Internet-Unternehmer zwischen Erfolg und Vergessenheit

Werbung machen, ein Geschäft ohne Regierungslizenz betreiben, Produkte außerhalb der staatlichen Läden verkaufen: All das ist in Kuba verboten. Und genau deshalb ist das Unternehmen von Hiram Centelles so erfolgreich.

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Von
  • Adam Popescu

Werbung machen, ein Geschäft ohne Regierungslizenz betreiben, Produkte außerhalb der staatlichen Läden verkaufen: All das ist in Kuba verboten. Und genau deshalb ist das Unternehmen von Hiram Centelles so erfolgreich.

Der 31-Jährige ist Mitgründer von Revolico, einem Marktplatz im Stil der US-Anzeigenseite Craigslist und zentrale Anlaufstelle für Kleinanzeigen in Kuba. Sie hat acht Millionen Seitenaufrufe pro Monat, 25.000 neue Anzeigen pro Tag und einen Stamm zahlender Kunden – die Hälfte davon in Florida. Sechs Mitarbeiter, vier in Spanien und zwei in Kuba, sammeln Geld von Hunderten Kunden ein, die 15 Dollar pro Woche oder 50 Dollar pro Monat für ihre Anzeigen bezahlen. Statt E-Mails zu schicken, nehmen Revolico-Nutzer meist telefonisch Kontakt zum Anbieter auf. Gezahlt wird beim persönlichen Treffen in bar.

Centelles gehört zu einer kleinen Gruppe von kubanischen Technikfreunden, die in dem extrem armen und restriktiven Land eigene Web-Unternehmen aufgezogen haben. Aufgewachsen ist er in den 90er-Jahren, als die Insel den Zusammenbruch der Sowjetunion zu spüren bekam: Russische Rubel flossen kaum noch, der "mercado negro" explodierte. Jahrelange kommunistische Repression und das Handelsembargo der USA ließen eine große Nachfrage nach Waren von Modems bis zu Motorrädern entstehen, die es dort nur auf dem Schwarzmarkt gibt.

Weil das jedoch total chaotisch verläuft, sah Centelles seine Chance. 2007 schufen der damals 23-jährige Student am Polytechnic Institute in Havanna und sein Freund Carlos Peña eine bequemere Einkaufsmöglichkeit – auch für spezielle kubanische Angebote wie Plätze in der Schlange für Visa in der spanischen Botschaft.

Die Hürden sind groß: Fast niemand in Kuba hat ein Konto, Kreditkarten sind verboten. Zugang zum Internet gibt es in dem Land mit elf Millionen Einwohnern oft nur über unzuverlässiges WLAN an 155 Hotspots für fünf Dollar pro Stunde oder langsame Wählverbindungen in staatlich regulierten "Computerlaboren". Nur fünf Prozent der Bevölkerung haben uneingeschränkten Zugang zum Internet. Anfangs nutzte Centelles einen gehackten VPN-Router, um die IP-Adresse von Revolico mehrmals pro Stunde zu verändern.

Doch die Seite wurde ständig von den Behörden blockiert und musste mühsam unter einer neuen IP-Adresse wieder online gebracht werden. 2008 wurde Centelles für eine Stelle beim kubanischen Auslandsgeheimdienst angeworben. Aus Sorge, es könnte eine Falle sein, die ihn ins Gefängnis bringen sollte, ging er nach Spanien.

Über Freunde in Kuba verband er sich mit El Paquete Semanal, einem Dienst, der wöchentlich mit 200 Kurieren digitale Informationen liefert: USB-Sticks mit Filmen, Musik, Nachrichten. Apps für zwei Dollar pro Woche – und fortan auch Revolico-Anzeigen. Gründer Elio López betreibt den Dienst illegal, indem er per Satellit Internetdaten abruft.

Zu Centelles Ăśberraschung passierte ihm 2011 bei einer Reise in die Heimat nichts. 2012 wurde er als das Gesicht hinter Revolico bekannt. Anfang 2015 kam er erneut heim, und wieder lieĂź ihn die Regierung in Ruhe. Trotzdem will er im Ausland bleiben, bis deutlich mehr Kubaner Internetzugang, Bankkonten und Kreditkarten haben.

Allerdings könnten frühe Internet-Entrepreneure wie er bald an einem Scheideweg stehen, ebenso wie Kuba selbst. Führt das aktuelle Tauwetter in den Beziehungen zu den USA zur Aufhebung des Wirtschaftsembargos, könnte sich die Wirtschaft öffnen. Unternehmer wie Centelles könnten zur ersten Generation von Technologiegrößen in Kuba werden. Oder sie werden zu Fußnoten der Geschichte, die gegen die anrollende Investitionswelle von ausländischen Telecom- und Technologie-Unternehmen keine Chance hatten. (bsc)