Lernen aus dem Netz
Mit Abschluß der dritten Ausschreibungsrunde in diesem Jahr haben rund 10 000 Schulen von der Bundesinitiative Schulen ans Netz e. V. die Startmittel für einen Internet-Zugang erhalten. Doch angesichts der prekären Finanzlage im Bildungsbereich ist es noch ein weiter Weg, bis das Internet als Lernmedium an allen Schulen zur Verfügung steht. Daher entwickelt die Initiative Konzepte, mit denen sich die Ansprüche an eine zeitgemäße Ausbildung mit der schulischen Realität vereinbaren lassen.
- Michael Drabe
- Axel Kossel
Gegenwärtig werden unter vollkommen unterschiedlichen Blickwinkeln die Nutzungsmöglichkeiten des Internet beleuchtet. Fachleute aus Wissenschaft, Industrie, Verwaltung, Politik und den Medien in West- und Nordeuropa sowie in Nordamerika (USA/Kanada) beschäftigen sich in ihrem jeweiligen Arbeitsbereich mit den Ausgestaltungsmöglichkeiten sowie den Gefahrenpotentialen, die sich aus der neuen Informations- und Kommunikationstechnologie ergeben. Überall wird dabei die Notwendigkeit einer nachhaltigen Bildungsaktivität vor allem in den Schulen angemahnt.
Kontakte online
Einige Beispiele, von dem, was sich international tut, seien hier auszugsweise genannt: In einigen Schulen wird die CD-ROM `Surfin california´ (www.learning-station.com) eingesetzt, die nach einer geeigneten Einführung ein selbstorganisiertes Lernen zuläßt. Die für fortgeschrittene Englischschüler entwickelte Anwendung bietet eine Vielzahl von Vokabel-, Grammatik- und interaktiven Übungen an. Den inhaltlichen Schwerpunkt bildet eine Beschreibung von Land und Leuten Kaliforniens. Für viele Beteiligte kommt nach einer rund achtwöchigen Einführungsphase der spannende Teil: Es werden Kontakte zu einigen Schulen aus diesem amerikanischen Landstrich zur Verfügung gestellt, um einen intensiveren Austausch über Kultur, Politik und Leben zu ermöglichen. Interessanterweise waren besonders die amerikanischen Schulen an diesen Kontakten interessiert; sie hofften, durch diese Verbindung das Informationsdefizit über Deutschland abzubauen.
ThinkQuest (www.advanced.org/thinkquest) ist ein inter-nationaler Wettbewerb, der Schülerteams im Alter von 12 bis 19 Jahren ebenfalls auf internationaler Ebene via Internet zusammenbringen soll, um Unterrichtsmaterial für das Internet zu kreieren, das dann anderen Schülern in der Welt über das World Wide Web zur Verfügung steht. Die Methode ist einfach: Teams von zwei bis drei Schülerinnen und Schülern, die unterschiedlichen Schulen beziehungsweise Schulformen und Ländern angehören sollten, formieren sich möglichst über das Internet und suchen sich einen Coach (sprich: Lehrer), der die Betreuungsaufgabe während der Arbeit des Teams übernimmt. Gemeinsam suchen sie sich ein Bearbeitungsthema, das aus den Kategorien Wissenschaft/Mathematik, Kunst und Literatur, Sozialwissenschaft, Sport und Gesundheit oder Interdisziplinarität stammen kann.
Das Projekt `The Wadden sea´ ist ein Beispiel mit deutscher Beteiligung, das die Umweltbedingungen und das Leben im Wattenmeer beschreibt. Die amerikanischen Teilnehmer haben die Fragestellungen geliefert, die Ostfriesen haben das Material gesammelt, digitalisiert, und das gesamte Team hat anschließend einen gemeinsamen Entwurf für einen Einsatz im Unterricht entwickelt und umgesetzt. Die Jury war so beeindruckt, daß das Team zur Finalrunde 1997 nach Washington eingeladen wurde.
Informationsbörse
Die Chancen der Informationsbeschaffung über das Netz sind beeindruckend. Die demokratischen Entwicklungen um Belgrad 1996/97 konnten am Anfang nur via Internet authentisch berichtet werden, und auch später war bei Unterbrechungen von Rundfunkleitungen immer wieder das Netz da, um Informationen weiterzugeben. In Rußland werden die Netzzugänge für kooperative Arbeitsformen mit dem In- und Ausland genutzt und haben als zusätzliches Phänomen ein gegenseitiges Verständnis kultureller und soziologischer Handlungsebenen gefördert. Und: Die Welt erfuhr von Dengs Tode via Internet weit früher als die Einheimischen in Peking und Umgebung.
Über die Möglichkeiten der Vermittlung eines Demokratieverständnisses unter Nutzung der Netze wird intensiv nachgedacht. Gemeint sind dabei die auf moderne Kommunikationstechniken aufsetzenden Strategien, um die Bevölkerung zu informieren, nach einer Meinung zu befragen und schließlich zu einer Abstimmung zu bitten.
Visionen
Zu den realistischen Ansätzen einer konkreten Umsetzung gehören auch Visionen. So muß der technische Ausgangspunkt eine vernetzte Schule sein. Hier ist jeder Raum, angefangen vom Klassenraum, fortgesetzt über den Fachraum und die Bibliothek bis hin zur Schulverwaltung, mit je einem Netzzugang zu versehen.
Die ständige Bereitstellung und Verfügbarkeit der Kommunikationsdienste beziehungsweise -plattform, (technische) Unterstützung bei der Schaffung einer lokalen Infrastruktur (LAN) sowie Generierung und Sicherstellung bildungsrelevanter Inhalte werden selbstverständliche Bestandteile eines geeigneten Dienstleisters sein (Bildungsprovider). Das Beispiel des Göttinger Stadtschulnetzes (www.goe.ni.schule.de/stadtschulnetz) zeigt, wie die Kommunen in Zusammenarbeit mit Kompetenzträgern und Sponsoren diese Aufgabe selbst erfüllen können.
In der Schule lassen sich mit Hilfe der (TV-)Displays auch größeren Lerngruppen entsprechende Inhalte vermitteln. Jede Schule erhält dazu einen eigenen Schulserver, der, zusätzlich mit Router-Funktionalität ausgestattet, die Schulinhalte in den `eigenen Mauern´ beläßt und den Zugang zu anderen Bildungsinhalten eröffnet. So können neben den eher kommerziell ausgerichteten Angeboten (etwa die Aktivitäten einiger Schulbuchverlage unter www.bildung-online.de) auch entgeltfreie Bildungsressourcen genutzt werden. Leider befinden sich entsprechende Bemühungen der Landes- und Kreisbildstellen, ihr sehr breit gestreutes Spektrum von visualisierten Materialien für den Unterricht (in der Regel als ein Film- oder Videoprodukt) zu digitalisieren, noch in den Anfängen.
Ebenso ist der Zugriff von zu Hause durch einen entsprechenden Zugang in dieses Schulnetz zu sichern, auch wenn dies nach der derzeitigen Gebührenlage illusorisch erscheint. Auf der anderen Seite sollte man den hier beschriebenen Ansatz als eine skalierbare Implementationsstrategie verstehen, die je nach Kostensituation entsprechende Lösungen umzusetzen hilft. Die Fokussierung auf die eigene Schule stellt sicher, daß die Schülerinnen und Schülern ausschließlich unterrichtsrelevante Inhalte erreichen. Die Eltern wissen, daß ihre Kinder über das gesicherte Schulnetz online gehen, das keinen Zugang zu jugendgefährdenden Inhalten zuläßt.
Obwohl die Inhalte auf dem Schulserver überschaubar bleiben, können sie durch den möglichen Zugriff auf entfernte (relevante) Schul- und Bildungsserver eine vor allem in höheren Klassenstufen wünschenswerte Erweiterung erfahren. Die Schaffung einer Kommunikationsplattform unterstützt sowohl die Kontaktaufnahme als auch die Verfügbarkeit eines sogenannten `Workspace´ für die Gruppenarbeit und die Kooperation mit externen Schulen im In- und Ausland.
Technische Ausstattung
Wie lassen sich hierzu die technischen Spezifikationen charakterisieren? Der Betrieb eines lokalen Schulnetzes wird in der Regel bereits mit einem File- und Printserver sichergestellt. Es ist jedoch davon abzuraten, auf diesem Server auch die nach außen gehenden Kommunikationsprozesse zu installieren. Zum einen ist der interne Betrieb, das heißt die Nutzung des Servers als Softwaredistributor, bei Leitungsproblemen oder Hardwarekonflikten jederzeit gewährleistet, zum anderen kann der technologischen Weiterentwicklung vor allem auf dem Kommunikationssektor flexibler Rechnung getragen werden.
So ist keineswegs entschieden, ob die Anbindung von lokalen Netzen an den Internet-Service-Provider (ISP) für alle Zeit über die Telefonleitung erfolgen wird oder zukünftig mit Zugängen über TV-Kabel, Satelliten oder die Stromleitung zu rechnen ist.
Die technische Konfiguration einer vernetzten Schullandschaft
Unabhängig von der eigentlichen Zugangstechnik `duellieren´ sich bei der Anbindung lokaler Netze an das Internet drei Konzepte: Gerade bei kleineren Lösungen weit verbreitet ist der (im homogenen Netzwerk eingesetzte) Kommunikationsserver mit interner ISDN-Karte und einer softwaregesteuerten Router-Lösung, die häufig Dritthersteller für das jeweilige Netzwerk-Betriebssystem (NOS) anbieten. Diese Software besitzt meist auch die entsprechenden Sicherheits- und Administrationsfeatures.
In Fällen, wo die für das jeweilige NOS verfügbare Software nicht alle geforderten Leistungsmerkmale wie etwa den im Schulbetrieb wünschenswerten Remote-Zugriff besitzt oder schlicht zu teuer ist, bietet sich ein Kommunikationsserver auf Basis eines anderen Betriebssystems an, der sich über Standard-Protokolle in das bestehende Netz integrieren läßt. Ein Beispiel hierfür ist der c't/ODS-Kommunikationsserver, den c't kostenlos an alle interessierten Schulen abgibt ([../ www.heise.de/ct/schan]).
Die Alternative zu den Kommunikationsservern stellen NOS-unabhängige Hardware-Router dar, die sich häufig von außen administrieren (Remote-Service) lassen. Bietet der ISP einen entsprechenden Service an, erspart das der Schule viel Verwaltungsarbeit, die sich insbesondere durch in der Regel mangelnde Vorkenntnisse sehr zeitaufwendig gestaltet. Auch die Einrichtung der Router ist weitaus einfacher; beim Aufbau eines Kommunikationsservers muß man sich mit den konzeptionellen Schwächen der Industrie-PCs herumschlagen, was nicht selten in umfangreiche Schrauberei ausartet.
Das Dilemma für Schulen besteht nun darin, daß die Kommunikationsserver (sofern sie sich mit vorhandenen Mitteln wie veralteten PCs realisieren lassen) preiswerter sind als Hardware-Router und zudem eine höhere Flexibilität bieten, dafür jedoch mehr Know-how voraussetzen. Die Initiative will dieses Problem mit einem bundesweit erreichbaren Helpdesk lösen. Dieser soll in Zusammenarbeit mit den Herstellern und hierfür speziell eingerichteten LAN-Laboren den Schulen eine individuelle Beratung und maßgeschneiderte Problemlösungen für die Internet-Anbindung via Kommunikationsserver anbieten.
Installierte Dienste
Sind die technischen Details des Zugangs geklärt, müssen die angebotenen Dienste des Internet in der Schule bereitgestellt werden. Es ist sicherzustellen, daß jeder Schüler beziehungsweise Lehrer eine eigene EMail-Adresse bekommen kann. Da Schulen aus Kostengründen jedoch häufig mit einfachen Internet-Zugängen auskommen müssen, zu denen nur eine einzige EMail-Adresse gehört, sind hier besondere technische Konzepte gefordert. WiNShuttle, ein Ableger des Deutschen Forschungsnetzes, bietet für Schulen eine entsprechende Lösung kostenlos an, die unabhängig vom verwendeten Internet-Zugang ist (www.shuttle.de/infos/support/schulen.html).
Keinesfalls darf der Zugriff eines Lehrers oder Schülers auf die eigene Mailbox einen Leitungsaufbau zum ISP notwendig machen. Der EMail-Austausch nach außen muß auf die Zeiten mit günstigen Telefontarifen beschränkt werden können. Weiterhin muß sich die Verfügbarkeit von News individuell steuern lassen, so daß den unterschiedlichen Interessenansätzen der Lehrer Rechnung getragen werden kann, ungeeignetes Material jedoch unzugänglich ist.
Mögliche Implementation des häuslichen Zugriffs auf ein Schulnetz
Bei den erweiterten Internet-Diensten wie WWW ist sicherzustellen, daß intelligente Lösungen die Verbindungszeiten nach außen minimieren. Hierzu bieten sich beispielsweise Softwareprodukte an, die über Nacht die gewünschten Informationen einsammeln und am Schultag offline zur Verfügung stellen. Eine weitere Optimierungsmöglichkeit besteht im Aufbau eines Proxy-Servers, der durch seinen lokalen Cache sicherstellt, daß häufig nachgefragte Informationen ohne erneuten Leitungsaufbau der Anwenderschaft zugänglich sind.
Schulstandard
Die beschriebenen Szenarien lassen sich nur durch den Versuch einer `Schulstandardisierung´ realisieren. Daher hat der Verein Schulen ans Netz eine technische Kommission ins Leben gerufen, die in einer Art Pflichtenheft den (technischen) Problembereich analysieren und Lösungsvorschläge unterbreiten soll. Zur Zeit lassen sich folgende Handlungsansätze ausmachen:
Gewünscht wird, daß alle gängigen NOSe als vorkonfigurierter File- und Printserver verfügbar sind. Ferner sollte es damit möglich sein, daß jede Workstation nicht nur die gängigen Unterrichtssoftwareprodukte abrufen, sondern auch die beschriebenen Kommunikationsdienste benutzen kann. Für jedes NOS sind die entsprechenden EMail- und News-Systeme so zu installieren, daß sie die kostenreduzierenden Bedingungen erfüllen. Der Administrationsaufwand ist soweit zu reduzieren, daß mit wenigen skriptorientierten Installationsschritten eine neue Lerngruppe eingerichtet ist.
Dieses Ziel ließe sich am einfachsten realisieren, wenn alle NOS-Hersteller ihre Produkte als schulspezifische Version entsprechend angepaßt und erweitert anböten. Ein solches Paket muß dann alle sinnvollen Kommunikationsprodukte (auch die von Drittherstellern) enthalten.
Eine wichtige Eigenschaft einer solchen schulspezifischen NOS-Version ist die Möglichkeit, jederzeit den `Urzustand´ wiederherstellen zu können. Es muß den Schülergruppen mit ihren individuellen Nutzungs- und Gestaltungsmöglichkeiten Rechnung getragen werden können, ohne jedoch die nachfolgende Gruppe vor unlösbare Probleme zu stellen, weil diese etwa die bekannte Oberfläche nicht mehr vorfindet. Ziel sollte sein, daß für jedes NOS eine sogenannte Master-CD zur Verfügung steht, die die gewünschte Basisinstallation ohne viel Handarbeit sicherstellt.
Ferner gilt es, das Zusammenspiel zwischen den schulspezifischen NOS-Lösungen und den ISPs sicherzustellen. Oftmals benennen Software-Hersteller und Provider wichtige Parameter unterschiedlich, so daß der verantwortliche Lehrer bei der Einrichtung des Zugangs Schwierigkeiten hat, die Werte korrekt zu übertragen. Daher sollten die ISPs den Schulen aufgrund der vorliegenden Master-CDs ein entsprechendes Formular zur Verfügung stellen, in dem alle Konfigurationsdaten für eine sichere Anbindung in der richtigen Reihenfolge und mit korrekten Bezeichnungen aufgeführt sind, möglichst mit einer ergänzenden Anleitung versehen. Ein Beispiel für eine solche Unterstützung des ISP ist die Anleitung von WiNShuttle zum c't/ODS-Kommunikationsserver (www.shuttle.de/infos/anleitungen/linux/ods-kom2.html).
Strategie
Die hier dargestellten Überlegungen lassen sicher Details zu möglichen Implementationsstrategien vermissen. In unserer Handreichung `Internet macht Schule´ (http://alp.dillingen.de/zimt-san/internet) läßt sich sehr viel präziser ausmachen, auf welchem Stand wir uns befinden.
Es bleibt sicher noch viel zu tun, bis wir annähernd den oben beschriebenen Soll-Zustand erreicht haben werden, aber unsere Schulen benötigen diese Umsetzung der auf Entlastung des Administrationsaufwands ausgerichteten Strategie, um den vielfältigen Anforderung vor allem inhaltlicher Art gerecht zu werden. (ad)