Qual der PAL-DVD
Noch 761 Tage bis zum Jahr 2000 zeigte die große Zähluhr am Eiffelturm an. Die Markteinführung der DVD-Video in Europa wollte so genau keiner der Experten der CD- und DVD-Industrie angeben, die Anfang Dezember nahe Paris bei einem `DVD-Summit´ über die Marktchancen der DVD-Video diskutierten.
- Dr. Bernd Steinbrink
In diesem Jahr, so erklärte einführend Jan Oosterveld, der bei Philips die Strategie für DVD bestimmt, seien beim Verkauf der DVD-Player in den USA die Erwartungen übertroffen worden. 200 000 Player hätten bis dato den Weg in den Handel gefunden, bis zum Jahresende wird für die USA mit einem Absatz von 500 000 bis 1 Million Player für 1997 gerechnet. Zum Jahresende werden dort insgesamt 500 DVD-Video-Titel angeboten. Für Europa sei eine gemeinsame Einführung der Player für das Frühjahr vorgesehen - wenn dann genügend Software fertig sei. Wenn nicht, so räumte Oosterveld ein, müsse die Markteinführung wohl auf den nächsten Herbst verschoben werden.
Ob die gewünschte reichliche Auswahl an Softwaretiteln im Frühjahr tatsächlich vorhanden sein wird, muß zum jetzigen Zeitpunkt äußerst fraglich erscheinen, denn nahezu alle
Vertreter von Filmstudios und Produktionsfirmen räumten Schwierigkeiten bei der Produktion von PAL-Titeln ein. Diese bezögen sich nicht nur auf das Kodieren von Video und Mehrkanal-Audio nach dem MPEG-2-Standard, sondern auch auf die Herstellung komplexer Untertitel in mehreren Sprachen. Während die NTSC-Titel mittlerweile fortlaufend produziert würden, habe man bei den PAL-Titeln noch mit Anfangsschwierigkeiten zu kämpfen. Es gab dazu Schuldzusprechungen (Philips habe noch immer nicht befriedigend funktionierende MPEG-2-Audio-Encoder bei den Studios eingerichtet), aber auch Freisprechungen (in Australien - ebenfalls einem PAL-Land - sei bereits eine Anzahl von PAL-Titeln völlig einwandfrei hergestellt worden).
In Chip gegossen
Eine benutzerfreundliche Art, mit dem Problem unterschiedlicher Audio-Standards umzugehen, zeigte die Firma Cirrus Logic. Sie hat ein Set von zwei Chips entwickelt, das die Formatfrage mehr und mehr in den Hintergrund drängen könnte. Ein DVD-Gerät, das mit diesem Chipsatz ausgestattet ist, erkennt beim Einlegen der Disc sofort, welche Art Mehrkanalaudio verwendet wurde und gibt dieses dann korrekt wieder. Der Chipsatz soll auch Eingang in High-end-Fernsehgeräte und in HiFi-Verstärker beziehungsweise Receiver finden und besteht aus dem Multinorm-Audiodecoder-Chip CS 4925 sowie dem bereits länger angebotenen Crystal CS 4226 Multikanal-Codec, der drei 20-Bit-A/D- und sechs 20-Bit-D/A-Konverter enthält.
Der neue CS4925-Chip ist ab Januar 98 bereits in Produktionsstückzahlen lieferbar und soll bei Abnahme von größeren Stückzahlen 15 Dollar kosten. 1998 sollen außerdem Weiterentwicklungen dieses Chips auf den Markt kommen, die zusätzlich zu AC-3- und MPEG-2-Mehrkanalaudio noch DTS (Digital Theatre Systems) unterstützen, ein für Hollywood-Filme bevorzugtes Mehrkanal-Audio, das für DVD optional vorgesehen ist.
Video Express
Sehr viel konkretere Pläne gibt es da zu Divx (Direct Video Express), das von der gleichnamigen Firma in den Markt gebracht werden soll. Bei Divx handelt es sich um eine Erweiterung zu DVD, bei der eine totale Kontrolle der Disc von der Produktion bis zur Nutzung beim Verbraucher stattfindet.
Jede einzelne bereits gepreßte Disc erhält mit einem Speziallaser einen speziellen Code in das Lead-In eingebrannt und wird dabei von einem Host-Rechner registriert. Sobald der Nutzer sie in seinen Divx-Player legt, kann er sie zwei Tage lang wiedergeben (der Hersteller kann die Zeit festlegen).
Will der Käufer die Disc später noch einmal sehen, muß er sie in seinem Player freischalten. Der ist über ein Modem mit der Zentrale verbunden und wird von dieser in bestimmten Abständen überwacht. Hat der Nutzer nun die Disc nach der abgelaufenen Zeit freigeschaltet und wieder abgespielt, wird ein Betrag von seinem Konto dafür abgebucht. Auch in Europa und in Deutschland will man mit diesem System zukünftig auf den Markt und ein Divx-basiertes Pay-per-view-System etablieren, bei dem die Hollywood-Studios dann praktisch für jede Filmnutzung abkassieren können.
Zwar sind zur Zeit sehr viele Firmen gegen Divx, weil es zusätzliche Verunsicherung in den Markt bringt. Es wird in den USA aber bereits darüber geredet, zukünftig nur noch Divx-Player und DVD-Geräte, die für Divx nachzurüsten sind, zu verkaufen. Es würde dann wohl auch nur noch Divx-Scheiben geben. Jene, die zu früh gekauft haben und über nicht nachrüstbare Hardware verfügen, die wären dann wieder mal die Dummen. (bb) (bb)