Das Handy kennt den Weg
Der Sextant des einundzwanzigsten Jahrhunderts besitzt eine Tastatur, ein Display und eine Antenne. Er kennt zwar nicht die Himmelsrichtungen, dafür aber die Straßenkarte, findet die nächstgelegenen Tankstellen, Hotels und Gaststätten und lotst in medizinischen Notfällen selbsttätig Hilfe herbei. Telefonieren kann man damit auch.
Das Handy als Allzweck-Orientierungshilfe: Standortbezogene Dienste, so genannte Location Based Services (kurz: LBS), gelten neben UMTS als die kommende Killertechnik der Mobilfunkbranche. Location Based Services nutzen die Tatsache aus, dass ein eingeschaltetes Handy jederzeit über die Funkzelle, zu der es die Verbindung hält, ortbar ist. Indem sie die Information über die Koordinaten der jeweilige Funkzelle auswerten, können die Mobilfunkbetreiber und deren Partner dem Benutzer automatisch auf seine Position maßgeschneiderte Dienstleistungen und Informationen anbieten.
D2-Vodafone, T-Mobil und Viag Interkom sowie Jamba! als externer Anbieter stellen über ihre WAP-Portale bereits standortbezogene Dienste bereit. Das Angebot umfasst vor allem Reisedienstleistungen wie Routenplaner, City-Guides, Hotel- und Restaurantführer sowie Tankstellenortung. Darüber hinaus bieten die Dienste Hilfe beim Shopping, indem sie den Weg zu den nächstgelegenen Supermärkten und Geldautomaten weisen oder nach Schnäppchen in der näheren Umgebung fahnden. Alles in allem stellen die bisherigen Anbieter allenfalls ein Grundsortiment an standortbezogenen Diensten zur Verfügung; pro Portal umfasst es gerade einmal ein bis wenige Hand voll Dienste. Wir stellen die Location Based Services der Mobilfunkbetreiber und von Jamba! im Artikel ab Seite 172 detailliert vor.
Frage des Standpunkts
Ortsbezogene Informationen standen und stehen den Benutzern von WAP-Handys auch ohne den LBS-Automatismus zur Verfügung. Viele Anbieter von WAP-Diensten ermöglichen es dem Benutzer, Dienste auf den jeweiligen Standort anzupassen, indem er Ortsvorwahl, die Postleitzahl oder den Städtenamen angibt. Das klingt auch nicht sonderlich kompliziert, doch wer sich bereits durch die Eingabemasken diverser Anbieter gearbeitet und per Mäusetastatur seines Handys die erforderlichen Informationen eingegeben hat, der wird den Komfortgewinn durch Location Based Services gewiss begrüßen [1].
Wer zum Beispiel als Geschäftsreisender in einer fremden Stadt die benötigten Lokalisierungsinformationen nicht zur Hand hat, wird dankbar sein, sie nicht erst umständlich herausfinden zu müssen. Und ein Autofahrer, der sich in einer unbekannten Gegend verfahren hat, wird eine Funktion wie 'Wo bin ich?' des D2-Vodafone-Partners Passo schätzen lernen, die ihm den Standort nebst einer Karte auf dem Handy präsentiert.
Killeranwendung gesucht
Nichtsdestotrotz muss der Handynutzer bei einem Großteil der per WAP verfügbaren Dienste noch auf Location Based Services verzichten. Und bei aller Nützlichkeit der bereits verfügbaren standortbezogenen Dienste - das Zeug zur Killeranwendung, die der ortsbezogenen Dienstegattung zum Durchbruch verhelfen würde, hat bisher keines der vorhandenen Angebote. Dazu ähneln sie zu sehr bereits bestehenden Diensten, die ohne automatische Ortung auskommen, auch in Bezug auf ihre Fehleranfälligkeit.
| Besitzer von Genion-Handys können dieses über die Homepage von Viag Interkom lokalisieren lassen. |
Allerdings haben die Mobilfunkanbieter bereits potenzielle Killerdienste auf ihren To-Do-Listen. Insbesondere Community-Funktionen sollen LBS zu solcher Popularität verhelfen, wie sie heutzutage SMS erfährt: Dabei zeigt das Handy Freunde oder beliebige andere Handynutzer an, die sich zurzeit in der Nähe aufhalten. Die Branche nennt eine solche Funktion 'Friends around'. Die Mobilfunkanbieter malen bereits die verschiedensten Anwendungsszenarien hierfür aus, von der spontanen Verabredung fürs Kino bis zum Handy-vermittelten Blind Date.
Hierzulande ist eine Funktion wie 'Friends around' noch nicht verfügbar. In der Schweiz stellt Swisscom seinen Kunden mit der der friendZone aber bereits einen solchen Dienst bereit [3]: Wer will, kann sich dort von Freunden oder beliebigen anderen friendZone-Nutzern orten lassen und mit ihnen via SMS Botschaften austauschen - so wird die Fußgängerzone zum Chat-Channel.
Hilfe fĂĽr Kranke, Kinder und Handys
Doch die standortabhängigen Dienste müssen sich nicht zwangsläufig an die verspielte Generation SMS oder an Geschäftsleute richten, sondern können auch kranken oder alten Menschen zu neuer Mobilität verhelfen. Durch die genaue Ortung eines Handys kann es in Notfällen Hilfskräfte zum Benutzer lotsen. Dem Benutzer ermöglicht es somit, dass er sich frei im Netz des jeweiligen Mobilfunkbetreibers bewegen kann.
Ein Beispiel hierfĂĽr ist das Herz Handy des Herstellers Vitaphone [4]. Bei Herzbeschwerden drĂĽckt dessen Benutzer eine Notruftaste und das Handy verbindet ihn mit der Vitaphone-Servicezentrale. Bei ernsten Problemen kann die anhand der Positionsdaten des Benutzers Rettungsdienste direkt zum Patienten fĂĽhren.
Location Based Services sollen auch Kinder und Handys hüten. So hat das Unternehmen PC Funk ein Zusatzgerät für Handys entwickelt, das ein Mobiltelefon zum Babysitter aufwertet: Der Phonetracker [5] meldet per SMS, wenn das (eingeschaltete) Handy einen zuvor eingestellten Bereich verlässt. Einen ähnlichen Service bietet Viag Interkom bereits innerhalb seines Netzes: Über den 'Handy Finder' auf der Homepage kann ein Kunde die Position seines Handys abfragen, beziehungsweise die des Kindes, das das Handy mit sich führt.
Für eine größere Verbreitung und die Weiterentwicklung von LBS-Angeboten werden auch die Automobilhersteller sorgen. Insbesondere die Produzenten von Luxuskarossen haben integrierte Internetfunktionen als neues Verkaufsargument entdeckt - die Location Based Services auf WAP-Basis eignen sich gut für Autos, da sie sich mit geringer Bandbreite begnügen und mobil verfügbar sind.
Dabei liefern sich die Hersteller zurzeit auch einen Streit um die besten Inhalte. So eignen sich die von den WAP-Portalen gelieferten Karten nur eingeschränkt für den Einsatz im PKW. Wenn die Dienste überhaupt mit Straßenplänen vernetzt sind, so lässt sich darin in der Regel nicht zoomen; auch passen sie sich mitunter nicht richtig an die Display-Größe des jeweiligen Endgeräts an. Die für die winzigen schwarz-weißen Handy-Browser ausgerichteten Karten nutzen nicht alle Möglichkeiten, die ihnen die größeren, farbigen Displays der Autoinformationssysteme bieten.
LBS mal anders
Location Based Service bedeutet nicht zwangsläufig WAP. Viag Interkom bietet als erster deutscher Netzbetreiber mit seinem CityScout ortsbezogene Dienste auch per SMS an. Dazu sendet der Benutzer eine SMS mit einem Suchbegriff an die Nummer 3463 ('f-i-n-d'). Mit der Antwort erhält der Kunde automatisch die nächstgelegene Adresse, kann aber auch weitere anfordern.
Der Infrastruktur- und Inhalteanbieter mecomo sieht die Zukunft in sprachgesteuerten Location Based Services. Die Firma will die Informationen, die bisher nur per WAP-Seiten abrufbar sind, über Sprachportale zugänglich machen. Dabei soll die Kommunikation zwischen Benutzer und Portal komplett über Spracherkennungs- und -synthesesysteme ablaufen. Wie sich ein solches System 'anfühlt', lässt sich zum Beispiel beim Berliner Stadtlotsen ausprobieren. Unter der Rufnummer 030/52 00 51 informiert der Dienst über Events, Kinos, Essensgelegenheiten et cetera in der Bundeshauptstadt.
Auch i-mode, das E-plus noch in diesem Jahr einführen will, ermöglicht LBS. So betreibt i-mode-Entwickler NTT DoCoMo in Japan standortbezogene Dienste. Dazu gehören neben Wetter- und Verkehrsinformationen auch Restaurant- und Hotelführer.
Last, not least, lässt sich die Ortsinformation auch netzintern zur Abrechnung einsetzen - der zurzeit vielleicht bekannteste Location Based Service. Viag Interkom nutzt Standortdaten als Grundlage für seinen Genion-Home-Tarif: Für sämtliche Gespräche in einem runden Bereich um einen vom Kunden festgelegten Standort (sprich: für die Kommunikation zu allen Sendern in diesem Bereich) bezahlt er den günstigeren Festnetztarif. Auch andere Mobilfunkbetreiber bieten standortbezogene Tarifmodelle. So sparen Kunden der D2-BestCitySpecial- und T-D1-City-Tarife bei Gesprächen ins Festnetz des Ortes, an dem sie sich jeweils befinden.
Punktgenau?
Der beste ortsbezogene Dienst nutzt wenig, wenn die zugrunde liegende Positionsinformationen zu ungenau sind. Heutzutage benutzen die Mobilfunkbetreiber ausschließlich die Information über die Funkzelle, zu dem das Handy in Kontakt steht (beziehungsweise Informationen zur Teilzelle: Da eine Funkzelle typischerweise aus mehreren Antennen besteht, die ein Teilsegment bestrahlen, lässt sich das Handy noch ein wenig genauer orten).
Mit dieser Technik lässt sich ein Mobiltelefon in Städten zwar auf auf 100 bis 500 Meter genau erfassen. Auf dem Lande, wo die Funkzellen mitunter einen größeren Radius haben, kann die 'Genauigkeit' aber bis auf 10 Kilometer abnehmen - zu grob für exakte Routenplanung oder das Herbeilotsen von Rettungskräften in Notfällen.
| Mit ausgefeilteren Techniken wollen die Mobilfunkbetreiber die Ortungsgenauigkeit erhöhen. So misst das EOTD-Verfahren das Laufzeitverhalten von Funksignalen zu mehreren Sendern. |
Etliche Infrastruktur-Provider arbeiten an ausgefeilteren Techniken, mit denen sich Handys genauer orten lassen. Beim EOTD-Verfahren (Enhanced Observed Time Difference) beispielsweise misst das Handy Laufzeitunterschiede von Signalen zu mehreren Sendern. Damit lässt sich die Position des Handys auf bis zu 30 Meter genau berechnen. Das satellitengestützte Ortungssystem GPS ermöglicht es sogar, die Koordinaten auf bis zu zehn Meter genau zu ermitteln.
Höhere Lokalisierungspräzision hat aber ihren Preis: Neben den Kosten für die zusätzliche Netzinfrastruktur müssen auch die Handys aufgerüstet werden. So benötigen sie zusätzliche Hardwarekomponenten und leistungsfähigere Akkus, was die Geräte letztlich schwerer, unförmiger und teuer macht. Das GPS-fähige Benefon Esc! beispielsweise wiegt 174 Gramm, bei einer Akkulaufzeit von nur 40 bis 110 Stunden im Stand-by-Betrieb [6].
In den USA ist die Telekommunikationsbehörde FCC die treibende Kraft hinter der Umsetzung neuer Ortungstechniken. Sie schreibt den Mobilfunkbetreibern detailliert vor, wie genau sie die Handys ihrer Kunden orten können sollen. So sollen sie bis zum Jahre 2005 in 95 Prozent aller Fälle Anrufer auf 150 Meter genau orten können. Auf diese Weise will die FCC es Rettungskräften erleichtern, nach einer Alarmierung per Mobiltelefon zum Einsatzort zu finden [7].
Hierzulande ist es den Netzbetreibern freigestellt, welches Verfahren sie für die Lokalisierung benutzen. Zurzeit arbeitet kein Betreiber an der Integration einer alternativen Technik. D2-Vodafone, so Unternehmenssprecher Heiko Witzke, prüfe aber neue Verfahren der Positionsbestimmung. Wer im Moment hierzulande exaktere Ortung benötigt, als sie ihm die Mittel der Netzbetreiber ermöglichen, der ist also auf proprietäre Lösungen wie das GPS-fähige Herz Handy angewiesen.
Geldquelle
Die Mobilfunkbetreiber versprechen sich mit Location Based Services ein großes Geschäft: Laut einer Untersuchung, das der LBS-Infrastruktur-Hersteller AirFlash beim Marktforschungsunternehmen Mori in Auftrag gegeben hat, ist ein Großteil der Handybenutzer, die sich für Location Based Services interessieren, bereit, dafür bis zu 27 Mark pro Monat auszugeben.
Zurzeit scheinen die Anbieter noch ihre Kundenbasis mit attraktiven Tarifen vergrößern zu wollen: So berechnen weder Viag Interkom noch D2-Vodafone neben den Verbindungsentgelten zusätzliche Gebühren für Location Based Services; Viag Interkom wirbt zurzeit sogar im Fernsehen für seine Standortdienste. T-D1 schenkte seinen Kunden im Oktober 100 WAP-Minuten.
Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis die Netzbetreiber zumindest für einen Teil ihrer ortsanhängigen und WAP-Dienste Gebühren erheben: Viag Interkom hat angekündigt, ab Januar 2002 99 Pfennig pro Nutzung seiner Dienste zu kassieren; T-D1 betreibt ein T-Motion Plus genanntes Servicepaket mit Premiumdiensten wie Sport- und Finanzinfos, Klingeltönen und standortbezogenen Diensten, das 19,95 Mark pro Monat kostet. D2-Vodafone äußert sich noch nicht dazu, wann es Geld für LBS einnehmen will, schreibt aber auf seiner Homepage, dass dem Kunden nur 'zunächst' keine weiteren Kosten für die Benutzung der Dienste anfallen. E-plus hat auch Location Based angekündigt; der Betreiber schweigt sich aber darüber aus, ob und wie viel die Dienste kosten werden.
Wenn Mobilfunkbetreiber Handybesitzer bis auf wenige hundert Meter genau orten und diese Daten an Drittdienstleister weiterleiten, so wirft dies natürlich datenschutzrechtliche Bedenken auf. Die Mobilfunkbetreiber sind sich dieses Problems bewusst und versuchen, Kritik gar nicht erst aufkommen zu lassen - wer sich von T-D1 orten lassen will, muss sich jedes Mal explizit damit einverstanden erklären, auch Viag Interkom ermöglicht die Einverständniserklärung pro Ortung als Option. Einzig D2-Vodafone ermittelte in unserem Test die Position des Benutzers ohne Rückfrage automatisch, wenn dieser eine entsprechende Funktion abruft.
Damit der Handy Finder von Viag Interkom nicht missbraucht werden kann, zum Beispiel um unbemerkt herauszufinden, wo sich denn nun wieder der Ehemann herumtreibt, versendet der Dienst eine SMS ans Handy. Der Artikel auf Seite 178 beleuchtet Location Based Services aus datenschutzrechtlicher Sicht.
Fazit
Standortbezogene Dienste können die Informationssuche mit dem Handy wesentlich erleichtern. Zurzeit existiert ein Basisangebot, mit Diensten vor allem für Reisende und einigen Shopping-Helfern. Wirklich neu-artige Anwendungen, die sich außer dem Komfortgewinn von bestehenden WAP-Diensten unterscheiden, lassen bis auf die Abrechnungsmodelle und den Handy Finder noch auf sich warten. Aber die Netzbetreiber bauen ihr Angebot kontinuierlich aus. In der momentanen Einführungsphase lassen sich viele der Dienste günstig testen. In Zukunft muss man allerdings damit rechnen, dass die Mobilfunkunternehmen sich ihre Angebote teurer honorieren lassen werden.
Literatur
[1] Axel Kossel: WAP-Wahn, Das Märchen vom Surfen mit dem Handy, c't 9/00, S. 194
[2] Johannes Endres: Surfer on the Road, Die Zukunft des mobilen Internet hat längst begonnen, c't 4/01, S. 116
[4] Vitaphone (Herz Handy)
[5] Phonetracker
[6] www.benefon.com/eng/TG/flash/esc.html
[7] Vorgaben zur Erkennungsgenauigkeit der FCC (jo)