IFA 97
Mit rund 800 Ausstellern aus über 30 Ländern startet auf einer Fläche von 130 000 Quadratmetern in Berlin unter dem Funkturm am 30. August die Internationale Funkausstellung. Bis zum 7. September kann sich der Besucher davon überzeugen, daß im Bereich der Unterhaltungselektronik das analoge Zeitalter dem Ende zugeht.
- Frank Möcke
Das wichtigste und größte Segment aller an der Funkausstellung beteiligten Märkte bleibt nach wie vor das Geschäft mit Fernsehgeräten. Hier könnte die Digitalisierung das Geschäft des Jahrhunderts werden - wenn die Konsumenten sich darauf einlassen und ihre alten Analoggeräte Zug um Zug durch aktuelle Technik ersetzen. Mit Hochdruck arbeiten die Firmen an der Integration sämtlicher Multimedia-Funktionen in den Fernseher. Im Rahmen des sogenannten MINT-Projekts (Multimedia-Kommunikation auf integrierten Netzen und Terminals) soll der Fernseher der Zukunft folgende Funktionen haben:
- Internet-Zugriff
- Electronic (Voice-) Mail
- Bildtelefonie
- Abspielen/Steuern von digitalen Speichermedien
- Kommunikation mit anderen MINT-Terminals
Vor den Augen der Entwickler leuchtet das Ziel, das Fernsehgerät zu einer Steuereinheit sämtlicher Multimedia-Funktionen auszubauen, ohne die TV-Ecke im Wohnzimmer mit immer neuen `Zusatzkisten´ in Form von Decodern und Set-Top-Boxen vollzustopfen. Die Bedienerführung soll so einfach sein, daß jedermann - auch ohne PC-Kenntnisse - Nutzen daraus ziehen kann.
Doch erst einmal wird sich der Aufgeschlossene noch mit Zusatzgeräten abgeben müssen. Mit der WebBox macht zum Beispiel Grundig (Halle 6.3/6) den Schritt hin zum multimedialen Fernseher. Der Kunde erhält über das Fernsehgerät Zugang zum Internet und über das integrierte Modem und Mikrofon auch die Möglichkeit, EMail und Voice-Mail zu senden.
Das Smart-Card-Konzept soll als offene Lösung grundsätzlich mit allen Internet-Providern funktionieren. Der Käufer einer WebBox meldet sich durch Einführen der Smart Card in das Gerät beim Internet-Service-Provider seiner Wahl an, und anschließend wird die Verbindung ins Internet automatisch aufgebaut.
Die Steuerung erfolgt über eine Infrarofernbedienung. Für EMail ist zusätzlich eine Infrarottastatur vorgesehen. Die WebBox arbeitet mit allen marktüblichen 50- und 100-Hertz-TV-Geräten mit Scart-Anschluß zusammen. Sie wird Ende 1997 zu einem Preis von unter 700 DM im Fachhandel erhältlich sein.
Wie weit die Grenzen zwischen Fernsehgerät und Computer verschwimmen, zeigt Grundigs Set-Top-Box DTR 2000. Sie kümmert sich um digitalen Empfang für alle Kabel- und Satellitenhaushalte. Durch ein modulares Aufbaukonzept können Zusatzfunktionen wie zum Beispiel Computerschnittstellen oder DECT-Module (Digital European Cordless Telecommunication) genutzt werden.
Die Set-Top-Box wird für die Deutsche Telekom in einer Kabelversion und für den `Free-to-Air-Empfang´ als Sat-Version realisiert. In beiden Ausführungen ist die Software Open TV implementiert, die interaktive Dienste wie Home-Banking, Home-Shopping und Pay per View möglich macht.
Hören
Unter dem Namen `Digital Radio´ wird das Rundfunksystem DAB (Digital Audio Broadcasting) zur IFA an den Start gehen. Rund ein Dutzend Hersteller stellen die ersten Geräte für den Endverbraucher vor. Schon am Eröffnungstag der Funkausstellung bieten zehn laufende deutsche DAB-Pilotprojekte ein Angebot von bis zu 120 Hörfunkprogrammen und über 50 Datendiensten.
Das vom Institut für Rundfunktechnik (IRT) in München, Philips und dem französischen Forschungszentrum CCETT entwickelte MUSICAM-Verfahren (Masking Pattern adapted Universal Coding and Multiplexing) reduziert den Datenstrom (PCM-kodiert) um den Faktor 7. MUSICAM überträgt - anders als etwa das analoge UKW-System oder eine CD - nur die Teile der Toninformation, die auch wirklich hörbar sind. MUSICAM bewährt sich bereits beim Astra Digital Radio (ADR), Kabel- und Satellitenfernsehen (DVB), der CDI und bei Multimedia-Anwendungen in PCs.
Das digitale Übertragungsverfahren COFDM ist gegen Mehrwegeempfang unempfindlich und nutzt im Gegenteil die reflektierten Wellen aus, um das empfangene Signal noch zu verstärken. Zusätzlich ist das digitale Signal mit einem intelligenten Fehlerschutz versehen. DAB-Programme werden nicht wie von UKW her gewohnt auf einzelnen Frequenzen ausgestrahlt, sondern zu Blöcken zusammengefaßt.
Das transparente digitale Übertragungsverfahren gestattet zusätzliche Informationen aller Art in Form von Daten, Texten und Bildern. Technisch ist sogar die Übertragung von Bewegtbildern möglich. Programmbegleitende Dienste (PAD) sind Informationen, die in direktem Zusammenhang zum ausgestrahlten Audioprogramm stehen und in der Regel im Verantwortungsbereich des entsprechenden Rundfunkanbieters liegen. Beispiele sind die Dienste aus dem Radiodatensystem RDS (z. B. Verkehrsfunk).
Daneben sind zahlreiche weitere Dienste denkbar, etwa Standbilder oder Schlagzeilen zu den Hörfunknachrichten, aktuelle Wetterkarten, Soundfiles, die im Radiogerät zwischengespeichert werden und bei Bedarf abgerufen werden können.
Zusatzdienste bei DAB richten sich an bestimmte Benutzerkreise oder können sogar individuell an einzelne Empfänger adressiert werden. So ist es möglich, über DAB Paging-Dienste zu verbreiten oder Telefaxe zu verschicken. Auch Pay-Radio kann eingerichtet werden.
Radio-TV
Schon im letzten Jahr haben die Deutsche Telekom AG und Blaupunkt (Halle 6.3/1) das Verfahren `Digital Multimedia Broadcasting´, kurz DMB genannt, vorgestellt. Technisch ist es damit möglich, in einem DAB-Frequenzblock ein Fernsehprogramm mindestens in VHS-Qualität zu übertragen. Dabei wird das herkömmliche DAB-Übertragungsverfahren verwendet und lediglich der Inhalt ausgetauscht.
Der wesentliche Vorteil von DAB-TV gegenüber analogen Verfahren - wie auch gegenüber DVB - liegt im störungsfreien Mobilempfang bei Übertragungen in Züge, Reisebusse oder andere Verkehrsmittel. Für kleine bis mittlere Bildschirmgrößen - wie sie in Fahrzeugen vornehmlich eingesetzt werden - ist die Bildqualität von DMB ausreichend.
Am Stand der DAB-Plattform (Halle 6.3/01) stellen unter anderen Blaupunkt, Grundig, Kenwood, Panasonic, Philips, Pioneer, Sony und TechnoTrend aus.
Das Autoradio-Telefon
Der Wunsch nach Musik und Information im Auto hat bei den Bundesbürgern nach wie vor höchste Priorität. 98 Prozent der Pkw sind hierzulande mit einem Radio ausgerüstet, wovon die meisten bereits auf das Radio Daten System (RDS) reagieren, die komfortableren sogar schon auf die neuen RDS-Dienste EON (Enhanced Other Networks), Verkehrsfunk auch beim Hören eines anderen Programms und PTY (Programmartenkennung). Auch der RDS-Verkehrsfunkkanal TMC (Traffic Message Channel) wird jetzt gestartet.
Blaupunkt zeigt in Halle 6, Stand 3/1 und 6 als Weltneuheit `Radiophone´, eine Kombination von Telefon und Autoradio, die in den genormten Einschub eines PKW hineinpaßt. (fm) (fm)