Sieger nach Punkten

Auf der `ATM Year 1997´ prophezeite man harte Zeiten für 53 Bit große, geswitchte Zellen, die einst als Weg zu einheitlichen Multimedia-Netzwerken in LAN und WAN gepriesen wurden. Gigabit-Ethernet stahl ATM kurzerhand die Show und machte sich daran, das LAN zu erobern. Kann ATM zukünftig nur noch im WAN existieren?

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Dr. Sabine Cianciolo
Inhaltsverzeichnis

Der `asynchrone Transfer Mode´ galt lange als die Zukunft der Hochgeschwindigkeitsnetze. Das zellenbasierte System mit Bandbreiten bis zu 622 MBit/s ist in letzter Zeit allerdings durch die Entwicklung von Gigabit Ethernet unter Druck geraten.

Glaubt man Firmen wie Adaptec, dann ist ATM noch lange nicht tot. Deren Kunden zeigen angeblich verstärktes Interesse an ATM-Produkten für Firmen- und öffentliche Netzwerke. Ähnlich sah dies auch David Dorman, Chairman, Präsident und CEO von Pacific Bell. In seiner Keynote betonte er, daß man die Fähigkeiten von ATM, verschiedene Datentypen über ein- und dieselbe Leitung zu senden, dringend benötige. Den Andrang des Datenverkehrs auf öffentliche Telefonleitungen könne man sonst nicht mehr bewältigen. Seinen Schätzungen zufolge wird in Kalifornien die Menge der Datenpakete die Anzahl der Pakete für Sprache schon im nächsten Jahr übertreffen. Er prognostizierte jedoch, daß man auf Sprachübertragungen via ATM noch mindestens drei Jahre warten müsse.

Hardwarehersteller wie Integrated Device Technology (IDT), Cabletron, Rockwell Semiconductor und Sentient Networks scheinen ebenfalls zu glauben, daĂź ATM durch- aus eine Zukunft hat. IDT zeigte auf der Ausstellung eine skalierbare Switch- und Switch-Controller-Architektur fĂĽr ihre SwitchStar-Familie. Die Grundlage dafĂĽr bilden das IDT77V400-Switching-Memory und der IDT77V500-Switch-Controller.

Vor einem ausgewählten Publikum diskutierte die Network Access Division von Rockwell Semiconductor die geplanten Aktualisierungen für ihren Steamboat Segmentierungs- und Reassemblierungs-Chip (SAR). Rockwells ATM-Gruppe, ehemals Teil von Brooktree und Base2 Systems, machte sich bereits einen Namen im LAN mit dem ursprünglichen Bt8230 Steamboat SAR, der einen komplexen Datenverkehrsplaner (traffic scheduler) für die bessere Abwicklung von Service-Klassen implementierte. Im April brachte Rockwell mit dem Bt8230EPFC ein Upgrade mit erweiterten FIFO-Puffern heraus.

Die nächste Version des Bt8230, die im Laufe dieses Jahres in Produktion geht, enthält einen verbesserten Scheduler. Er unterstützt Management für die volle verfügbare Bit-Rate (ABR) entsprechend der Spezifikation des ATM- Forums. Nach Rockwell kamen die ersten Implementationen des Verkehrs-Management in der Version 4.0 auf selbständigen Scheduler-Chips auf den Markt. Rockwell dagegen ist nach eigenen Angaben die erste Firma, die den Großteil des Managements in den SAR einbaute. Der Vorteil besteht darin, daß der SAR-Chip alle Service-Klassen für ATM abwickeln kann, einschließlich zweier Leaky-Bucket-Algorithmen für variablen Bit-Raten-Service. Der Nachteil ist, daß volle Service-Qualität für verschiedene Datentypen hohe Ansprüche an den Prozessor stellt - also viel Mips erfordert.

Cabletron sieht darin einen der drei Nachteile von ATM - die beiden anderen sind komplizierte Protokolle und eine gegenĂĽber Frame-Switching niedrigere Performance als erwartet. Die Firma setzt deshalb auf Applikationen, die Frame- und Zellen-Switching gleichermaĂźen nutzen.

Mit dem Aufkauf des Herstellers von ATM-Network-Interface-Cards ZeitNet vor einem Jahr übernahm Cabletron auch deren Switching-ASICs und wandelte diese in Module für ihre SmartSwitch-6000-Architektur um. Laut Cabletron ermöglicht dieses Re-Design, die Kosten von ATM im Kabelschrank (`wiring closet´) zu senken.

Cabletron bietet bereits SmartCell-Switches (stand alone) fĂĽr Firmen, die ihre Netze komplett auf ATM umstellen wollen, an. Mit den neuen SmartSwitch-System-6000-Modulen schaffen die Switches Latenzzeiten von 10 ms, erlauben aber die Implementation von ATM-Netzwerken fĂĽr weniger als 1000 Dollar pro Port. Ein SmartCell-6A000-Board bietet Platz fĂĽr bis zu fĂĽnfzehn 155-MBit-Ports, die sich auch auf 622-MBit-Uplinks aufrĂĽsten lassen.

Innerhalb des ATM-Forums schlägt Cabletron den Standard eines physikalischen Layers mit 1,2-GBit/s vor, der Glasfaserkanal und Gigabit-Ethernet-Empfänger verwenden könnte. Diese Rate entspricht OC-24 und dürfte den Hardware-Entwicklern helfen, die durch Gigabit-Ethernet-Designs Kosten einsparen wollen. TCP/IP

Die Gigabit-Ethernet-Gemeinde ist unterdessen auch nicht träge. Angetrieben von Firmen wie Ipsilon Networks versucht man, die Reichweite von TCP/IP-basierten Netzwerken auszudehnen - wenn möglich bis ins öffentliche Netzwerk. Nach Einführung ihres Ipsilon-Flow-Management-Protokolls (IFMP) auf der Networld und Interop 1996 in Las Vegas, das IP-Daten-Ströme auf virtuelle ATM-Kanäle abbildet, will man nun die Switches der Telefongesellschaften erobern.

Ipsilon ist nicht die einzige Firma, die eine Ausbreitung von TCP/IP vorantreibt. MMC Networks aus Santa Clara stellte eine Chip-Set-Architektur namens XStream vor, die es erlaubt, den Datenverkehr in einer ATM-ähnlichen Auflösung zu priorisieren. Glaubt man den IP-Befürwortern, wäre eine Mischung aus IP-Fluß-Mapping-Software und XStream-Hardware in der Lage, IP-Switching mit unterschiedlichen Service-Klassen zu betreiben. Ein Punkt, der bislang als eines der stärksten Argumente für ATM gehandelt wurde.

Cisco Systems schloß bereits ein Abkommen mit MMC, demzufolge XStream in zukünftige Generationen der LightStream-Architektur eingebaut werden soll. Ipsilon wollte sich zum Thema XStream nicht näher auslassen, gab allerdings zu, daß `es einleuchte, daß man die Entwicklungen sehr genau verfolge´.

Das während der Konferenz am meisten genannte Argument für ATM war die Servicequalität (Quality of Service - QoS). Doch sie hat ihren Preis, den offensichtlich viele Firmen nicht zu zahlen bereit sind. Eine Umrüstung des Firmennetzes auf ATM erfordert in der Regel neue Kabel und Schulung der Netzwerk-Administratoren. Um gegen den Druck des TCP/IP-Lagers im WAN zu bestehen, müssen einige Preisbarrieren fallen.

Einer während der ATM Year 97 durchgeführten Studie von Pacific Bell zufolge sind die hohen Kosten einer ATM-Implementierung nach wie vor das größte Hindernis auf dem Weg zum Erfolg. Rund 82 Prozent aller Befragten sehen eine Kostenreduzierung als den entscheidenden Faktor. Das Internet sei derzeit, so David Dorman, noch Welten von ATM entfernt, da Frame Relay einfacher zu implementieren und billiger sei. Daß es weniger Service-Qualität bietet (`QoS´), spielt dabei anscheinend eine untergeordnete Rolle. Trotzdem prognostizieren die Teilnehmer der Studie ATM in WANs ein Wachstum von 43 Prozent allein in diesem Jahr. (jk) (jk)