Geschäft mit den Massen
Mitgliederzahlen und Reichweite belegen den Wohlstand eines Online-Dienstes; sie erhöhen die Investitionsbereitschaft von zahlungskräftigen Inhaltsanbietern. Während T-Online den deutschen Markt unangefochten anführt, streiten sich die weltweite Nummer Eins, AOL, und der älteste Dienst, CompuServe, um den zweiten Platz. Schlußlicht MSN hat sich kurzerhand mit dem Marktführer verbündet.
Hatte die Deutsche Telekom Anfang Februar noch die enge Zusammenarbeit mit Netscape betont, gab sie auf der CeBIT nun eine weitreichende Kooperation mit Microsoft bekannt: Die rund 1,4 Millionen T-Online-Kunden sollen, die Zustimmung des Kartellamts vorausgesetzt, ab Mai kostenlos Zugriff auf das Angebot von MSN erhalten. Damit erhöht sich die Reichweite des Microsoft-Dienstes erheblich, der hierzulande bislang noch mit kärglichen Mitgliederzahlen von rund 25 000 agiert. Über den Zugang für MSN-Kunden zum T-Online-Angebot wurde bislang noch keine Einigung erzielt.
Für Ende Mai plant T-Online eine weitreichende Umstellung der Infrastruktur. Während sich die Verbesserungen der vergangenen Monate hauptsächlich in den Ballungsgebieten durch einen schnelleren Internet-Zugang bemerkbar gemacht haben, sollen von den jetzt geplanten Änderungen alle Kunden profitieren. Eine neue Hardware (von Ascend) an den Einwahlpunkten soll künftig direkt erkennen, ob der Teilnehmer den Inhalte des Online-Dienstes im CEPT- beziehungsweise KIT-Format abruft oder direkt ins Internet möchte.
Im letzteren Fall findet dann keine Protokollumsetzung (BTX-Tunneling) und Umleitung zum zentralen Gateway in Ulm mehr statt. Statt dessen werden die TCP/IP-Daten über Router direkt in das ATM-Backbone eingespeist, das die Deutsche Telekom im vergangenen Jahr unter der Bezeichnung T-Internet für Firmenkunden aufgebaut hat. Alle analogen Zugänge werden flächendeckend auf V.34 umgestellt. Die Einwahlpunkte, die unter der Telefonnummer 1 93 04 erreichbar sind, werden auf 56 000 Bit/s umgestellt. Unter anderem mit einer Bandbreite von 102 MBit/s in die USA strebt T-Online dann auch in puncto Geschwindigkeit die Markführerschaft in Deutschland an.
Standardzugang
Zeitgleich mit der Umstellung erhalten die Kunden dann eine neue Software, den Decoder 3.0. Der Internet-Zugang erfolgt damit endlich über das Standardprotokoll PPP und läßt sich beispielsweise mit dem Dialer von Windows 95 aufgebauen. Parallel zum Decoder kann man dann wahlweise mit dem Netscape Navigator oder mit Microsofts Internet Explorer im Internet surfen.
Gerüchten um eine Preissenkung beziehungsweise ein Pauschalangebot widersprach Geschäftsführer Eric Danke gegenüber c't. Zwar denke man bei T-Online über Preiskorrekturen nach, doch wolle man zunächst abwarten, wieviel neue Kapazität durch die technischen Änderungen im Mai geschaffen werde. Schließlich habe das Beispiel von AOL in USA, wo nach Einführung eines Pauschalpreises die gesamte Infrastruktur zusammenbrach, gezeigt, daß einem Online-Dienst durch unbedachte Preisänderungen großer Schaden entstehen kann.
Hierzulande hatte sich AOL in jüngster Zeit durch seine ISDN-Zugänge unbeliebt gemacht. Obwohl sie sich noch im Beta-Stadium befanden und mit niedriger Geschwindigkeit (19 200 Bit/s) und recht unzuverlässig arbeiteten, wurden sie in der Werbung schon fleißig vermarktet. So konnte man den AOL-Mitarbeitern auf der CeBIT ihre Erleichterung ansehen, als sie die flächendeckende Freigabe der ISDN-X.75-Zugänge mit voller Geschwindigkeit bekanntgaben. Außerdem können D2-Teilnehmer AOL nun mit GSM-Modems anwählen.
Nachdem die aktuelle Softwareversion 3.0 auch auf dem Macintosh verfügbar ist, wurde nun endlich auch eine 32-Bit-Version für Windows 95 zumindest als Beta vorgestellt. Der branchenübliche Superlativ fiel allerdings etwas schwach aus: AOL Deutschland ist mit rund 300 000 Mitgliedern der größte AOL-Dienst außerhalb der USA.
Zweiter
Zudem hatte AOL in Deutschland CompuServe vom zweiten Platz hinter T-Online verdrängt. Doch CompuServe wollte diese Kröte nicht schlucken und kooperiert nun mit der Firma germany.net, die mit kostenlosem Zugang zum deutschsprachigen Internet immerhin 160 000 Kunden gewonnen hat. Diese rechnet Felix Somm, Geschäftsführer von CompuServe Deutschland, kurzerhand in die Reichweite seines Dienstes hinein, obwohl germany.net-Kunden ohne eine zusätzliche CompuServe-Mitgliedschaft nur einen Teil der Angebote des Partnerdienstes nutzen können. Dazu werden bestimmte Bereiche zukünftig durch Werbung mitfinanziert werden. Neben diversen neuen Inhalten, wie der Fußballdatenbank, stellte CompuServe seine Zugangssoftware in der aktuellen Version 3.0 für den Macintsoh vor.
MSN schließlich versucht neben der Kooperation mit der Telekom seine schlechte Erfolgsquote durch ein neu strukturiertes Angebot wett zu machen. Die Mitglieder sollen die Inhalte im Online-Dienst und Internet einfacher konsumieren können. Dazu wurden vier Bereiche mit verschiedenen Kanälen eingerichtet: `On Stage´ bietet sechs Programme mit Nachrichten und Unterhaltung, hinter `Services´ verbergen sich Einkaufsmöglichkeiten und Börsennachrichten, `Kommunikation´ erlaubt die Kontaktaufnahme mit anderen Mitgliedern, und `Suchen´ soll den Zugriff auf Informationen im Internet erleichtern.
FĂĽr MSN spricht einiges: Der unbegrenzte Pauschalzugriff fĂĽr 49 DM monatlich ebenso wie der hochwertige Internet-Zugang ĂĽber EUnet und T-Internet. Inhaltlich profitiert MSN vom Exklusivvertrag mit dem ZDF. So bieten beispielsweise des Gesundheitsmagazin Praxis und das Sportstudio hier aktuelle Informationen an. (ad) (ad)