ICT 2015: Einblick in die Technik der Zukunft
Die EU-Kommission hat die europäische Forschungselite nach Lissabon eingeladen, wo sie Projekte wie Unterwasserdrohnen, künstliches Laub und ultradünne Kohlenstoffnetze zeigen.
(Bild: Kai RĂĽsberg)
Auf Lissabons zentralem Paradeplatz Praça do Comércio richt ein autonomer Roboter Passanten an und lädt sie in den Ausstellungspavillon ein, der für eine Woche auf dem Platz aufgebaut wurde. Dort präsentiert die EU-Kommission parallel zum ICT-Kongress verschiedene Forschungsprojekte.
Zukunftsbaustoff Graphen
Unscheinbar, aber spannend ist die Entwicklung von Graphen, gesprochen mit langem "e". Das Material gilt als Zukunftsbaustoff und besteht hauptsächlich aus Graphit, das auch im Bleistift steckt. In einer europäischen Forschungskooperation ist es gelungen, diese extrem dünnen, aber widerstandsfähigen Kohlenstoffnetze aufzubauen. Sie haben eine Stärke von nur einem Atom und sind optisch fast durchsichtig. Wissenschaftler aus Barcelona zeigen einen hauchdünnen Blutdrucksensor, der das Licht einer LED in die Haut sendet und dann über ein auf eine Folie geklebtes Graphengitter die Reflexionen des pulsierenden Bluts misst.
Mit Hilfe solcher Kohlenstoffnetze sollen zum Beispiel Infrarotkameras entwickelt werden, die ohne Kühlung auskommen. Damit wären zahlreiche Anwendungen realisierbar: von der Kontrolle der Qualität oder Reife von Lebensmitteln bis zur Überwachung von Gebäuden, Grenzen oder Sperrgebieten durch Ordnungsbehörden, Militär oder Unternehmen, so die Wissenschaftler. Hinter den Entwicklungen steckt eine der größten europäischen Forschungskooperationen von 61 akademischen Forschungseinrichtungen und 14 Unternehmen aus 17 Mitgliedstaaten der EU. Gestartet wurde das Projekt vor zwei Jahren und läuft noch bis 2023, gefördert mit 54 Millionen Euro.
Unterwasserdrohnen
(Bild:Â Kai RĂĽsberg)
Beim Projekt Sunrise kommen die Projektpartner hauptsächlich aus Südeuropa. Sie zeigen ein Mini-U-Boot, das verschiedene Sensoren trägt. Damit könnte zum Beispiel systematisch der Meeresboden abgesucht und exakt kartiert werden. Mit zu dem System gehören wasserdichte Modems, die zur Kommunikation, Steuerung und Orientierung unter Wasser dienen. Ein solches U-Boot inklusive einiger Standardsensoren kosten etwa 150.000 Euro, die Modems, die eine deutsche Firma zuliefert, etwa 10.000 Euro pro Stück. Erste Erfolge gibt es auch: Vor Sizilien wurden am Meeresboden gesunkene Schiffe entdeckt.
Photovoltaik am Fenster
(Bild:Â Kai RĂĽsberg)
Bereits kaufen kann man das Strom erzeugende Herbstlaub für die Fensterscheibe, das im Projekt Sunflower entwickelt wurde. Durch die Verdrahtung soll eine Baumstruktur entstehen. Die flexiblen Photovoltaikmodule sind auf durchsichtigen Folien in einem mehrschichtigen Verfahren aufgedruckt. Die Strom erzeugenden Schichten bestehen dabei aus Kunststoffen, die auch eingefärbt werden können. Zudem lässt sich die Stromausbeute und Durchsichtigkeit nach Belieben einstellen, sagt Projektkoordinator Giovanni Nisato. Die Formen und Größen der Module seien durch die Drucktechnik nahezu beliebig wählbar. Die Stromausbeute ist geringer und die Kosten pro Watt ist höher als bei der herkömmlichen Siliziumtechnik, doch wer will sich schon schwarze Paneele vor die Fenster hängen, sagt Nisato.
Vor vier Jahren von siebzehn Projektpartnern gestartet, forscht Sunflower noch ein weiteres halbes Jahr mit einem Finanzierungsvolumen von 14 Millionen Euro. Unter den Partnern sind zahlreiche deutsche Firmen und Institute wie Agfa, Fraunhofer oder die Firma Belectric aus NĂĽrnberg, die bereits mehrere Systeme an Architekten verkauft hat. (ad)