Winquisition
âIllegale Software - auch in Ihrem Unternehmen?â Ein Brief mit dieser Betreffzeile flattert derzeit vielen kleinen und mittelstĂ€ndischen Firmen vor allem in Norddeutschland ins Haus. Er stammt von Microsoft und ist Teil einer Kampagne, mit der der Software-Riese gegen Raubkopien vorgehen will.
Bis zu 60 Prozent aller in kleinen und mittleren Unternehmen eingesetzten Software ist nach SchÀtzungen von Microsoft nicht ordnungsgemÀà lizenziert. Diesem Umstand will das Softwarehaus mit einer umfangreichen so genannten AufklÀrungskampagne begegnen. Allerdings sind die Schreiben in einem Tonfall formuliert, der eher an ein Ermittlungsverfahren als an wohl gemeinte AufklÀrung erinnert.
So enthalten die Briefe die Aufforderung, in ein beigelegtes Formblatt eine detaillierte Aufstellung ĂŒber sĂ€mtliche im Unternehmen verwendete Microsoft-Software einzutragen und genau aufzuschlĂŒsseln, auf wie vielen Rechnern sie jeweils installiert sei und wie viele Lizenzen man wann erworben habe. Weiter wird darauf hingewiesen, dass beim Einsatz von nicht lizenzierter Software Schadenersatzforderungen oder gar strafrechtliche Konsequenzen drohen. Auf Erstere werde Microsoft aber verzichten, wenn der Kunde die ErklĂ€rung innerhalb der geforderten Frist abgebe und eventuell illegal genutzte Software nachlizenziere.
Wer auf ein solches Schreiben einfach nicht reagiert, erhÀlt in der Regel nach zwei Wochen eine Mahnung. In einigen FÀllen, so berichten c't-Leser, gebe es nach einer weiteren Gnadenfrist sogar inquisitorische Anrufe.
Auch wenn diese und die in schönstem Amtsdeutsch verfassten Briefe anderes suggerieren: Einen rechtlichen Anspruch auf die Abgabe einer solchen Software-Inventur hat Microsoft in der Regel nicht. Jedenfalls nicht, wenn der Kunde kein Volumenlizenzangebot wie Select nutzt, bei dem Microsoft sich per Vertrag das Recht vorbehĂ€lt, in regelmĂ€Ăigen AbstĂ€nden ein Audit durchzufĂŒhren, um die Anzahl der erworbenen Lizenzen den tatsĂ€chlichen Gegebenheiten anzupassen.
Dass Firmen durchaus das Recht haben, diese Briefe zu ignorieren, bestĂ€tigte im c't-Interview auch Birgit Strobel, bei Microsoft Deutschland zustĂ€ndig fĂŒr Presse- und Ăffentlichkeitsarbeit zum Thema Anti Piracy. Direkte Konsequenzen habe niemand zu befĂŒrchten. Staatsanwaltliche Ermittlungen etwa fĂ€nden nur bei konkretem Verdacht statt, den die Nichtabgabe der geforderten Aufstellung natĂŒrlich noch nicht begrĂŒndet.
In Nordrhein-Westfalen versendet Microsoft Ă€hnliche Briefe schon seit Mai dieses Jahres. Die RĂŒcklaufquote liegt laut Strobel bei zirka 20 Prozent. Insgesamt soll die Kampagne etwa 75 000 Unternehmen mit bis zu 100 Mitarbeitern und weniger als 50 PCs erreichen. Die Adressen stammen zum Teil aus Microsofts Kundendatenbank, aber auch Firmen, die noch nie ein Microsoft-Produkt registriert haben, können mit Post rechnen: Ein Teil der Anschriften kommt aus den Datenbanken professioneller AdresshĂ€ndler.
Obwohl den âblauen Briefenâ eine CD mit Software beiliegt, die den Angeschriebenen eine Bestandsaufnahme der eingesetzten Software erleichtern soll, stöĂt die Aktion nicht nur auf Zustimmung. Die VerĂ€rgerung, mit der ehrliche Kunden auf die unterschwellige Anschuldigung der Raubkopiererei reagieren, nimmt Microsoft aber bewusst in Kauf: âUm das Bewusstsein dafĂŒr zu wecken, dass der Einsatz nicht lizenzierter Software kein Kavaliersdelikt ist, muss man schon scharfe Worte wĂ€hlenâ, so Strobel. âNur das Aufzeigen möglicher Konsequenzen erzeugt den Druck, der nötig ist, um ein konkretes Handeln zu bewirken.â
Eine Ă€hnliche Aktion der Schweizer Niederlassung von Microsoft hat inzwischen gar den eidgenössischen DatenschĂŒtzer auf den Plan gerufen: Er bemĂ€ngelt, dass Microsoft von den Firmen Detailangaben ĂŒber die Anzahl von Mitarbeitern und PCs verlangt, ohne den Verwendungszweck offen zu legen. Den Adressaten empfiehlt er, ihrerseits von Microsoft schriftlich Auskunft ĂŒber bestehende DatenbankeintrĂ€ge zu verlangen: In diesem umgekehrten Fall nĂ€mlich besteht in der Schweiz ein gesetzlicher Anspruch auf Auskunft. (hos) (hos)