Goldesel Kunde

Selten fand in einer Anzeige das Adjektiv `kostenlos!´ derart inflationäre Anwendung wie jüngst bei Teles. Die Software für Modem-Interworking, das Modul für Sprachsteuerung oder gar ein Videokonferenzprogramm - alles kostenlos. Wie die Programme zu bekommen sind, kann man der Werbung jedoch nicht entnehmen.

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Kostenlos war auf jeden Fall der Testanruf beim Teles-Bestellservice, zu erreichen über eine 0130er Nummer. Die neuen - laut Werbung kostenlosen - Treiber für Windows NT sollten es sein, denn die gab es für meine angestaubte S0/16-Karte beim Kauf noch nicht. `Die NT-Treiber kosten bei uns 20 Mark plus Versandkosten´, wußte eine freundliche Stimme zu sagen. Und weiter: `Kostenlos kann man sie nur über den Support-Server beziehen.´

Hm. Den Teles.Support-Server erreicht man nur über eine 0190-5er Nummer, und jede Minute kostet den Anrufer 1,20 Mark. Davon gehen in der Regel 0,65 Mark an die Telekom und 0,45 Mark an den Dienstanbieter. Wenn ich die neueste CD hätte, sprach es in meine Denkpause aus dem Hörer, könne ich mir den Download sparen. Hatte ich nicht. Meine Karte gehört zu den älteren Generationen. Die kostenlosen NT-Treiber sind aber nur etwa 3 MByte groß, und der Download würde etwa 10 Mark kosten, bekam ich vorgerechnet. Vielen Dank.

`Kostenlos´ steht auch neben der Videokonferenzsoftware Teles.Vision. Auf dem Support-Server findet sich das Programm in drei Versionen. Die Probe-Downloads der ersten beiden schlugen mit 13,56 und 32,64 Mark zu Buche (5 und 9 MByte). Die dritte erhält, wer das Online PowerPack ersteht. Bis die 25 MByte auf meinem Rechner anlandeten, waren 66,60 Mark Telefonkosten fällig.

Alternativ könne man die Software über das Niedrigkostenservicepaket beziehen, so der Bestellservice. Für 99 Mark bekäme man 18 Monate lang vierteljährlich eine neue CD, zuzüglich 6,90 Mark Versandkosten. Der Zugang zum Support-Server würde dann höchstens 48 Pfennige pro Minute kosten. Ferner könne man die aktuelle CD per Post schicken lassen - für 75 Mark.

Von kostenlos keine Spur. Selbst CAPI, das für Windows-Rechner zwingend notwendige Software-Interface, bekommt man nur gegen Bares. Der Download der aktuellen Version 3.21 hat 9,96 Mark gekostet. Im Gegensatz dazu legen viele andere ISDN-Hersteller ihre Updates im Internet bereit und kassieren keine Download-Gebühren - zum Beispiel AVM oder Elsa. Auch finden sich auf dem Server der Firma Acotec Spezialtreiber für viele ISDN-Karten.

Pikanterie am Rande: Creatix, Lizenznehmer von Teles, stellt das für die Datahighway-Karte adaptierte CAPI kostenfrei zur Verfügung. Die Firma Elsa geht sogar so weit, daß sie ihre Updates nicht nur kostenlos bietet, sondern den Support-Server auf einem Rechner der TU Chemnitz spiegelt - für den Fall, daß der Zugang zum Elsa-Server verstopft ist.

Wer jedoch von Teles produzierte Treiber der Internet-Gemeinde bereitstellt, muß mit einer Abmahnung rechnen. Kein Wunder, verzeichnete doch Teles in der letzten Zeit monatlich 500 000 Zugriffe auf den Support-Server. Nach Gründen für die kostenpflichtigen Updates befragt, verwies die Pressevertretung auf die Kosten der angeblich 150köpfigen Entwicklungsmannschaft. Verwunderlich, daß man keinen dieser Entwickler damit betraut hat, für die Online-Datenkompression des Support-Servers zu sorgen. So kommen die Daten grundsätzlich mit etwa 7,5 KByte pro Sekunde an. In vielen Fällen ginge es mit Kompression aber doppelt so hurtig.

Viele Anwender beklagen aber nicht nur den teueren Update-Service, sondern auch die Instabilität mancher Programme, die immer wieder dazu führt, daß sie die 0190er Nummer der Teles-Hotline anrufen müssen.

Wer zum Beispiel die Karte aus dem Rechner entfernen und die Software Online PowerPack von der Platte tilgen will, stellt fest, daß der Uninstaller lediglich die Verweise aus dem Programmstartmenü von Windows 95 in den Papierkorb wirft und daß das Progrämmchen Deinst.exe außer dem Verweis auf den Gebrauch des Gerätemanagers von Windows 95 keinen Handschlag tut.

Aber nachdem man wie geheißen die Karte nacheinander aus dem Gerätemanager und dem Rechner selbst entfernt, moniert Windows 95 bei jedem Booten mit Blue Screens, daß es der (abwesenden) Plug&Play-Karte keine Konfiguration zuweisen könne.

Wer die Überbleibsel in der Windows-Konfiguration zu löschen versucht, verheddert sich jedoch allzu leicht im Dschungel der Ini-Dateien und der Win95-Registrierung, was Hotline-Anrufen den Weg ebnet. Immerhin wird dem Anrufer gleich nach dem Verbindungsaufbau reiner Wein eingeschenkt. 3,60 kostet die Minute, verkündet die Voicemailbox. Was kaum ein Hotline-Kunde weiß: davon gehen 2,85 Mark an Teles.

Warum diese horrenden Gesprächsgebühren? Teles möchte einen qualifizierten Service bieten, heißt es, und man wolle nicht alle Kunden belasten. Die angeblich 25köpfige Hotline-Mannschaft bestünde aus Diplom-Ingenieuren, die permanent weitergebildet würden. Andere Firmen, wie etwa das Weltunternehmen Philips, bieten ihren Kunden eine 0130er Servicenummer.

Unserem sicher nicht seltenen Desinstallationsproblem erwies sich der Techniker der Teles-Hotline nicht gewachsen. Er riet, den Eintrag TAG2110 aus der Registrierung zu entfernen - das half nicht. Ruhe gab es erst, nachdem wir in der System.ini im Bereich [386Enh] die Einträge, die das Verzeichnis OnlinePP referenzieren, auskommentierten. (dz) (dz)