Internet-Office

Ganz im Zeichen des `Network Computing´ stehen die neuesten Office-Pakete, von denen eines bereits fertiggestellt ist. Statt auf dem lokalen Rechner zu laufen, stellt sie ein sogenannter Application Server zur Verfügung. Auf diese Anwendung greift der Benutzer mit Hilfe eines Java-fähigen Browsers zu. Das darunterliegende Betriebssystem spielt dabei keinerlei Rolle.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 10 Min.
Von
Inhaltsverzeichnis

Bei den Office-Paketen deutet sich zunehmend ein Wandel an. Ob im firmeneigenen Intranet oder im weltweiten Internet, mit den neuesten Entwicklungen kann jeder Benutzer jeden Rechner mit beliebigem Betriebssystem benutzen und findet dennoch seine gewohnte Arbeitsumgebung mit allen seinen Dateien und individuellen Einstellungen vor - ganz egal, an welchem Ort der Welt oder an welchem Schreibtisch in der Firma er sich gerade befindet. Dies machen die neuen Office-Pakete möglich, die als Java-Applets in jedem Java-fähigen Web-Browser laufen.

Vorteile bringen diese Lösungen ebenfalls dem Systemverwalter: Es existiert nur noch eine einzige Installation auf dem Server, die Konfiguration auf der Client-Seite entfällt völlig. Zudem muß er bei einem Update nur noch die Software auf dem Server austauschen. Danach arbeiten alle Benutzer gleichzeitig mit eben dieser Version.

Im Mai will Corel die `Corel Office Suite for Java´ auf den Markt bringen. Das kündigte der kanadische Grafikspezialist jedenfalls während der CeBIT auf seiner Pressekonferenz an. Zusätzlich will er einen eigenen NC (Network Computer) entwickeln und speziell für dessen Produktion eine Tochterfirma gründen. Der Grund: man bezweifle, zu diesem Zeitpunkt seien die angekündigten NCs anderer Hersteller auf dem Markt verfügbar. Außer dem futuristischen Gehäuse konnte Corel allerdings noch nichts zeigen; ein lauffähiges System gab es noch nicht zu sehen.

Schon seit geraumer Zeit liegt das 2,7 MByte große Java-Office als Pre-Beta auf Corels Web-Server zum Download bereit. Allerdings dient es eher als Technologiestudie denn als nutzbares Anwendungspaket; wesentliche Funktionen sind noch nicht implementiert. So lassen sich beispielsweise noch keine Dateien laden und speichern - Mängel, die auch durch Unzulänglichkeiten des derzeitigen Java begründet sind.

Unter einer gemeinsamen Oberfläche finden sich die Textverarbeitung WordPerfect, die Tabellenkalkulation Quattro Pro und ein Personal Information Manager (PIM) samt EMail-Funktion. Die Namensgebung dieser Anwendungen täuscht allerdings: Mit den bisherigen Produkten hat Corels Java-Office nämlich nichts gemeinsam. Vielmehr haben die Entwickler alle Anwendungen von Grund auf neu in Java programmiert. Schon allein deshalb scheint fraglich, ob das Paket jemals auch nur ansatzweise den Funktionsumfang der derzeitigen Office-Suite erreicht.

Nach dem Start über einen Java-fähigen Web-Browser läuft Corels Java-Office vollständig auf der Client-Seite. Auf leistungsschwachen PCs, die in vielen Firmen noch als Arbeitsrechner benutzt werden, läßt die Performance allerdings sehr zu wünschen übrig. Auf solchen Rechnern kann man das Paket auch in der fertigen Version wohl kaum sinnvoll einsetzen. Als Hardware-Plattform sieht Corel denn auch eher die zukünftigen NC-Workstations vor, die speziell für Java entwickelt werden.

Einen ganz anderen Weg verfolgen die Hamburger Star Division und die US-amerikanische Firma Applix, die schon seit Jahren Office-Lösungen für diverse Unix-Systeme anbietet. Als einziger Hersteller konnte Applix auf der CeBIT sogar schon ein fertiges Produkt vorweisen. Sowohl Applix anyware als auch StarOffice for Java arbeiten als Client/Server-Applikation. Dabei läuft die eigentliche Anwendung auf dem Server und kommuniziert über ein spezielles Protokoll mit den Java-Clients. Diese führen lokal alle Funktionen aus, die das User-Interface betreffen. Klickt der Benutzer beispielsweise auf ein Menü, so wird das Öffnen dieses Menüs vom Java-Client ausgeführt. Sämtliche Berechnungen innerhalb eine Spreadsheets führt dagegen der Application Server aus. Im Gegensatz zu Corels Lösung wird bei diesem Konzept nur ein kleiner Teil lokal ausgeführt, der aus nur wenigen hundert Kilobyte Code besteht. Das kommt letztendlich der Performance zugute.

Applix anyware erfordert einen Unix-Rechner als Server (Solaris 2.5, AIX ab Version 4.15, HPUX Version 9 oder 10 oder SGI 5.3). Auf diesem muß bereits ein Web-Server von Netscape konfiguriert sein; andere Web-Server will Applix später unterstützen. Als Client kann jedes Betriebssystem mit Java-fähigem Web-Browser fungieren. Über den Web-Server meldet sich der Benutzer beim Application Server mit User-Namen und Paßwort an. Danach wird der eigentliche Java-Client in Form von Java-Klassen auf den lokalen Rechner geladen. In der Demo-Version von Applix anyware, die sich Interessierte nach einer Registrierung auf dem Web-Server des Herstellers ansehen können, sind dies rund 500 Kilobyte. Bei schlechter Internet-Anbindung dauert die Übertragung zwar eine kleine Weile, im firmeninternen Intranet entstehen dabei jedoch keine langen Wartezeiten.

Im Gegensatz zu Corel Office for Java handelt es sich bei Applix anyware um ein vollständiges Office-Paket mit allen Funktionen, die man von einer ausgewachsenen Office-Lösung erwartet. Im Prinzip handelt es sich um nichts anderes als um Applixware 4.3, das Applix für diverse Unix-Varianten inklusive Linux anbietet (siehe auch Seite 324). So verwundert es nicht, daß sich Applix anyware mit derselben Versionsnummer wie das Stand-alone-Paket meldet.

Im Paket integriert sind unter anderem eine Textverarbeitung, eine Tabellenkalkulation samt Grafikfunktion, ein EMail-Client und ein Tool, um HTML-Seiten zu gestalten. Bei allen dieser Programme werden die Dateien stets auf dem Server gespeichert und von diesem geladen. Den Datenbestand auf der lokalen Platte zu halten ist nicht vorgesehen. Einerseits wäre diese Funktion derzeit innerhalb von Java-Applets nicht zu realisieren, andererseits macht es durchaus Sinn, alle Daten auf dem Server zu halten: Greift man von einem anderen Rechner auf das Office-Paket zu, käme man sonst nicht an seine Daten heran.

Ebenso wie in Applixware 4.3 sind die einzelnen Programme vorbildlich aufeinander abgestimmt. Die Textverarbeitung bietet zahlreiche Import-/Export-Filter, um Dokumente mit Benutzern anderer Anwendungen auszutauschen, darunter WordPerfect und Word 6.0. URLs auf Web-Seiten lassen sich direkt in Textdokumente einbetten, und ĂĽber die EMail-Funktion kann der Benutzer Dokumente ohne Umweg verschicken.

Die Tabellenkalkulation bietet ĂĽber 600 Funktionen fĂĽr diverse Arten von Berechnungen und zur String-Bearbeitung. DarĂĽber hinaus unterstĂĽtzt sie beispielsweise dreidimensionale Tabellen und Charts. Unter den Import-/Export-Filtern finden sich unter anderem solche fĂĽr Lotus 1-2-3 und Microsoft Excel bis zur Version 6.0.

Ein optionales Datenbank-Tool erlaubt es, direkt auf Datenbestände von Oracle-, Sybase-, Informix-, Ingres- oder jeder ODBC-Datenbank zuzugreifen und diese zu verändern. Darüber hinaus kann man Datenbanken direkt in ein Spreadsheet oder in ein Textdokument einbetten.

Obwohl es sich beim Client um ein Java-Applet handelt, laufen die Anwendungen in erstaunlich hoher Geschwindigkeit. Auf dem CeBIT-Messestand zeigte Applix das Paket sogar auf einem einfachen 486er. Je nach Qualität der Internet-Anbindung erfordert die Demo-Version, die auf dem Web-Server von Applix läuft, dagegen mehr Geduld. Um von jedem beliebigen Ort via Internet ein derartiges Paket komfortabel zu nutzen, scheint die Zeit mangels passender Infrastruktur offenbar noch nicht ganz reif zu sein.

Vom Prinzip her ähnelt Star Divisions Lösung jener von Applix. Wie bereits in c't 4/97 erwähnt, handelt es sich bei StarOffice 4.0 for Java um das ganz normale StarOffice-Paket, das lediglich durch drei neue DLLs zum Application Server mutiert. Dieser läuft derzeit als Beta-Version unter Windows NT. Weitere Betriebssysteme, darunter OS/2, Unix und IBMs OS/390, sollen später folgen.

Die zusätzlichen Java-Klassen für den Client sind rund 300 Kilobyte klein. Ähnlich wie bei Applix anyware meldet sich der Benutzer auf dem Application Server an und erhält danach stets Zugriff auf seine eigenen Verzeichnisse, Dateien und Benutzereinstellungen, die auf dem Server liegen - von welchem Ort auch immer er auf den Server zugreift.

Innerhalb des Java-Fensters erscheint die übliche Oberfläche von StarOffice. Über den StarDesktop erhält der Benutzer Zugriff auf alle verfügbaren Ressourcen wie beispielsweise Dokumente für die Textverarbeitung, die Tabellenkalkulation oder fürs Präsentationsprogramm, Hyperlinks auf Web-Seiten, EMail oder News.

Speziell für ältere Rechner, die heute noch in vielen Firmen im Betrieb sind, hat Star Division zusätzlich einen C++-Client entwickelt. Er läuft wesentlich schneller als der Java-Client und gestattet es selbst 486ern, StarOffice aus dem Netz zu benutzen. Diesen Client konnte die Hamburger Software-Firma auf der CeBIT bereits vorführen. Auf einem 486er lief das Paket in durchaus respektabler Geschwindigkeit. Mit diesem Client erhofft sich Star Division viele neue Kunden, die in ihren Firmen veraltete Workstations einsetzen und die hohen Kosten für den Austausch gegen moderne Hardware scheuen. Der gesamte C++-Client paßt auf eine Diskette, so daß man ihn bequem überall mitnehmen und auf fremden Rechnern installieren kann.

Applix hat als erster Hersteller ein vollständiges Office-Paket für Java-Stations und alle anderen vernetzten Computer fertiggestellt. Mit ähnlichem Konzept wird Star Division in Kürze folgen. Dagegen entwickelt Corel ein abgespecktes Paket ganz neu in Java. Der Vorteil dieses Weges: Die Software bleibt klein und läßt sich auch lokal auf jedem Betriebssystem mit Java-Unterstützung einsetzen. Als Nachteil muß man aber in Kauf nehmen, daß nicht alle Funktionen eines großen Office-Pakets vorhanden sind. Im Gegensatz zu diesen eher kleinen Herstellern hat Microsoft bislang nichts Vergleichbares anzubieten. In der Branche kursieren allerdings erste Gerüchte, die Bill-Gates-Company arbeite ebenfalls an einer solchen Lösung. (db) ()