IE-frei in 90 Sekunden
Ist der Internet Explorer integraler Bestandteil von Windows 95 oder ein Zusatzprodukt? Auf die Klärung dieser Frage hat sich das Antitrust-Verfahren gegen Microsoft zugespitzt.
- Jennis Meyer-Spradow
Nur 90 Sekunden habe es ihn gekostet, den Internet Explorer aus Windows 95 zu entfernen, sagte US-Bezirksrichter Thomas Penfield Jackson am 19. Dezember bei einer weiteren Anhörung. Ein Techniker habe ihm gezeigt, wie es geht. `Danach funktionierte Windows 95 problemlos.´
Der Richter reagierte damit auf Microsofts Versuch, seine vorläufige Verfügung vom 11. Dezember durch eine überspitze Auslegung zu unterlaufen. Jackson hatte Microsoft untersagt, die Vergabe von Windows-95-Lizenzen an PC-Hersteller weiterhin an die Abnahme des Internet Explorer (IE) zu koppeln. Microsoft behauptete daraufhin, aus der aktuellen Version Windows 95B könne der Internet Explorer nicht entfernt werden und bot den Herstellern als Alternative eine veraltete Windows-Version ohne Internet-Software an.
130 neue Dateien
Mit Richter Jacksons Experiment ist Microsoft allerdings noch nicht der Lüge überführt, denn der Richter führte es mit einem System aus, das bereits ein Update hinter sich hatte: Statt des IE 3.0, der zusammen mit Windows 95B installiert wird, war IE 3.02 aufgespielt - vermutlich bereits vom Hersteller, weil die neuere Version weniger Fehler und Sicherheitslücken hat. Nur ein so aktualisiertes System bietet dem Anwender die Option zum Desinstallieren des Internet Explorer an. Dabei werden aber nur die Icons, einige Registry-Einträge und wenige Dateien gelöscht: insgesamt nur 5 % dessen, was den Internet Explorer ausmacht, wie Microsoft sogleich einwandte.
Das komplette Löschen gestaltet sich deutlich komplizierter: Zum Internet Explorer zählen nämlich nicht nur Programmdateien, sondern auch einige Erweiterungen, die nicht nur ihm nützen. Dazu zählt beispielsweise ActiveMovie (nach neuestem Microsoft-Sprachgebrauch DirectShow) - die aktuelle Windows-Schnittstelle für alles, was mit bewegten Bildern zu tun hat. Zum Betriebssystem gehört sie erst seit Release B. Es ist bei solchen Dateien reine Auslegungssache, ob sie zum IE zählen oder nicht.
Wir testeten mit dem Original-Windows-95 von 1995, was ein Internet-Explorer 3.0 (Build 1215 - die mit Windows 95B gelieferte Build 1158 stand leider nicht zur Verfügung) bei der Installation anrichtet. Der Dateienvergleich ergab, daß neben einigen neuen Verzeichnissen wie etwa `Java´, `Verlauf´ und `Favoriten´ sowie kleineren Änderungen in ini-Dateien rund 130 neue Dateien in das Systemverzeichnis kopiert werden.
Außerdem frischt der Internet Explorer einige Systemdateien auf. Er ersetzt bei einem einfachen Windows 95 (ohne `A´ oder `B´) drei Systemdateien im Verzeichnis `System´ (ADVAPI32.DLL, COMCTL32.DLL und OLEAUT32.DLL) durch aktualisierte Versionen, was übrigens reichlich Ärger verursachen kann: Microsoft hat einige Datenstrukturen verändert und seine Compiler entsprechend angepaßt, so daß damit entwickelte Programme nicht mehr mit der Originalversion funktionieren [1]. Da immer mehr Programme mit den neuen Compilern entwickelt werden, verstärkt sich das Problem laufend. Microsoft rechnet auch die aktualisierten Systemdateien dem IE zu und beruft sich darauf, daß Windows nicht mehr bootet, wenn man sie entfernt.
Nachdem wir alle IE-Dateien mit Ausnahme der aktualisierten Systemdateien gelöscht hatten, funktionierte Windows 95B weiterhin stabil. Sowohl ein danach installierter Netscape Communicator als auch ein Borland-C++-Builder arbeiteten problemlos. Es gab auch nicht den geringsten Anhaltspunkt für die angebliche Unverzichtbarkeit der echten IE-Dateien.
Wo ein Wille ist ...
Nachträgliches Aufräumen funktioniert zwar, aber dem Verfasser der Installationsskripte für Windows 95B steht eine viel einfachere Lösung zu Gebote: Das Setup-Programm installiert nämlich den Internet Explorer autark über eine inf-Datei (ohare.inf). Auf diese wird an vier Stellen (in setuppp.inf, layout.inf, precopy.inf und copy.inf) verwiesen. Das Auskommentieren dieser vier Zeilen per Semikolon genügt, um das Installieren des IE zu verhindern. Kaum vorstellbar, daß das bei Microsoft niemand weiß.
Dem Anwender verschließt sich diese Lösung allerdings, denn die Dateien sind in einem sogenannten `Cabinet-File´ komprimiert. In unserem Experiment genügte es aber, die vier Semikola zu setzen und die resultierenden Dateien wieder einzupacken, um ein funktionierendes Windows 95B ohne Internet Explorer zu erhalten.
Dennoch liefern diese Versuche keinen allgemeingültigen Beweis dafür, daß alle Internet-Explorer-Dateien ohne den IE völlig überflüssig sind. Unklar bleibt, ob Microsoft nicht doch an einigen Stellen die neuen Dateien referenziert. Dem Hersteller des Betriebssystems sollte es aber nicht allzu schwer fallen, das herauszufinden und im Zweifelsfall zu beheben - wäre nur der Wille da.
Noch integrierter
Die Installation eines Office 97 auf einem frischen Windows 95 zeigt eine interessante Parallele: Im Systemverzeichnis landen fast 140 neue Dateien, und vier Systemdateien werden aktualisiert. Dieses Resultat verleitet zu folgender Argumentation: Wenn schon der IE als Bestandteil des Betriebssystems einzustufen ist, weil er Dateien im Systemverzeichnis verändert, so gilt das erst recht für das Office-Paket. Und tatsächlich hat ja der Microsoft-Vertreter vor Gericht gesagt, daß nach Microsofts Auffassung sowohl technisch als auch juristisch die Option bestehe, auch MS-Anwendungsprogramme in Windows zu integrieren.
Netscape versucht derweil, mit einer Kampagne `Freedom of Choice´ Profit aus dem Rechtsstreit des Erzrivalen zu schlagen. Der Marktführer in Sachen Browser kündigte an, auf seiner Homepage einen Button zu installieren, mit dem man nicht nur seinen Navigator, sondern auch ein Programm zum Entfernen des Internet Explorer von Microsoft laden kann. Geht es nach dem Willen von Netscape, bekommen auch alle Sites mit dem Logo `Best viewed with Netscape Navigator´ diesen Button. (jm) (ole)