Chipsatz-Inflation

VX, TX, HX, Apollo, Aladdin, Super TX, HX Pro - steigen Sie da noch durch? In der Werbung der Board-Hersteller tauchen ständig neue Chipsatz-Namen auf. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die vermeintlichen Neuerungen als alte Bekannte.

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Von
  • Georg Schnurer
Inhaltsverzeichnis

Die Chips, die PCI- und ISA-Bus, den Hauptspeicher und - auf 586er-Boards - auch den L2-Cache steuern, bestimmen die Leistungsfähigkeit eines PCs wesentlich - das wissen auch die Werbetexter der Board-Hersteller. Für den PC-Käufer bringt diese Erkenntnis allerdings oft zusätzliche Verwirrung. Statt einfach nur den verwendeten Chipsatz zu nennen, denken sich die Werbetreibenden immer neue Phantasienamen aus.

Besonders gründliche Marketing-Strategen beschriften den Chipsatz auch noch mit dem selbsterfundenen Namen und machen die Identifizierung so besonders schwer. Welche Bausteine wirklich auf dem Board werkeln, kann man dann nur noch mit Programmen wie ctpci (erhältlich über den c't-Programmservice, siehe Hinweise S. 12) ermitteln, die die Hardware-Kennung auslesen. Im Laden ist das aber selten möglich, weshalb wir hier kurz auflisten, welche Chips sich hinter den neuen Namen verbergen. Den Anspruch auf Vollständigkeit erheben wir allerdings nicht - die 'Kreativen' denken sich neue Namen schneller aus, als wir die Bausteine identifizieren können.

Im Markt sind derzeit nur noch drei 586er-Chipsätze aus dem Hause Intel auszumachen: 430HX, 430VX und 430TX. Wenn heute von einem FX-Chipsatz die Rede ist, meint man üblicherweise nicht mehr den längst eingestellten 430FX, sondern den Steuerchip 440FX für Pentium Pro und Pentium II. Der 430HX ist als einziger 586er-Chipsatz von Intel in der Lage, mehr als 64 MByte Hauptspeicher zu cachen - vorausgesetzt, der Board-Hersteller hat das Tag-RAM groß genug (11 Bit) ausgelegt. Im Tag-RAM legt der Cache seine Verwaltungsinformationen ab. Die Produktion des HX hat Intel allerdings Ende letzten Jahres eingestellt, weshalb nur noch Restbestände im Handel sind. Ähnlich verhält es sich mit dem 430VX, der als erster Intel-Chip mit SDRAM-Speicher umgehen konnte.

Der aktuelle und derzeit marktbeherrschende 586er-Chipsatz ist der 430TX, der üblicherweise zusammen mit der ISA-Bridge PIIX4 zum Einsatz kommt. Sein maximal 512 KByte großer L2-Cache kann nur 64 MByte adressieren. Bei einem Ausbau über diese Schwelle hinaus kann die CPU auf den restlichen Hauptspeicher nur langsam zugreifen, was die Systemperformance unter Windows spürbar vermindert. Eine für Besitzer älterer ISA-Karten unangenehme Marotte betrifft den PIIX4: er arbeitet nicht mehr mit einem Signalpegel von 5 Volt, sondern mit nur noch 3,3 Volt. Das bringt Instabilität bei diversen älteren ISA-Karten mit CMOS-Eingängen.

Bei 586er-Chipsätzen gibt es aber nicht nur Intel-Chipsätze, sondern eine Reihe ordentlicher Alternativen von anderen Herstellern. Alle bieten eine Cacheable Area von mehr als 64 MByte. Aber auch hier gilt: das Tag-RAM muß groß genug sein, damit diese Fähigkeit zum Tragen kommt. Da die erforderliche Bitbreite je nach Cache-Strategie und -Größe variiert, sollte man beim Board-Kauf gezielt nachfragen.

Von der taiwanischen Chipsatz-Schmiede VIA stammen die Bausteine der Apollo-Serie. Aktuell sind die Typen Apollo VPX und VP2. Der etwas ältere VPX (VT82C585VP, VT82C587VP) taucht im Markt auch mit den Namen Eteq EQ82C6618 und PC-Chips VX Pro (PC82C437VX+) auf. Den VP2 wiederum vermarktet AMD als '640'. Für den im Januar erwarteten VP3 mit AGP-Support hat sich bislang noch kein 'Kunstname' gefunden.

Den Aladdin IV+ (M1531) der Acer Laboratories (ALi) nennt PC-Chips nun TX Pro (PC82C439TX). Vom Nachfolger des Aladdin IV+, dem mit AGP- und 100-MHz-Support glänzenden Aladdin V, ist zu hören, daß AMD ihn eventuell adaptieren will. Dann wird es wohl noch einen neuen Namen geben; das letzte Wort darüber ist aber noch nicht gesprochen.

Um den SiS-Chipsatz 558x ist es derzeit recht ruhig. Er taucht in zwei Versionen (5581 und 5582) mit unterschiedlichem Pinout auf. Das Gleiche gilt fĂĽr den 5598. Auch diesen gibt es mit einem auf Notebooks zugeschnittenen Pinout unter der Bezeichnung 5597. Das Besondere an diesem Baustein ist die integrierte PCI-VGA-Grafik, die Teile des Hauptspeichers als Bildspeicher nutzt (Shared Memory System).

Diese Kombination von Grafikcontroller und Chipsatz hat es vielen Boardherstellern angetan. Entsprechend vielfältig sind denn auch die Namen. SiS selbst nennt den Chip neuerdings Super TX, was von Herstellern wie etwa Asus freudig übernommen wurde. Andere, wie etwa Eaglemax, bezeichnen den Chip als TX Pro-II und verpassen ihm auch gleich noch das Attribut 'Advanced Graphics Port' - wohlwissend, daß dieser Begriff nicht geschützt ist und sich somit jeder selbst seine Definition von 'AGP' zusammenzimmern kann. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, prangt auf dem vermeintlichen Eaglemax-Produkt auch noch ein hübsches Logo mit der Inschrift 'video inside', das dem berühmten Intel-Kringel verdächtig ähnelt. Da steht zu erwarten, daß Intels Rechtsanwälte diesem Treiben schon bald ein Ende setzen werden. Mit mehr oder minder sanftem Druck ist es dem Platzhirschen schließlich auch schon gelungen, einem großen Board-Hersteller die Verwendung des Namens 'Super TX' auszureden.

Obwohl noch nicht auf dem Markt, hat auch der AGP-Chipsatz 5591 von SiS bereits einen 'Kosenamen': Eaglemax nennt ihn 'TX AGP Pro'. Eine detaillierte Übersicht über die technischen Merkmale und Performance der marktgängigen alternativen Chipsätze und ihrer Namensvettern finden Sie in c't 8/97 auf Seite 180. Ein Test der neuen Bausteine ist für eine der nächsten c't-Ausgaben geplant. (gs) (gs)