Gefälscht: Intels Pentium II

Nach 486er- und Pentium-CPUs haben professionelle Fälscher jetzt Intels Pentium II als neue `Geldquelle´ erschlossen. Mit geringem Aufwand und in großem Umfang, wie Recherchen bei Ausstellern auf der CeBIT ergaben, verwandeln sie Pentium-II-Chips mit 266 MHz Taktfrequenz in 300-MHz-Versionen. Die erzielbare `Wertschöpfung´ beträgt je Prozessor etwa 300 DM.

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Von
  • Georg Schnurer
Inhaltsverzeichnis

Gefälschte, oder genauer gesagt `remarkte´ Prozessoren, die der Anwender später unwissentlich übertaktet, gab es bereits in der Vergangenheit. Die jetzt von c't entdeckten Pentium-II-Fälschungen spiegeln folglich nur den aktuellen Stand der Technik wider - auch was die immer bessere Qualität der Fälschungen betrifft: Sie sind nahezu perfekt, so daß es selbst Fachleuten schwerfällt, sie rein äußerlich und ohne direkten Vergleich mit Originalen zu erkennen.

Das Vorgehen der Fälscher ist denkbar einfach: Sie kaufen die vergleichsweise günstigen 266-MHz-Typen und verändern deren Aussehen so, daß sie als die knapp 300 DM teureren 300-MHz-Prozessoren durchgehen. Der Schwindel fällt dem betrogenen Käufer zunächst nicht auf, da die meisten der manipulierten CPUs eine Zeitlang mit 300 MHz arbeiten. Bei längerem Betrieb und bei erhöhter Umgebungstemperatur treten aber Instabilitäten auf: Der Rechner stürzt unsystematisch ab, in Extremfällen kann der Prozessor dauerhaft Schaden nehmen.

Bislang sind wir auf zwei verschiedene Fälschungsmethoden gestoßen: Beim Typ I wurde in klassischer Manier die Originalbeschriftung entfernt und eine geänderte neu aufgebracht. Beim Typ II hingegen hat man das gesamte Gehäuse durch eine täuschend echte Nachahmung mit von vornherein falschem Aufdruck ersetzt.

Wer fürchtet, einen gefälschten Pentium-II-300 gekauft zu haben, dem bleibt nichts anderes übrig, als den Prozessor nach den im Kasten beschriebenen Merkmalen abzusuchen. Finden sich entsprechende Spuren, dann sollte man schnellstens Kontakt mit seinem Händler aufnehmen und den Prozessor reklamieren. Seriöse Firmen werden die CPUs nach einer Prüfung durch einwandfreie Ware ersetzen.

Wir verfolgten die Herkunft der Falsifikate über eine lange Kette von Händlern quer durch Deutschland. Eine Spur endete bei der Berliner Firma Zeit Computer Technologies Trading GmbH, die von einem Zwischenhändler als Lieferant von 200 großenteils gefälschten Modulen genannt wurde. Zeit-Geschäftsführer Hardy Keinan wollte seine Bezugsquelle nicht angeben. Ein weiterer Pfad führt zu einem holländischen Lagerhaus und zu einem Chip-Broker, der bis zum Redaktionsschluß nicht telefonisch erreichbar war.

Wie in den zurückliegenden Fällen bei 486ern und Pentium-CPUs hätte Intel durch technische Maßnahmen verhindern können, daß diese Fälschungen überhaupt möglich sind. Dies wäre beim Pentium II sogar besonders einfach gewesen. Wenn nämlich der Pentium-II-Prozessorkern und die Chips für den L2-Cache auf einem Modul vereinigt werden, ist die maximale Taktrate bereits durch Auswahlmessungen bekannt (nicht alle Chips einer Fertigungsserie sind gleich gut respektive schnell) - dazu passend werden schließlich die RAM-Chips für den L2-Cache ausgewählt.

Anders als beim herkömmlichen Pentium ergibt es daher überhaupt keinen Sinn mehr, daß man noch unterschiedliche Taktfrequenzen per BF-Jumper einstellen kann, was den Betrieb mit überhöhter Taktrate erst zuläßt. Statt dessen hätte Intel die vorgesehene Taktrate auf dem Modul fest verdrahten können. Zwar könnten Betrüger dann immer noch falsche Taktraten aufdrucken, doch die tatsächliche Betriebsfrequenz ließe sich nicht mehr ändern. So wäre der Schwindel mit einfachen Meßprogrammen aufzudecken.

Statt der BF-Pins hätte Intel mit geringem Aufwand einen einmal programmierbaren Baustein (OTP-Chip) vorsehen können, über den die Taktfrequenz fest eingestellt wird. Nach dem Test könnte die Programmiersicherung des Chips ausgelöst werden, was eine spätere Manipulation wirksam verhindert. Solche Chips gibt es auch ohne Gehäuse zur festen Verbindung mit dem Modul, so daß deren Austausch höchst aufwendig wird. In einem OTP-Chip könnte Intel überdies, wie von vielen Programmierern gefordert, eine per Software lesbare individuelle Seriennummer jedes Prozessors ablegen und natürlich auch die maximale Taktrate.

Es scheint aber, als ob Intel bislang kein echtes Interesse daran hat, Fälschungen wirksam zu verhindern. Man versucht vielmehr - wie übrigens auch bei den diversen Betrugsfällen in der Vergangenheit - die Sache herunterzuspielen; so sprach man c't gegenüber von Einzelfällen. Doch wenn wir nur die während unserer Recherchen bei verschiedenen Zwischenhändlern und Einkäufern angegebenen Stückzahlen addieren, kommen wir auf gut 1000 Fälschungen allein in der 12. Kalenderwoche dieses Jahres. Ein Großhändler sprach von 15 000 Exemplaren auf dem deutschen Markt. Intel indes beschränkt sich derzeit darauf, mit juristischen Mitteln gegen einzelne Beteiligte vorzugehen, statt das Problem an der Wurzel zu packen. (gs)

Bei den Fälschungen vom Typ I wurde in klassischer Manier die alte Typenkennzeichnung (80522 PX266512) entfernt und durch eine zum 300-MHz-Modell passende (80522PC300512EC) ersetzt. Bei genauem Hinsehen und richtigem Lichteinfall erkennt man einen sehr geringen Unterschied in der Oberflächenstruktur des Plastikgehäuses. Der Bereich, wo die alte Beschriftung entfernt wurde, schimmert etwas matter als der Rest. Bei unserem Exemplar war auch die neue Beschriftung deutlich blasser - leider kann das Foto nur diesen Aspekt wiedergeben. Unter UV-Licht lassen sich zudem schwache Spuren der ursprünglichen Typenbezeichnung ausmachen.

Beim Typ II - der nach unseren Recherchen stärker verbreiteten Variante - haben die Fälscher das Gehäuse komplett ersetzt. Die Beschriftung entspricht der einer echten 300-MHz-CPU. An unserem Exemplar fällt aber auf, daß der Schriftzug `Pentium II´ auf der Moduloberseite etwas zu klein ist, leicht nach unten verrutschte und überdies etwas schräg steht. Darüber hinaus wirkt das 2D-Code-Feld neben der Typenbezeichnung leicht verwaschen.

Während sich diese Fehler aber fast nur im direkten Vergleich mit einem Original erkennen und überdies durch bessere Fertigungsqualität abstellen lassen, gibt es noch ein verläßlicheres Indiz, Typ-II-Fälschungen zu entdecken: Vermutlich beim Aufhebeln des alten Gehäuses entstand unten rechts auf der Metallseite der CPU eine verräterische Verformung an einer kleinen Kunststoffzunge.

Bei unseren Falsifikaten ist das Hologramm erhaben aufgebracht, beim Original liegt es etwas versenkt, also in einer Vertiefung. Fahren Sie mit dem Fingernagel von dem Hologramm aus seitwärts auf die lange Schräge zu. Wenn Sie auf eine winzige Kante stoßen, ist Ihr Pentium II wahrscheinlich echt. Bei den gefälschten ist der Übergang glatt. Ferner gibt es laut Intel auch die auf unseren drei vorliegenden Typ-II-Fälschungen vorgefundenen Seriennummern 98070742-700 bis 98070742-702 nicht. Intel erteilt Auskünfte zu Seriennummern aber nur an Händler, nicht an Endkunden. (gs)