Lieber Jürgen Schadt

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Von
  • Dr. Egbert Meyer

Lieber Jürgen Schadt,

Ihre Idee mit der Anzeigenkampagne "Computer kauft man im Fachhandel und nicht beim Gemüsehändler" (siehe Seite 19) hat uns wirklich gut gefallen. Auch Ritters Sportschokolade - die Tafel zu 29 Pfennig -, mit der Sie den Gebrüdern Albrecht das Computerverkaufen abgewöhnen wollen, war ganz nach unserem Geschmack und leider viel zu schnell vergriffen.

Sicherlich ist der Computerkauf beim Lebensmitteldiscounter ein zweischneidiges Schwert. Aber offensichtlich sehen das die Verbraucher mal wieder ganz anders und haben aus Ihren teuren Annoncen lediglich gelernt, daß man im Computerladen prima Schokolade kaufen kann. Trotzdem wollen Sie, wie man hört, Aldi so lange mit preisgünstigen Süßigkeiten ins Gewissen reden, "bis endlich Ruhe im Markt einkehrt". Schade, daß daraus wohl nichts wird.

Im Prinzip lassen sich nämlich Computer überall verkaufen, wenn der Preis attraktiv ist. Und man muß am einzelnen Gerät gar nicht viel verdienen, um trotzdem satte Gewinne einzufahren. Voraussetzung ist lediglich ein möglichst flächendeckendes Filialnetz. Zur Not reicht Holzregalcharme mit davor plazierter Kassiererin. Mangelhafter Service und magere Beratung sind Kunden schließlich bestens bekannt - auch aus Zeiten, in denen Aldi noch keine Computer verkaufte.

Wenn sich das Aldi-Prinzip erst einmal in den Marketingabteilungen der Mineralölkonzerne rumspricht, ist´s mit der Ruhe im Markt endgültig vorbei. Dann rollen die ersten DEA-Computer an die Tankstellen. Der Verkäufer verdient lediglich an den Inspektionen, die nach jedem 50. Windows-Start fällig werden, und an der Software aus der bereitstehenden Datenzapfsäule - 100 MByte zu einssechsundsechzig.

Noch mehr Filialen als die Ölmultis unterhält übrigens der Vatikan. Aus Rom könnte da noch einiges auf uns zukommen: Etwa das Notebook "Pius XII" mit vorinstallierter virtueller Pilgerfahrt nach Lourdes, und zur Ersten Kommunion kommt per Post unaufgefordert das ultimative Missonsspiel Hells & Angels. Das alles ist aber erst der Anfang. Bekanntlich denkt McDonald´s in BSE-schweren Zeiten über den rückläufigen Verkauf herkömmlicher Rindfleischbrötchen nach. Der Einbruch ließe sich durch die Einführung von Hard- und Softwarewochen vollständig kompensieren. Für jeden McRib gibt´s einen Bon und für hundert Gutscheine einen McIntosh mit aufgespieltem McOffice. Für Werbeprofis eigentlich ein gefundenes Fressen: Schließlich verfügt die Fast-Food-Kette nicht nur über ausreichend Stützpunkte, sondern auch über ein attraktiv junges Publikum.

Fehlt eigentlich nur noch das gnadenlos günstige Frühjahrsangebot aus dem Möbelhaus mit dem Elch: das Computer-Kit Brømsel aus der Unter-800-Mark-Klasse. Brømsel läßt sich von geübten Ikea-Kunden schon nach acht Stunden in Betrieb nehmen. Nur beim vollständig zerlegten Monitor muß man mit sieben Tagen rechnen, vorausgesetzt der versprochene Inbusschlüssel liegt bei. Danach wirft den Bastler so schnell nichts mehr aus der Bahn. Unbeschadet besteht er jeden Elchtest - nur der Monitor kippt um.

Daß Ihnen, lieber Jürgen Schadt, bei solchen Aussichten nicht vollends der Humor abhanden kommt, wünscht Ihnen von Herzen

Ihre c't-Redaktion

i.A.

Egbert Meyer (em)