Kavalierstart ins Netz
Die Autohersteller haben offensichtlich das Internet als Verkaufsargument entdeckt. Neue Automodelle mit Internetzugang sollen den Chauffeur während der Fahrt mit Routenbeschreibungen, Stauwarnungen und weiteren nützlichen Informationen versorgen; schon heute versuchen die Hersteller von Golf, smart und Co. mit öffentlich zugänglichen Portalen die künftigen Käufer von den Vorteilen der Internetautos zu überzeugen.
- Peter Artmann
BMW meldete als erster, ‘drin’ zu sein. Das Münchener Unternehmen schaltete eine große Anzeigenkampagne, in der es sich als Internetpionier unter den Autoherstellern feierte. VW konterte mit einer ganzseitigen Zeitungsanzeige: ‘Wo können Sie den ersten BMW mit Internet online bestellen?’, fragte der Wolfsburger Autobauer, um auf der nächsten Seite selbst die Antwort zu geben: ‘In einem Golf’.
| Die Online-Oberfläche des Jornada im Golf eGeneration ist zwar auf die Bedürfnisse von Autofahrern zugeschnitten, nichtsdestotrotz muss der Chauffeur aber zu ihrer Bedienung den Blick von der Straße sowie eine Hand vom Lenkrad nehmen. |
Doch auch der beworbene Golf eGeneration kommt erst im Juli auf den Markt. Damit ist das erste serienmäßig hergestellte Auto mit (optionalem) Internetzugang ein - smart. Bereits seit Mai können smart-Fahrer für 2100 Mark plus Einbaukosten ihre Kompaktwagen - sowohl Neuwagen als auch Gebrauchte - netzfähig ausstatten lassen. Der Besitzer erhält dafür ein Siemens-S35i-Handy, einen Palm Vx und eine Freisprecheinrichtung. Der Fahrer befestigt den Organizer während der Fahrt in einer Halterung in der Mittelkonsole und bedient ihn über die Freisprecheinrichtung. Das webmove getaufte WAP-Portal wap.smart.com lässt sich von jedem WAP-fähigen Handy aus abrufen - smart beschränkt den Zugriff nicht auf seine Kunden. Neben Routenplanung, Wetter und Nachrichten in reiner Textansicht erfährt der Besucher auf webmove, wo sich der nächste 3-Meter-Parkplatz befindet oder wo er seinen smart günstig waschen lassen kann.
Volkswagen hat sein Portal bereits seit Februar unter wap.volkswagen.de für jedermann kostenlos ins Netz gestellt. Im Golf eGeneration hat der Fahrer direkten Zugriff darauf. VW stattet seinen Online-Golf mit einem HP Jornada 548 aus, der neben dem Autoradio an der Mittelkonsole des Cockpits angebracht ist. Der Jornada läuft unter Windows CE; seine speziell für Autofahrer zugeschnittene Touchscreen-Oberfläche mit ihren großen Symbolen soll sich auch während der Fahrt bedienen lassen.
Portale für jedermann
Ins Internet gelangt der PDA über ein in der Mittelarmlehne angebrachtes Nokia-6210-Handy mit Freisprecheinrichtung. Dieses baut über GSM die Internet-Verbindung auf. Sobald sich das System eingewählt hat, zeigt es das VW-Mobilportal an. VW will zunächst nur 3000 Exemplare des IBM-blauen Golf eGeneration bauen, zum stolzen Preis von 22 450 Euro. Wird das Sondermodell ein Erfolg, so will der Wolfsburger Konzern nachlegen.
BMW fährt in eine andere Richtung als smart und VW und hält sein Portal vor der Öffentlichkeit verschlossen. Das System steht seit Juni exklusiv für BMW-Fahrer bereit; Teilnehmer melden sich über ihre Fahrgestellnummer an (Nähere Informationen unter www.meinbmw.de). Standarddienste wie Routenplanung und Wetter stehen allen BMW-Fahrern zur Verfügung; ausschließlich Besitzern der neuen 7er-Serie sind E-Mail und Internet-Banking vorbehalten. Zur Darstellung der WAP-Seiten integriert der Autohersteller einen kleinen Bildschirm in die Mittelkonsole. Das System soll sich komplett per Sprache oder mit speziellen, im Lenkrad befindlichen Schaltern bedienen lassen. Für die Übertragung nutzt BMW wie alle anderen Anbieter GSM, allerdings über einen fest eingebauten Empfänger. Die neue 7er-Reihe soll am 17. November auf den Markt kommen.
| Per Stift und PDA ins Netz, wie hier bei smarts Webmove - aber bitte nur im Stand. |
DaimlerChrysler startet erst im nächsten Frühjahr ins Netz - zumindest, was seine PKW-Modelle betrifft. Dann sollen die Mercedes-Limousinen Internetinhalte über einen 5"-Bildschirm in der Mittelkonsole darstellen können. Das zugehörige Portal soll bereits am zweiten Juli online gehen - für jedermann kostenlos.
Und die anderen Autohersteller? Auf Frankreichs Straßen fahren bereits 500 Citroen Xsara des Sondermodells ‘Windows CE’ - wie der Name bereits vermuten lässt, hat Microsoft dieses Modell mit entwickelt. Serienproduktion plant der französische Hersteller noch nicht. Renault, Audi, Ford und Opel haben noch keine Internetpläne, oder hüllen sich diesbezüglich in Schweigen.
Trotz aller sinnvollen Dienste, die das Internet dem Autofahrer beschert, stellt sich die Frage, inwieweit das Internet an Bord nicht ein Sicherheitsrisiko darstellt. Die Lösungen von VW und smart zwingen den Fahrer, den Blick von der Straße abzuwenden und eine Hand vom Lenkrad zu nehmen. So ist nicht auszuschließen, dass der Gesetzgeber hier ähnlich reagiert wie beim Telefonieren im Fahrzeug und entsprechende Vorgaben macht, wie gefahrloses Surfen im Auto auszusehen hat. (jo) (jo)