ProzessorgeflĂĽster
Als der Trubel um AMDs knappen K6 abklang, schien das billig wirkende Plastikgehäuse des Pentium II die einzige Sorge von Intels Marketing-Scharen zu sein. Doch nun sieht man sich an das Unwetter von 1994 erinnert: Gehässige Tüftler haben mal wieder einen Bug im hochkomplexen CPU-Silizium entdeckt - diesmal im Pentium Pro und Pentium II.
- Carsten Meyer
Erregte Diskussionen erhitzten die Kontributen Intel-lastiger Newsgroups: Muß ein Prozessor schön sein? Erste Muster vom unscheinbaren, schmucklosen Pentium II brachen Stürme der Entrüstung los. Keine schweren, wertigen Gold-Keramik-Juwelen mehr, sondern eine klapprige Platikschachtel um ein Steckplatinchen - und das für mehr als 800 Dollar. Intels Zugeständnis ließ nicht lange auf sich warten: Die Rückseite der Box ziert nun ein Hologramm-Aufkleber mit dem Abbild der CPU. Daß einige Anläufe nötig waren, um das Bildchen gerade und knitterfrei aufzubringen, wurde verläßlich aus den Intel-Fertigungsstätten kolportiert.
Doch diese Probleme verblaßten angesichts neuer Informationen um einen Bug - oder zumindest `Glitch´ - im Pentium Pro und seinem Derivat Pentium II. Einen Tag vor dessen offizieller Markteinführung berichtete Robert Collins (`Intel Secrets´) auf http://www.x86.org über einen Fehler im Fließkomma-Rechenwerk. Die Ungereimtheit, nach Entdecker und Datum `Dan-0411´ genannt, betrifft die Status-Signale der IEEE-konformen FPU-Register. Bei 140 739 635 839 000 verschiedenen (großen, negativen) Fließkommazahlen wird ein Status-Flag nicht beziehungsweise ein anderes falsch gesetzt, wenn die Umwandlung in einen Ganzzahl-Wert per FIST[P]-Befehl mißglückt und ein Überlauf eintritt: Statt der `Invalid Operand Exception´ tritt dann eine `Precision Exception´ auf. Unter ftp://ftp.x86.org/source/fistbug/ finden sich einige Prüfprogramme samt Sourcen, anhand derer man das merkwürdige Verhalten nachvollziehen kann.
Erhebliche Änderungen an den Exceptions gab es übrigens schon einmal beim Umstieg von der 287-FPU auf den 387-Coprozessor. Intel werde, so böse Zungen, diesen Fehler folglich `Specification Update´ nennen und Workarounds anbieten. Ob der Bug in Applikationen überhaupt nennenswerte Auswirkungen zeigt, ist fraglich. Das beliebte Visual C++ etwa nimmt die Statusbits defaultmäßig überhaupt nicht zur Kenntnis. Der Test im c't-Labor wies dem Pentium-II-266 zwar das geschilderte Fehlverhalten nach, jedoch machte es für das Visual-C++-Programm keinen Unterschied. Auf dem Pentium mit und ohne MMX sowie den Pentium-Substituten von AMD und Cyrix tritt der Fehler jedenfalls nicht auf.
Intel-Sprecher Howard High meint, man prüfe derzeit sämtliche Umstände; zu mehr als einem `Erratum´ reiche der Bug aber nicht. Sollte er sich jedoch tatsächlich als echter Fehler erweisen, so verspricht Intel, zu seinem Produkt zu stehen und wie seinerzeit beim Pentium-Bug eine Umtauschaktion zu starten. Collins hält sich bei der Bewertung zurück, erinnert aber daran, daß ein ähnlicher Überlauf (allerdings wegen eines Software-Fehlers) den Absturz der Ariane-5-Rakete verursacht hat.
Kleine Brötchen
Der Zwist Intel ./. AMD ist indes ausgefochten: Intel hat die Abkürzung `MMX´ als geschütztes Warenzeichen zwar durchsetzen können, aber AMD darf die drei Buchstaben in ebendieser Reihenfolge beispielsweise in der Terminologie `MMX-Enabled´ oder `MMX-Enhanced´ weiterverwenden. Angeblich hat AMD für die gütliche Einigung noch nicht einmal zahlen müssen - nachdem ein US-Bundesrichter eine einstweilige Verfügung Intels abgelehnt hatte, schlug man in Santa Clara leisere Töne an. Nebenbei bemerkt ist das Kürzel keine Intel-Erfindung: Es gab bereits 1988 eine Forschungsprojekt an der Universität von Tel Aviv namens MMX - damals für `Multiprocessor Multitasking eXecutive´, eine Dissertationsarbeit von Dr. Eran Gabber, der aber auf einen Namensschutz verzichtete.
Nachdem die 300-MHz-Version des Pentium II schon zu horrenden Preisen (1850 $) lieferbar ist, wagt Intel bereits eine Prognose auf 400 MHz Takt Mitte nächsten Jahres. 333 MHz sollen schon Ende 1997 erreicht werden. Die weniger hoch getakteten Versionen des Pentium II sind halbwegs erschwinglich: 233 MHz für 695 $, 266 MHz für 845 $. Von Intels traditioneller Mai-Preissenkung sind diesmal nur die Mittelklasse-Prozessoren, vor allem jene ohne MMX, betroffen. Der Preis für den 200-MHz-Pentium fiel beispielsweise auf fast die Hälfte - von 498 auf 257 $, während der hochgetaktete Pentium Pro und die `mobilen´ Pentien nur marginal oder gar nicht billiger wurden (alle Angaben 1000er-Preise).
Nah an der Quelle und jenseits des Atlantiks haben es die Computer-Redaktionen natürlich leicht, mal eben mit einer Benchmark-Diskette beim Hersteller aufzulaufen und einen Prototypen unter die Lupe zu nehmen. Die amerikanische MacWorld hatte bei Motorola jedoch keinen vollen Erfolg: Der neue Mac-kompatible CHRP-Rechner `Viper´ mit einem 266-MHz-`Arthur´ (G3) und 66 MHz Bustakt war so schnell, daß er die mitgebrachte CPU-Testsuite zum Überlaufen brachte. `King Cobra´, der Nachfolger der Viper, soll Ende des Jahres gar mit 83 MHz Bustakt und synchronem DRAM aufwarten. Ein Rechner mit 300-MHz-603e ist bereits für 2900 $ lieferbar. Exponential teilte mit, daß die 533-MHz-Version des PowerPC-kompatiblen Prozessors X704 nun im August erscheinen soll. (cm) (cm)