Web-TV und NetPC
Web-TV soll ein Milliardengeschäft werden und dasKabelfernsehen ablösen. Auch der anfangs belächelte Netz-PC sammelt in den Startlöchern Kraft, wie sich zur Comdex und PC Expo zeigte.
- Detlef Borchers
- Ralf HĂĽskes
Was geschieht, wenn gelegentlich während einer Computermesse Vertreter der PC-Technik und der Fernsehgesellschaften zum Thema Web-TV diskutieren? Sie liefern sich, wie auf der Comdex geschehen, einen hübschen Familienkrach: John Stautner, der Leiter der Web-TV-Projekte `PC Theater/Living Room PC´ von Compaq, bekam erst einmal zu hören, wie hirnverbrannt die neuen Fernbedienungen konstruiert seien, die gleichzeitig browsen und zappen können. Er konterte wenig zimperlich mit dem Hinweis auf die hirnverbrannten Web-Inhalte, die mancher Sender parallel zur Show mit ihrer Web-Adresse einblenden und offensichtlich sonstwo in Tuka-Tuka-Land produzieren ließe.
Am Ende war man sich jedoch ein bißchen einig: das Web-TV wird Milliardengeschäft in der Zukunft und das Kabelfernsehen ablösen. Die `Zero Administration Initiative´ von Microsoft und Intel wird viel dringender im trauten Heim als in den vernetzten Büros gebraucht. `Wann haben Sie das letzte Mal eine Fehlermeldung vom Betriebssystem Ihres Fernsehers erhalten?´, juxte ein Teilnehmer der Diskussion.
Damit Web-TV funktionieren kann, braucht es mehr als billige Settop-Boxen oder hübsch aufgemachte Browser für Computerlaien. Auch die gern zitierten 500 Kanäle sind es nicht, die das Internet attraktiv machen. Die Diskusssion machte deutlich, wie stark die Entwicklung von der Veränderung der Fernsehgewohnheiten abhängt. In den US-Haushalten stehen drei bis fünf Fernseher. Anders als in Europa ist die Gruppenerfahrung Fernsehen längst vorbei. Der Fernsehraum ist der persönliche Raum, und Fernsehen ist eine persönliche Sache. Auf die Frage des Moderators, ob er denn mit seiner Frau vorm Fernsehgerät sitzen könne, antwortete Howard Pfeffer von Time Warner Cable (Settop-Box: RoadRunner) erstaunt `Wieso? Ich benutze doch auch nicht ihre Zahnbürste´.
Inhalte
Zum persönlichen TV gehören die personalisierten Nachrichten, der Newsfeed aus dem Internet. So präsentierte der Kabel-TV-Produzent WorldGate Communications eine Settop-Box, die in freier Lizenz nachgebaut werden kann. Die Freiheit hat ihren Grund: Mit TVOnline will man den Standard setzen, von jedem beliebigen Programm zur entsprechenden Website zu schalten, da die URL in der Austastlücke gesendet wird. Auf der Comdex/CES bezeichnete WorldGates Vizepräsident Hal Krisbergh die Technik als `zweite TV-Revolution´ - nach der Fernbedienung.
Daß die Austastlücke mit einem persönlichen Newsfeed gefüllt werden soll, ist jedenfalls die Vorstellung der Planer vom Nachrichtenkanal CNN, der in Atlanta sein Hauptquartier hat. Ted Turner von Time Warner/CNN und Larry Ellison von Oracle ließen darum in einer sogenannten `Comdex Keynote´ die CNN CustomNews vom Stapel. Alle Nachrichten von CNN, AP, Reuter, Xinhua und 60 weiteren Quellen werden dabei redigiert in eine Oracle-Datenbank eingespeist, von einer `linguistischen Suchmaschine´ (Ellison) analysiert und nach 300 Kriterien sortiert. Über eine persönliche Homepage kann der Anwender dann seine Nachrichten zusammenstellen und mit dem Browser abfragen. 2 Millionen Nutzer will man mit diesem werbefinanzierten Nachrichten-Feed in Konkurrenz zu MSNBC und ABCnews erreichen. Neben den Nutzern des Web-TV hat man vor allem die kommende Schar der NC-Anwender im Visier.
Wo es um einen neuen Massenmarkt geht, ist Microsoft nicht weit. Bill Gates, der auf der Comdex mit einer sterbenslangweiligen Keynote im `Frage-und-Antwort´-Stil präsent war, kaufte sich mit seiner Firma kurze Zeit später bei Comcast ein. Eine Milliarde Dollar ließ er sich den 11,5prozentigen Einstieg beim viertgrößten amerikanischen Kabelanbieter kosten. Gemeinsam mit Intel definierte Microsoft im Frühjahr einen Standard für das digitale Fernsehen.
Auf der Comdex selbst zeigte Microsoft die Settop-Technologie der Firma Web-TV, die sie für 425 Millionen Dollar übernehmen möchte. Web-TV wird von Philips und Sony mit Settop-Boxen unterstützt und ist allein deshalb der Marktführer, weil die Geräte bereits lieferbar sind. Noch ist die Untersuchung nicht abgeschlossen, ob Microsoft mit Web-TV ein Monopol haben könnte (http://www.news.com/News/Item/0,4,11212,00.html).
Microsofts Problem: in der Mehrzahl aller Boxen, die den Fernseher zum Watchweb-Gerät erweitern, arbeiten fremde Betriebssysteme und Benutzungsoberflächen. Soll das Windows-Reich aber weiter wachsen, ist diese Abschweifung gefährlich.
Weit verbreitet ist das QNX-Betriebssystem der gleichnamigen Firma mit einem Webbrowser namens `Photon MicroGUI´. Selbst Intel wählte nun QNX für seinen `Explr2´ getauften (gtftn?) Einplatinencomputer, der als Intel Internet Appliance an Settop-Boxenbauer verkauft wird. Die erste Fernsehbox mit dieser Hardware zeigte in den Comdex-Hallen der Newcomer Batra mit seinem WebSurfer. In Europa soll das System unter dem Namen SurfTV von der französischen Firma COM1 vertrieben werden. QNX wie Batra zierten ihre Comdex-Stände stolz mit dem bekannten Logo `Intel Inside´, doch das mußte auf Betreiben von Intel (die selbst nicht ausstellte) geändert werden, damit PC-Benutzer nicht verwirrt würden. `Powered by Intel´ heißt die neue Losung. Allzu eng dürfen die Assoziationen an einen `richtigen´ Computer halt nicht sein.
Im Hintergrund
Am besten ist wohl, wenn der Computer gar nicht ins Auge springt. Das dachte sich Curtis Mathes, ein Hersteller von Luxus-Fernsehern, der erstmals auf einer Computermesse antrat. Seine Uniview genannte Lösung basiert auf Acorn-Chips und ist direkt in den Fernseher eingebaut. Nur die Tastatur-, Drucker- und Fax/Modem-Ports weisen darauf hin, daß die Glotze etwas mehr kann. Der hauseigene Browser verbindet mit dem hauseigenen Internet Provider und der Kindersicherung von Cyber Patrol. Standardmäßig hat jedes Familienmitglied dort extrem kümmerliche 32 KByte Speicherplatz für eintreffende Mails und die Bookmark-Ablage. Wesentlich besser sieht es beim Home View System aus, das IBM als `technologische Demonstration´ vorstellte. Es benutzt als `Servicekanal´ IBMs eigenes Advantis-Network.
Weitere Web-TV-Lösungen mit unklaren Aussichten für den europäischen Markt sollten wenigstens erwähnt werden: die Nishiden Group stellte ihren `Guy Surfer´ vor, American Interactive Media ihre `WebPassport´-Box und PlanetWeb (eine Zilog-Tochter) ihren gleichnamigen Kasten. Die Firma entwickelt übrigens auch die Settop-Module für die Spielkonsolen von Nintendo, Sony und Sega. Das Gegenstück all der Web-TV-Anstrengungen heißt CyberSpider und wurde von Inter-Con/PC vorgestellt. Das Gerät sieht aus wie eine Settop-Box, ist aber ein normaler PC ohne Modem, der das TV-Gerät nur als Monitor benutzt.
Wenn vom Fernsehen die Rede ist, kann das Video nicht weit sein. Ein interessantes Zusatzprogramm für die zahlreichen Konferenzsysteme vom Schlage der CuSeeMe, VDOPhone oder NetMeeting stellte Newcomer Visionics mit FaceIt vor. FaceIt hat sich der automatischen Gesichtserkennung verschrieben. Das Haupteinsatzgebiet sieht man im alltäglichen Firmeneinsatz beim Login ins Netzwerk. Daß die kleinen Videoaugen auf dem Monitor häufiger werden, verspricht Kodak: die Firma stellte die DVC 300 vor, eine Videokonferenzkamera, die über den USB angeschlossen wird und bei 100 Dollar Straßenpreis liegen soll.
PC mit Netz
An Trends und Ankündigungen hat es auch auf der PC Expo in New York dieses Jahr nicht gefehlt. Der Veranstalter Miller Freeman sprach gar von Tausenden von Ankündigungen. Das große `Überthema´ setzte jedoch der NetPC von Microsoft und Intel.
Noch vor eineinhalb Jahren hatte sich Bill Gates auf der Comdex in Las Vegas ĂĽber die Netzwerk-Computer, wie sie Oracle, IBM und viele andere planen, lustiggemacht. Dumme Terminals, so Gates seinerzeit, werden von dummen Leuten gebaut [1].
Der Spott alleine sollte Gates nicht reichen, um der vereinten Konkurrenz zu trotzen. Nach wie vor zieht Oracle-Chef Larry Ellison durch die Vereinigten Staaten, um seine Weissagungen von der Ablösung der PCs zu verkünden. Die nämlich seien teuer und vor allem viel zu schwer zu warten. Die Zuhörer horchen nach wie vor gebannt zu, und der Presse sind seine teils subtilen, teils direkten Seitenhiebe gegen Microsoft immer wieder eine Schlagzeile wert.
Das alleine wäre wohl kaum ein Grund zur Beunruhigung von Gates. Dennoch: Eine ganze Reihe von Großunternehmen bezieht die einfach zu wartenden NC-Terminals von Oracle & Co zumindest als Option in ihre Systemplanung mit ein.
Bereits im letzten Herbst verkündete Microsoft daher eine Gegeninitiative namens NetPC - einen Windows-Rechner, der sich komplett fernadministrieren läßt und dank vereinfachter Hardwarearchitektur wesentlich billiger ist. Das wiederum soll die Gesamtkosten für Anschaffung und Wartung (`Total Cost of Ownership´) immens senken.
Einen Tag vor der PC Expo fand die große Coming-Out-Party der NetPCs statt. Microsoft, Intel und ein Dutzend andere PC-Hersteller gaben sich ein Stelldichein und präsentierten Netzwerk-Computing à la Wintel. Viele von ihnen hatten Vorserienmodelle mitgebracht, die in den nächsten Wochen auf den Markt kommen sollen.
Hewlett-Packard zeigte beispielsweise den Net Vectra, der auf Wunsch mit MMX-Prozessor ausgestattet wird und über bis zu 32 MByte Arbeitsspeicher und eine 1,6-GByte-Festplatte verfügt. NEC plant seinen PowerMate Net PC ebenfalls mit 16 oder 32 MByte Arbeitsspeicher und legt bei der Festplattenkapazität gegenüber HP nochmals drauf: 2 bis 3,2 GByte. So oder so ähnlich lesen sich auch die Daten der Konkurrenz. Die Preise für die gefeierten Systeme liegen in der Regel zwischen 1000 und 3000 Dollar. Darin sind nicht die auf der Messe verwendeten und mitunter sündhaft teuren Monitore enthalten...
Substanzlos
Was unterscheidet die NetPCs eigentlich von einem normalen PC? Die Geräte sind meist kleiner als herkömmliche Desktop-PCs, und bei einigen fehlt das Diskettenlaufwerk. Dafür weisen sie eine Netzwerkkarte auf. Intern verfügen sie über einen PCI-Bus und Möglichkeiten zum Remote-Booten - damit hat es sich im großen und ganzen schon.
Den Nutzen für den Systemverwalter sollen die NetzPCs aus dem `Zero Administration Kit´ von Microsoft ziehen, das eine zentrale Systemverwaltung ermöglicht. So kann der Systemverwalter beispielsweise bestimmen, welche Programme auf welchem Client ausgeführt werden, welche Icons auf dem Desktop liegen, und welche Daten vom Anwender gelöscht werden können. Neue Anwendungen lassen sich zentral über den Server installieren und dann für die gewünschten Clients freigeben. Als Betriebssystem kommen nach wie vor Windows NT oder Windows 95 zum Einsatz.
Beim Anblick der zwar interessanten, aber nicht besonders umfangreichen Neuerungen hatte der eine oder andere Beobachter denn auch den Eindruck, als solle mit den NetPCs eine Revolution herbeigeredet oder - einleuchtender noch - eine andere Revolution totgeredet werden ...
Microsoft everywhere
In einer Keynote von Microsoft Vice President Steve Ballmer wurde denn auch deutlich, daß Microsoft selbst kaum mehr von der Durchschlagskraft der NetPCs überzeugt ist. Ballmer führte zwar erstmals eine Reihe neuer Funktionen des Zero Administration Kit vor, ging allerdings gleichzeitig auf die Konkurrenzpläne aus dem eigenen Hause ein - die Windows `Terminals´.
Bereits im Frühjahr gab Microsoft bekannt, daß man die WinFrame-Technologie von Citrix lizenzieren wolle und darauf basierend eine Art Windows-Terminal entwickeln wolle. Die Programme laufen dabei ähnlich wie bei den Netzwerkcomputern auf einem Server. Der Anwender hat lediglich ein `dummes´ Terminal, das für die grafische Darstellung verantwortlich zeichnet, sowie Tastatur- und Mauseingaben entgegennimmt.
Auf der PC Expo zeigte Microsoft erstmals öffentlich, wie das geht. Kern der neuen Architektur soll ein `Multiuser-Server´ mit dem Code-Namen Hydra bilden, der auf einem NT-Server läuft. Client-seitig werkelt ein kleines Progrämmchen, das sich mit Windows 3.1 begnügt und sogar auf Mac und Unix portiert werden soll. Umsatzeinbußen muß Microsoft dadurch wohl kaum fürchten. Das Geld, das durch die Plattformunabhängigkeit auf der Clientseite ausbleibt, läßt sich über steigende Lizenzgebühren auf der Serverseite wettmachen - auch clevere Leute können dumme Terminals bauen. (fm) (fm)