Gib mir fünf
Die wohl konkreteste Botschaft auf der diesjährigen Entwicklerkonferenz Microsofts lautete, daß die Firma ihre Zukunft auf NT baut. Als Bestärkung zog jeder der über 6000 Teilnehmer mit der ersten Beta-Version von NT 5.0 von dannen.
Schon vor einem Jahr hatte Microsoft - bei gleicher Gelegenheit - die `Renaissance des Distributed Computing´ ausgerufen. Auch die diesjährige Professional Developers Conference (PDC) stand unter diesem - allerdings nicht offiziellem - Tenor: Gerade fertige oder jüngst angekündigte Erweiterungen der NT-Netzwerkarchitektur adressieren vor allem den unternehmensweiten Einsatz. Doch Microsoft hat nicht nur Unternehmen im Blickfeld: NT 5.0 bietet sehr wohl für Einzelkämpfer Vorteile und dürfte in der neuen Version sogar als Plattform für Spiele taugen.
Ein Ausblick auf die Version 5 in Kurzform: Plug& Play, Power-Management, Web-integrierte Oberfläche (à la Internet Explorer 4.0), in einer Management-Console zusammengefaßte Werkzeuge zur Administration, überarbeitete Software-Installation, erweiterte Selbstreparaturmechanismen, integrierte Fax-Dienste, verbesserte Anpassung an regionale Gegebenheiten, NTFS-Verschlüsselung, NTFS-Defragmentier-Utility, NTFS-Beschleunigung, FAT32-Support, integrierte Skript-Sprache(n), DirectX 5.0 und modernisiertes Backup.
Beim Server reißt Microsoft das Ruder um: Das Domain-Modell will man durch einen Directory-Service (Active Directory) ersetzen, das Security-Modell durch Kerberos. Ein - schon jetzt erhältliches - Distributed File System löst die maschinenbezogene Sichtweise ins Netz ab. Mit Dynamic DNS verzichtet NT auf WINS zur Namensauflösung in IP-basierten Netzen. Trotzdem soll die nächste Version die jetzigen Standards weiter unterstützen, damit alte (16-Bit-)Clients benutzbar bleiben. Nur Windows 9x wird eine Überarbeitung bezüglich des neuen Netzkonzeptes erfahren.
Mit den Änderungen geht eine Erweiterung der Treiberschnittstellen beider Systeme einher, die dem Windows-95-Nachfolger Memphis respektive Windows 98 und NT 5.0 zukünftig ein gemeinsames Treiber-Binärformat bescheren soll. Microsoft kapriziert sich dabei exklusiv auf die neuen Hard- und Software-Standards, also USB, AGP, ACPI und 1394. Man kann also in greifbarer Zukunft nicht damit rechnen, einen jeden Treiber wahlweise mit `kleinem´ und `großem´ Windows betreiben zu können. Auch dürften Besitzer älterer Notebooks (nach APM) wohl nicht in den Genuß des neue (ACPI-basierten) NT-Powermanagements kommen.
Abgekündigt
Ein echter Schocker am Rande der Konferenz tauchte auf Microsofts Web-Seite auf, die bislang ActiveX bewarb. Dort prangt nur noch ein `Sorry´ und eine Umleitung auf eine Seite, auf der sehr dürftige Informationen über die Windows Distributed interNet Architecture (DNA) zu finden sind. Unter diesem Schlagwort will Microsoft zukünftig alle Produkte und Techniken bündeln. Das für DNA als Klebstoff verwendete Component Object Model (COM) ziert ab sofort ein Pluszeichen. Es soll eine - durchaus begrüßenswerte - Vereinfachung der Programmierung der doch eher bürokratischen Schnittstelle mit sich bringen.
Logolei
Auch andernorts gleicht die Windows-Strategie derzeit einer Großbaustelle: Die Intention Microsofts, die Installation und Wartung der Betriebssysteme im Netz zu vereinfachen (Zero Administration), zieht reichlich Änderungen nach sich: In Zukunft gibt es das Windows-98-Logo nur noch, wenn eine Applikation sich an die neuen Installationsmechanismen hält, die spätestens mit NT 5.0 eingeführt werden sollen - von der neuen Software-Installation soll jeder Anwender profitieren, egal ob mit oder ohne Netz.
Die Fertigstellung von Windows 98 und NT 5.0 dürfte noch einige Zeit in Anspruch nehmen: Für Windows 98 nannte Microsoft im Rahmen der PDC das zweite Quartal 98, NT sollte sechs Monate später so weit sein - 1999 wurde aber schon nicht mehr ausgeschlossen. Bill Gates revidierte die Termine indes schon wieder: Er verkündete auf der Seybold-Konferenz, daß NT 5.0 gleichzeitig mit Windows 98 fertig sein soll. Die erneute Verzögerung des `kleinen´ Windows hat ihren Grund angeblich da-rin, daß Microsoft vollständige Update-Mechanismen von vornherein ausliefern will (also von Windows 3.1 und Windows 95 auf 98). NT 5 soll ebenfalls Update-Pfade von Windows 95 bieten. Windows 98 soll übrigens das letzte Windows mit Windows-3.x-Technik sein; fürderhin soll nur noch NT als Basis dienen.
Um auch für die kommenden Monate der NT-Gemeinde wenigstens etwas anzubieten, bringt Microsoft neue Komponenten peu à peu unter die Leute: In Form eines Option Packs für NT 4.0 sind Beta-Versionen des Message Queue, Transaction und Internet Information Servers schon heute erhältlich. Ebenfalls lieferbar soll demnächst die Enterprise Edition des NT-Server sein. Der Small Business Server, eine abgespeckte Variante des Servers, folgt in wenigen Wochen - alles in allem nichts Revolutionäres, sondern dafür reichlich Altes im neuen Gewand. (ps) (ps)