Schöne neue Fernsehwelt
Intendanten, Promis, Stars und Sternchen versuchten auf der diesjährigen Funkausstellung, die Besucher vor allem von einem zu überzeugen: 30 Kanäle sind nicht genug. In nicht allzu ferner Zukunft sollen mehrere hundert Programmangebote, darunter viel Bezahlfernsehen, den Markt überschwemmen. Horrorvision oder Schlaraffenland für Couch Potatoes - wieviel Fernsehen braucht der Mensch?
- Michael Kurzidim
`Ich sehe, was ich will´, mit diesen programmatischen Worten versuchte Sabine Christiansen, den IFA-Besuchern das digitale Fernsehen der öffentlich-rechtlichen Sender schmackhaft zu machen. Bei ARD und ZDF sitzen wir nicht nur in der ersten Reihe, sondern spielen demnächst auch Programmdirektor. Statt Intendanten und Chefredakteuren werden die Zuschauer selbst den Ablauf des Fernsehabends bestimmen. Nicht `noch mehr beliebiges Fernsehen, sondern mehr vom Fernsehen´ versprach die langjährige und beliebte Tagesthemen-Moderatorin und stellte damit ihren durch seriöse Berichterstattung erworbenen Vertrauensbonus in den Dienst des neuen digitalen Angebots.
Bei einer immer unübersichtlicher werdenden Fernsehlandschaft ist das jedoch leichter gesagt als getan. Schließlich leben TV-Zeitschriften für jeden Geschmack und Geldbeutel davon, ihren Käufern bei der allabendlichen Freizeitgestaltung vor dem Bildschirm behilflich zu sein. Um den Zuschauer sicher durch ihr Angebot zu lotsen, haben sich ARD und ZDF deshalb etwas Besonderes einfallen lassen: `Fernsehen mit Lesezeichen´.
Ein `Electronic Programm Guide´ (EPG), im Aussehen an die Optik einfacher Windows-Programme angelehnt, nimmt den Digital-TV-Laien ans Händchen: über verschiedene Suchfunktionen kann er das Angebot nach Sendezeiten, Genres wie Reportage, Sport oder Unterhaltung und nach Stichwörtern durchforsten.
Die Lesezeichen-Funktion des EPG bietet einen besonders nützlichen Service. Interessiert sich ein Zuschauer beispielsweise für ein Thema aus der Tagesschau, zeigt das Lesezeichen eine Übersicht aller thematisch verwandten Programmangebote auf dem Bildschirm an. Langes Blättern in TV-Zeitschriften entfällt. Geschickt haben beide öffentlich-rechtlichen Sender die Hyperlink-Funktion des Internet vereinfacht und an die Bedürfnisse des Fernsehens angepaßt.
Echten Mehrwert soll das Programmangebot von ARD digital in die Wohnzimmer der Zuschauer bringen. Der neue Kanal `EinsExtra´ vertieft die Themen des Tages in Reportagen und Features, `EinsFestival´ zeigt Serien, Dokumentationen und ausgewählte Fernsehspiele und `EinsMuXx´ sendet noch einmal das Abendprogramm des Ersten in zeitversetzter Reihenfolge. Voraussetzung für den Empfang der digitalen Zusatzprogramme ist eine entsprechende Set-Top-Box.
Streit um die d-Box
Leider aber wird ARD digital bis auf weiteres nicht ins Kabelnetz eingespeist, sondern nur über die Satelliten Astra 1E und Astra 1F ausgestrahlt. Kabel-TV-Kunden gehen leer aus. Grund dafür sind Querelen mit der gemeinsam von Bertelsmann, Kirch und der Telekom ins Leben gerufenen Technikgesellschaft BetaResearch. `Man muß davon ausgehen´, so der ARD-Vorsitzende Udo Reiter, `daß diese Firma die technische Plattform bestimmen wird und daß die bereits entwickelte d-Box das marktbeherrschende digitale Standardmodell zumindest für den Kabelempfang werden wird. (...) Wer diese Set-Top-Box in der Hand hat, (...) diktiert die Spielregeln.´
Sollte es zu keiner Einigung mit BetaResearch über eine diskriminierungsfreie Nutzung der Box kommen, will die ARD kartellrechtliche Schritte einleiten und im äußersten Fall sogar überlegen, `sich vom digitalen Kabelempfang zurückzuziehen und statt dessen auf Satellitenempfang zu setzen´. Ade, schöne neue Fernsehwelt, heißt es dann für den Großteil der Zuschauer.
Eine ähnliche Strategie verfolgt das ZDF. Das digitale ZDF.vision wird zunächst nur über den Satellitentransponder Astra 1G verbreitet, und das aller Voraussicht nach erst ab Dezember. Außerdem schränkt das Zweite die Verbreitung der digitalen Kanäle vorerst auf die Multimedia-Pilotprojekte in Deutschland ein. Obwohl also auf der diesjährigen Funkausstellung der Startschuß fiel, kommt ZDF.vision aus den Startlöchern nicht heraus.
Außerdem blieb der Mehrwert von ZDF.vision weitgehend im unklaren. Mit dabei sind das Hauptprogramm des ZDF, 3sat, arte, der Kinderkanal, Phoenix, die beiden Hörfunkprogramme Deutschlandfunk und DeutschlandRadio und das österreichische ORF; Programmangebote also, die man fast alle auch analog empfangen kann.
Schwere VorwĂĽrfe
Trotz der mittlerweile schon klassischen Fehlstarts beim Digitalfernsehen treiben die verstärkten Aktivitäten der Öffentlich-rechtlichen auf dem Marktsegment der Spartenangebote so manchem Privatsender den Angstschweiß auf die Stirn. `ARD und ZDF erdreisten sich, weitere Spartenkanäle auf der IFA vorzustellen, das ist rechtswidrig´, wettert Karl-Ulrich Kuhlo, geschäftsführender Gesellschafter von n-tv, wenn es um den neuen ZDF-Dokumentationskanal Phoenix geht. Kuhlo will den Nachrichtenspezialisten durch neue Formate wie die Reportagesendung `Das Thema´, den `Grünen Salon´ mit Erich Böhme und Heinz Eggert oder `Späth am Abend´ aus den roten Zahlen führen.
Angesichts solch harscher Worte ist ARD-Chef Reiter jedoch um eine Retourkutsche nicht verlegen und führt beispielsweise den guten Start des ARD/ZDF-Kinderkanals auf ein `gewalt- und werbefreies Kinderprogramm´ zurück, das `bestimmte pädagogische Mindeststandards nicht unterschreitet´. Eine unmißverständliche Kritik an die Adresse der Privaten und deren Programmkonzept.
Fernsehdemokratie ...
Auch ZDF-Intendant Stolte sieht den Vorwürfen der Rechtsbeugung gelassen entgegen und betont statt dessen den demokratischen Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Auf keinem Gebiet der neuen Technologien, sei es nun Digital-TV, das Internet oder andere Zusatzdienste, dürfe den Privatanbietern das Feld überlassen werden. `Da eine Gesellschaft nicht allein von ihrem Geld zusammengehalten wird, sondern vor allem aus einem gemeinsamen Wertesystem und einer gemeinsamen Lebenshaltung heraus lebt, ist es zu ihrem Bestehen fundamental, daß über diese Werte ein Grundkonsens hergestellt wird. Das Gespräch über diesen Konsens muß in Gang gehalten werden - und zwar zwischen allen.´ Genau dieses Ziel verfolgen ARD und ZDF mit neuen Dokumentations-, Nachrichten- und Reportagekanälen.
... oder Zwei-Klassen-Gesellschaft
Stolte beschwört das düstere Szenario einer informationellen Zwei-Klassen-Gesellschaft, die es zu vermeiden gelte. Teure, qualitativ hochwertige Exklusivprogramme kann sich nicht jeder leisten. Für den Rest bleibt dann nur der Schund. Um den Profit zu steigern, verlagern Privatanbieter hochwertige Programme in kostenpflichtige Premium-Dienste.
Wenn das europäische Kartellamt keine Bedenken gegen die kürzlich von den Medienkonzernen Telekom, Bertelsmann und Kirch gegründeten Technikgesellschaft BetaResearch anmeldet, dann werde, so Stolte, der nächste Entwicklungsschub des Fernsehens nicht von der Integration des Internet, sondern von der Erschließung des digitalen Pay-TV ausgehen.
Ohnehin soll das digitale Fernsehen viele attraktive Eigenschaften des Internet enthalten, wegen denen sich Web-Surfer schon heute die Nächte um die Ohren schlagen: individuell abrufbare Pay-per-View- und Video-on-Demand-Angebote, genrebezogene Suchfunktionen und die Möglichkeit, sich durch einen Rückkanal zum Anbieter aktiv einzumischen, sollen demnächst auch noch den letzten Abstinenzler vors Pantoffelkino locken.
Wer will Pay-TV?
Möglicherweise aber haben die Macher des zusatzkosten-pflichtigen Fernsehens die Rechnung ohne den Zuschauer gemacht. In einer Meinungsumfrage, die das Forsa-Institut im Auftrag der Fernsehzeitschrift Hör zu durchführte, gaben lediglich 14 Prozent der unter 34jährigen und acht Prozent der 35-59jährigen an, sie seien bereit, für Pay-TV monatlich 20 bis 30 DM zusätzlich auszugeben. Nur verschwindend geringe drei Prozent der 35- 59jährigen würden für ein ansprechendes Pay-TV über 50 DM pro Monat auf den Tisch legen.
Quer durch alle Altersgruppen waren rund 80 Prozent mit dem jetzigen Fernsehangebot zufrieden beziehungsweise sehr zufrieden. Allerdings verriet auch knapp die Hälfte aller Zuschauer, sich ein Leben ohne Fernsehen nicht mehr vorstellen zu können.
Aus fĂĽr DF1
Bei solchen Zahlen wundert es nicht, daß kostenpflichtige Abo-Sender schwer gegen rote Zahlen zu kämpfen haben. Nur wenige Zuschauer scheinen zusätzliche Kanäle zu wollen und sind bereit, dafür Geld auszugeben. Kurz vor der IFA ereilte denn auch den digitalen Kirch-Sender DF1 das Aus. Knapp 50 000 Abonnenten waren nicht genug, um dem Sender das Überleben zu sichern.
Premiere, der Konkurrent aus dem Hause Bertelsmann, greift dem schwächelnden DF1 unter die Arme. `Zum frühestmöglichen Zeitpunkt, jedoch nicht vor dem 1. Januar 1998´, so die offizielle Verlautbarung, `sollen die Programmangebote von Premiere und DF1 unter dem Dach von Premiere zusammen angeboten werden´. Das Programmangebot von DF1 bliebe bestehen, so daß dem Kunden keine Nachteile entstünden. Außerdem setzen Premiere und DF1 die gleiche Technologie ein (d-box mit Beta CA-System). Technische Schwierigkeiten seien deshalb nicht zu befürchten.
In naher Zukunft will man dann versuchen, den 1,5 Millionen Abonnenten zählenden Kundenstamm von Premiere auf das Angebot des neuen Premiere digital einzustimmen. Mit der Hoffnung: Wer schon für Premiere zahlt, macht vielleicht für Premiere digital noch mehr Geld locker.
BusineĂź-TV
Eine ganz andere und möglicherweise erfolgversprechendere Art von Pay-TV hat sich Pro7 Digital Media ausgedacht. International operierende Unternehmen mit Filialen in aller Herren Länder können stundenweise Satellitenkanäle mieten, um beispielsweise allen Vertriebspartnern schnell und zeitgleich ein neues Produkt zu präsentieren. Der Zugang erfolgt über einen geheimen Code. Per Telefon hat jeder Teilnehmer die Möglichkeit, Rückfragen zu stellen.
Nach einer internen Modellrechnung kostet eine vierstündige Busineß-TV-Schulung inklusive Produktion und Satellitenübertragung 60 000 bis 70 000 DM. Die Kosten für einen eintägigen Schulungsaufenthalt für 200 Vertriebsmitarbeiter würden sich nach Schätzungen von Pro7 Digital Media sehr schnell auf das Doppelte bis Dreifache summieren. (ku) (ole)