"Das war elektrisierend"

Mit einem neuartigen Medikament gegen Lungenhochdruck haben sich drei Medizinforscher eine Nominierung für den Deutschen Zukunftspreis gesichert. Auch gegen verbreitete Herzkrankheiten könnte das neue Wirkprinzip helfen.

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  • Sascha Mattke

Mit einem neuartigen Medikament gegen Lungenhochdruck haben sich drei Medizinforscher eine Nominierung für den Deutschen Zukunftspreis gesichert. Auch gegen verbreitete Herzkrankheiten könnte das neue Wirkprinzip helfen.

Bis die Substanz so weit entwickelt war, dass sie als Medikament bei Menschen eingesetzt werden konnte, dauerte es fast zwei Jahrzehnte, doch dann ging alles ganz schnell: 2005 wurde sie erstmals Patienten an der Ambulanz für Pulmonale Hypertonie des Universitätsklinikums Gießen verabreicht, schon im Oktober 2013 wurde sie in den USA für eine Indikation zugelassen, im März 2014 dann für zwei in der EU.

Die Rede ist von Riociguat, einem vollkommen neuartigen Medikament gegen den so genannten Lungenhochdruck, der für Betroffene ansonsten zunächst quälende Luftnot und nach wenigen Jahren meist den Tod bedeutet. Für die Entwicklung des Wirkstoffs sind Professor Ardeschir Ghofrani von der Gießener Uniklinik sowie Reiner Frey von Bayer Pharma und sein Kollege Johannes-Peter Stasch, zugleich Honorarprofessor für Arzneimittelforschung an der Universität Halle-Wittenberg, für den diesjährigen Deutschen Zukunftspreis nominiert. Denn Riociguat hilft nicht nur Menschen, für die es früher kaum eine Hilfe gab: Sein neues Wirkprinzip könnte auch bei weiteren Lungen- sowie Herzerkrankungen Besserung bringen.

In der EU ist Riociguat für die Behandlung der Krankheiten pulmonal-arterielle Hypertonie (PAH) und chronische thromboembolische pulmonale Hypertonie (CTEPH) zugelassen. Während sich PAH auch mit anderen Mitteln bekämpfen lässt, gab es bei CTEPH lange Jahre nur die Möglichkeit eines operativen Eingriffs – der aber nur bei etwa jedem zweiten Patienten in Frage kommt oder hilft.

Mit Riociguat bekamen die Ärzte also tatsächlich ein Medikament in die Hand, das wirkt, wenn alles andere versagt. Und schon die ersten Therapien damit verliefen höchst ermutigend: „Wir haben schon bei den ersten Anwendungen enormes Potenzial gesehen. Die Patienten haben nach einer einzigen Dosis positiv reagiert, und auch die Sicherheit erwies sich als gut. Das war elektrisierend. Man hat Glück, wenn man so etwas als Arzt und Forscher auch nur einmal im Leben erleben darf“, berichtet Ghofrani von den ersten Studienergebnissen.

Eine Heilung von PAH oder CTEPH ist auch mit Riociguat nicht möglich, doch die Symptome bessern sich teils wesentlich: Die Patienten bekommen wieder genügend Luft, was zunächst einmal eine enorme subjektive Erleichterung für sie darstellt. Dank der besseren Sauerstoffversorgung können sie auch wieder mehr körperlichen Aktivitäten nachgehen und zum Teil wieder arbeiten. „Damit ist die Krankheit von einer progressiv-tödlichen zu einer chronisch-kontrollierbaren geworden“, sagt Ghofrani – ähnlich wie es bei Diabetes mit Insulin der Fall war. Langzeitstudien mit Riociguat stehen noch aus, doch Ghofrani sieht bereits Hinweise darauf, dass das Medikament auch die Lebenserwartung der Betroffenen erhöht.

Normalerweise vergehen von den ersten klinischen Studien an Menschen bis zur Zulassung eines neuen Medikaments mehr als zehn Jahre. Dass es bei Riociguat deutlich schneller ging, führt Ghofrani zum einen darauf zurück, dass der Bedarf mangels Alternativen bei CTEPH so dringend war. Zum anderen half dabei, dass PAH und CTEPH mit in Deutschland jeweils 5000 bis 10.000 Betroffenen zu den seltenen Krankheiten zählen. Für dagegen wirkende Medikamente, so genannte Orphan Drugs, sehen mehrere wichtige Arzneimittelbehörden beschleunigte Zulassungsverfahren vor.

Bis es so weit kommen konnte, haben Frey und Stasch mit ihren Teams bei Bayer jahrzehntelange Vorarbeit geleistet. Vielen Lungenpatienten fehlt es an Stickstoffmonoxid im Körper, der über ein Enzym namens lösliche Guanylatcyclase (sGC) eine gefäßerweiternde Wirkung hat. Versuche, den Körper direkt zu mehr Stickstoffmonoxid-Produktion zu bringen, verliefen in den 1990er Jahren im Sand. Jedoch fand sich eine Möglichkeit, die sGC stattdessen direkt zu stimulieren. Bis zum Jahr 2000 führte dies nach Tests von Tausenden von Stoffen zum heutigen Riociguat. Nach Sicherheitsstudien mit Tieren und dann gesunden Menschen konnte 2005 die klinische Erprobung in Gießen beginnen.

Wenn er von der Wirkungsweise von Riociguat berichtet, gerät Ghorani fast ins Schwärmen: „Es hat einen ganz eigenen Mechanismus, es gibt nichts Verwandtes. Die Bindungsstelle dafür an dem körpereigenen Enzym hat überhaupt keinen natürlichen Partner. Johannes-Peter Stasch sagt deshalb manchmal, dass der liebe Gott diese Stelle wohl nur für Riociguat geschaffen haben muss.“

Laut Ghofrani hängt eine ganze Reihe von Herz- und Lungenerkrankungen mit Störungen des Stickstoffmonoxid-Haushalts im Körper zusammen, so dass die Riociguat-Wirkstofffamilie vom Nischen- zum Massenmedikament werden könnte. Möglicherweise noch in diesem Jahr sollen Ergebnisse einer zulassungsrelevanten Studie mit dem Schwesterwirkstoff Vericiguat gegen das verbreitete Problem der Herzinsuffizienz vorliegen. „Wenn die auch nur den kleinsten positiven Hinweis liefert, wäre das die Erweiterung in die Breitenmedizin“, sagt Ghofrani. Ähnlich könnte es bei verbreiteten Lungenkrankheiten laufen.

Dass eine ganz neue Substanzklasse mit vielen Anwendungsmöglichkeiten gefunden und bis zur Zulassung gebracht wird, kommt nur selten vor. Der Erfolg mit Riociguat ist laut Ghofrani auch auf eine frühzeitige und enge Zusammenarbeit zwischen Forschern in Universitäten und Unternehmen zurückzuführen. Und hier bestehe Hoffnung, dass es in Deutschland in Zukunft mehr davon geben wird: „Es werden mehr und mehr die richtigen Schnittstellen und Rahmenbedingungen dafür geschaffen und mit öffentlich finanzierten Projekten gefördert.“

(sma)