verfahren gegen Intel vor der Federal Trade Commission in den Jahren 1998 und 1999 erzeugten, lĂ€sst sich natĂŒrlich nicht genau sagen. Jedenfalls gewinnt man den Eindruck, dass Intel die Bedrohung des eigenen Marktes durch den Athlon zunĂ€chst falsch einschĂ€tzte und erst spĂ€t, offenbar zu spĂ€t, durch Maßnahmen wie Preissenkungen und die EinfĂŒhrung neuer Techniken reagierte.

SpĂ€testens im MĂ€rz 2000 dĂŒrfte aber klar geworden sein, dass AMD mit dem Athlon mehr als eine Eintagsfliege gelungen war: Zwei Tage vor dem Pentium durchbrach der Athlon die 1-GHz-Schallmauer. Die panische Reaktion aus Santa Clara kostete dem damals bei Intel fĂŒr den Pentium III verantwortlichen Albert Yu den Kopf: Der im Juli prĂ€sentierte 1,13-GHz-Pentium-III lief nicht stabil. Ein seltenes Ereignis in der Intel-Geschichte war der darauf folgende RĂŒckzug des 1,13-GHz-Typs. Schlimmer noch: Die 1-GHz-Pentium-III-Versionen konnte Intel nicht in ausreichenden StĂŒckzahlen liefern, zudem benötigten diese aufwendige KĂŒhlkörper. Erst mit einer neuen Maskenversion gelang die Produktion ausreichender Mengen 1-GHz-Chips. Bis dahin konnte AMD seelenruhig in diesem High-End-Segment abrĂ€umen und festigte so den guten Ruf des Athlon.

Beim Hauptspeicher konnte Intel wahrscheinlich wegen entsprechender ExklusivvertrĂ€ge mit Rambus nicht anders, als auf Gedeih und Verderb auf diesen Speichertyp zu setzen. AMD und VIA nutzten dies geschickt aus und lancierten ihren Feldzug fĂŒr PC133-SDRAM. Die von Intel wegen der exorbitanten Rambus-Preise und der i820-Problem frustrierten Mainboard-Firmen zogen dabei enthusiastisch mit. Nachdem Rambus durch Lizenzforderungen fĂŒr SDRAM und das neue DDR-SDRAM auch noch sĂ€mtliche Speicherhersteller gegen sich aufbrachte, hatten VIA und AMD auch mit der nĂ€chsten Kampagne fĂŒr Double-Data-Rate-SDRAM leichtes Spiel.

Der Pentium-III-Kern ist bei wenig mehr als 1 GHz am Ende seiner Laufbahn angelangt. Die weitere Taktratensteigerung macht auch wegen des auf 1,066 GByte/s Datentransferrate begrenzten FSB kaum noch Sinn. Intel will zwar noch Versionen mit 1,13 und 1,2 GHz nachschieben und mit der im 0,13-”m-Prozess hergestellten ‘Tualatin’-Version einen besonders Strom sparenden Chip fĂŒr mobile Anwendungen und Mini-Server prĂ€sentieren, doch ist die Nachfolge des Pentium III bekanntlich lĂ€ngst geregelt.

Der Pentium 4 macht bislang allerdings keine so gute Figur. Seine komplett neue Architektur, die laut Intel prinzipiell fĂŒr Frequenzen weit jenseits von 5 GHz ausreicht, kommt mit Ă€lterer Software nicht so gut zurecht und glĂ€nzt bei den zurzeit lieferbaren Taktraten von maximal 1,7 GHz nur in wenigen Benchmarks. So manches deutet darauf hin, dass Intel den Pentium 4 lieber einige Monate spĂ€ter als im November 2000 geliefert hĂ€tte. Erst nach dem WeihnachtsgeschĂ€ft 2000 etwa schob der Hardwaregigant die preiswerte 1,3-GHz-Version nach, die mittlerweile weniger kostet als ein 1-GHz-Pentium-III. Doch allein der Pentium 4 hat offenbar in Intels Augen das Potenzial, der Power der schnellen Athlons etwas entgegenzusetzen. Außerdem hatte der MarktfĂŒhrer einfach kein anderes As im Ärmel, als mit höheren Taktraten wenigstens den PC-HĂ€ndlern ein Argument fĂŒr Intel-Prozessoren zu liefern.

Mit zunehmender Taktfrequenz und Transistoranzahl der Prozessoren wird es immer schwieriger, einer neuen CPU-Generation deutliche Leistungsvorteile mit auf den Weg zu geben [1]. Außerdem können x86-Prozessoren schon durch Randbedingungen wie die KompatibilitĂ€t mit existierender Software und Begrenzungen von Stromaufnahme und Preis nicht beliebig komplex werden. Vor diesem Hintergrund ist es verstĂ€ndlich, dass der neue Athlon-Kern ‘Palomino’ im Vergleich zu seinem VorgĂ€nger ‘Thunderbird’ nicht gerade revolutionĂ€r wirkt.

Dieser schneidet bei Frequenzen von 1,33 und bald 1,4 GHz in vielen Anwendungen immer noch im Vergleich zum Pentium 4 gut ab. Ein zweiter Überraschungscoup wie mit dem Athlon ist AMD mit dem neuen Palomino allerdings nicht gelungen. Mittlerweile konnte AMD im Verbund mit VIA den SDRAM-Nachfolger DDR-SDRAM zwar gut positionieren, doch hat Intel mit dem Pentium 4 eine Prozessorarchitektur in der Hand, die fĂŒr Frequenzen bis weit ĂŒber 2 GHz hinaus gut ist. SpĂ€testens im Herbst sind auch preiswerte ChipsĂ€tze fĂŒr SDRAM (Intels i845 ‘Brookdale’) und sogar fĂŒr DDR-SDRAM da (VIA PX266, SiS645, ALi). Bis dahin muss AMD antworten, zumal der Pentium 4 dann in einem Strom sparenderen 0,13-”m-Prozess und mit Taktfrequenzen ĂŒber 2 GHz verfĂŒgbar sein soll. Falls AMD da nichts entgegensetzen kann, gewinnt Intel die Zeit, die gesamte Marketing-Maschinerie wieder in Stellung zu bringen und auch fĂŒr Updates der wichtigsten Software zu sorgen. Wenn erst die im Trend liegenden Video- und Audioprogramme, Spiele und Office-Anwendungen in der nĂ€chsten Softwaregeneration vorliegen, wird die Luft fĂŒr den Athlon dĂŒnner. Auch im Workstation-Bereich legt Intel die Latte mit dem neuen Xeon hoch. Gerade hier kann man mit guten Ergebnissen mit alter Software kaum einen Blumentopf gewinnen, weil auch Profi-3D-Grafikkarten mit ihren speziellen OpenGL-Treibern nur bestimmte Anwendungen beschleunigen.

Hauptaufgabe des Palomino ist zunĂ€chst die Öffnung des Marktes der Workstations und so genannten Entry-Level-Server, also der kleinen Server. Damit der neue Athlon als PĂ€rchen antreten kann, strickte AMD den neuen Chipsatz AMD-760MP. Dieser verbindet zwei Palominos mit DDR-SDRAM als Hauptspeicher und einem auch fĂŒr 64-Bit-Steckkarten geeigneten PCI-Bus - die genauen Details zeigt der nachfolgende Artikel. AMD scheint sich darĂŒber völlig im Klaren zu sein, dass man sich im Profi-Markt keine Fehler leisten kann und stellt daher die Sorgfalt offenbar ĂŒber die Geschwindigkeit. So debĂŒtieren die neuen Prozessoren fĂŒr Dual-Systeme nicht etwa mit 1,4 oder 1,5 GHz, sondern nur mit 1,2 GHz. Auch der Chipsatz greift nicht nach den Sternen, sondern setzt zunĂ€chst auf BewĂ€hrtes.

Eines der grĂ¶ĂŸten Probleme bei AMD dĂŒrfte die begrenzte EntwicklungskapazitĂ€t sein. Zwar bekleckerte sich Intel mit der mehrfachen Verschiebung der EinfĂŒhrung des 64-Bit-Prozessors Itanium, dem abgekĂŒndigten Timna und den Chipsatz-Bugs beim i820 und i840 auch nicht gerade mit Ruhm, doch spricht alleine der Vergleich der Finanzdaten BĂ€nde. AMD tĂŒftelt außer an kommenden Athlon-Versionen gleichzeitig noch an der fĂŒr 2002 geplanten Umstellung auf ein 0,13-”m-Herstellverfahren sowie an den 64-Bit-CPUs ‘Clawhammer’ und ‘Sledgehammer’, die gegen Itanium und die etablierten Konkurrenten Alpha, HPs PA-RISC und Suns UltraSPARC antreten. Schon lange vor der PrĂ€sentation des Palomino hat AMD einige der Vorgaben zurechtgestutzt - so plante man noch Ende 1999 die EinfĂŒhrung des Athlon-Nachfolgers ‘Mustang’ mit 1 und 2 MByte L2-Cache im Herbst 2000. Dieser Prozessor verschwand im November letzten Jahres stiekum in der Versenkung.

Bei der Chipherstellung konnte AMD mit dem von Anfang an rund laufenden Werk in Dresden Intel deutlich ‘auspunkten’, doch ruht die ganze Last der Verantwortung auf dieser einzigen Fabrik. Eine Störung im Dresdener Werk - und AMD kommt ins Schwimmen. Und Entwicklungsnotwendigkeit gibt es nicht nur bei den Prozessoren selber, sondern im gesamten Umfeld. Intel hat in der Vergangenheit mit einer Vielzahl von Initiativen und Spezifikationen gezeigt, wie man den Weg bereitet. Auch AMD muss jetzt wesentlich mehr als frĂŒher investieren, um am Ball zu bleiben. HyperTransport etwa ist ein notwendiger Schritt in diese Richtung. Doch solche Macht wie Intel, etwa neue Netzeile (ATX12V) oder strengere Speicherspezifikationen einzufordern, hat AMD (noch) nicht, das wĂŒrde auch den Markt zu teuer machen. Auch die Personaldecke, um Mainboard-Hersteller so wie Intel zu unterstĂŒtzten, hat AMD nicht.

Das hat zur Folge, dass mit jedem neuen Chipsatz eine Phase des Learning by doing fĂŒr die Hardwarehersteller nötig ist, bis alle Komponenten stabil zusammenlaufen. Die Zeche zahlen letztlich die Kunden, die als erste in Systeme mit der erwarteten Mehrleistung investieren. Der heiß umkĂ€mpfte Profi-Markt toleriert instabile Systeme dagegen auch in der EinfĂŒhrungsphase nicht. Fehler sorgen hier sofort fĂŒr ein Negativ-Image des Herstellers.

AMD hat mit dem Athlon im Desktop-Bereich gewaltig Terrain erobert und schickt sich jetzt an, mit dem Palomino in unbekannte GewĂ€sser zu segeln, wo jedoch andere Gesetze gelten. Ob sich die gewaltigen Anstrengungen und Investitionen dafĂŒr lohnen werden, ist noch völlig unklar. Ohne Zweifel hat das Unternehmen Produkte, die technisch deutlich vor der letzten Intel-Prozessor-Generation liegen, wiewohl die neue Workstation-CPU Xeon fĂŒr den Palomino eine harte Nuss sein dĂŒrfte. Es ist jetzt essenziell, dass AMD interessierte Partner unter den Herstellern findet, die das Potenzial des Athlon auch zu nutzen wissen. Es wĂ€re fatal, wenn der neue Athlon wie ehemals der K6-III lediglich als Preisbrecher in schludrig zusammengeschusterten Billigkisten antritt - dann hĂ€tte AMD in diesem Markt schon verloren, bevor der Kampf beginnt. (ciw)

[1] Andreas Stiller, ProzessorgeflĂŒster, Von Gurus und Monstern, c't 5/01, S. 22 (ciw)