Lernen aus dem Netz
Bildungspolitiker und Wirtschaft rüsten mit irrwitzigem Tempo deutsche Schulen mit Computern und Internet-Zugängen aus. Die Frage, ob dies pädagogisch sinnvoll ist, wurde jedoch noch nicht einmal in Ansätzen geklärt. Dementsprechend fehlen noch sinnvolle Konzepte für den Multimedia-Unterricht.
- Andreas Grote
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Wirtschaft und Politik sind sich einig: Die deutschen Schulen müssen ans Internet. `Mit ´Schulen ans Netz´ ist uns die Initialzündung gelungen´, schwärmt Telekom-Chef Ron Sommer, `die notwendig war, um die deutschen Schulen fit für das Lernen in der Informations- und Wissensgesellschaft zu machen´.
Die Initiative `Schulen ans Netz´, die vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technik (BMBF) und der Deutschen Telekom AG zusammen mit mehreren Sponsoren aus der Wirtschaft (darunter auch c't, www.heise.de/ct/schan) getragen wird, hat bislang 6500 der 44 000 deutschen allgemeinbildenden Schulen ans Internet gebracht; bis Ende des Jahres sollen es 10 000 werden. Im Jahr 2000 sollen dann alle Schulen mindestens einen Internet-Anschluß besitzen, besser noch mindestens einen komplett ausgerüsteten Computerraum.
60 Millionen Mark will die Deutsche Telekom hierfür ab 1999 noch einmal locker machen, das BMBF noch einmal 40 Millionen Mark. Seit Frühjahr 1996 hätten die beiden Initiatoren zusammen dann rund 160 Millionen Mark in das Projekt gesteckt. Aber auch Ron Sommer weiß, daß `natürlich selbst diese große Summe nicht ausreicht, um das hoch gesteckte Ziel, das Bildungswesen vollständig auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorzubereiten, zu erreichen´.
Signalwirkung
Der Vorsitzende der Deutschen Telekom AG will mit der Initiative ein `Signal für die Zukunft des Bildungsstandorts Deutschland und für eine zukunftsorientierte Bildung der Kinder und Jugendlichen an der Schwelle zur Informationsgesellschaft´ verwirklicht wissen. Auch Bundesforschungsminister Dr. Jürgen Rüttgers ist davon überzeugt, daß `dieser Schritt die Zukunftschancen für unsere Kinder verbessert hat´. Seit dem Start der Initiative haben Tausende von Lehrern und Schülern Projektideen konzipiert, wie die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien sinnvoll und gewinnbringend in den Unterrichtsalltag integriert werden können, weiß Rüttgers.
Sicher ist, daß Kinder und Jugendliche in den Schulen den Umgang mit Computer und Telekommunikation erlernen müssen, um den künftigen Anforderungen in der Arbeitswelt von Morgen gerecht zu werden. Ebenso bietet der direkte Zugriff auf weltweite Informationsquellen und der Kontakt zu anderen Schulen über die globalen Netze neue Möglichkeiten. `Doch allen weiteren Erwartungen und Strategien stehen zur Zeit noch vergleichsweise wenige empirische Untersuchungen gegenüber, die Wirkungsweisen solcher Medien auf das menschliche Verhalten untersuchen´, weiß Prof. Dr. Alf Zimmer von der Universität Regensburg. Eine Frage, die nach Meinung des promovierten Psychologen von zentraler wissenschaftlicher wie auch von zentraler gesellschaftlicher Bedeutung ist.
`Um diese wichtige Frage eindeutig zu beantworten, dafür fehlen einfach entsprechende Langzeitstudien´, bringt es Manfred Jerusalem, Referent für Medien im Bildungswesen beim Sekretariat der Kultusministerkonferenz in Bonn, auf den Punkt. Allenfalls, so Jerusalem, läßt sich aus den bisherigen, meist nur an einzelnen isolierten Projekten durchgeführten Untersuchungen ablesen, daß man mit den neuen Medien zwar schneller lernt, das Gelernte aber nicht unbedingt lange im Gedächtnis verweilt.
Vorsicht angeraten
Wissenschaftler und Pädagogen raten daher eher zur Vorsicht. `Ehe man den Lernenden mit noch mehr Technik konfrontiert, sollte genauer analysiert werden, wie viel, wie schnell und in welchem Medium so gelernt werden kann, daß es in der Praxis relevant wird´ meint Zimmer. `Edutainment führt wahrscheinlich nur solange zu einer Vergrößerung der Masse an Informationen, wie dies mühelos geschieht´, zieht der Psychologe sein ernüchterndes Resümee aus den bisherigen Untersuchungen. Zimmer warnt davor, daß die Lernprogramme dem Schüler das Lernen und die Wissensaneignung zu einfach machen und dieser vor schwierigeren Problemen, wie dem Wissenstransfer auf andere Bereiche, kapitulieren könnte.
Aber gerade die höhere Motivation ist der Hauptvorteil des multimedialen Lernens. Lernmotivation entwickeln und aufrechtzuerhalten ist die zentrale Voraussetzung, um zum Lernen durch Umstrukturieren zu gelangen, bei dem Neues aus dem bisher schon Gelernten produziert wird.
Besonders die einfachen Lernprogramme befinden sich im Mittelpunkt der Kritik. `Untersuchungen zur Thematik Multimedia haben sehr eindeutig gezeigt´, so Zimmer, `daß die multimediale Vorgabe - in diesem Fall italienische Vokabeln - sich eindeutig auf die Motivation auswirkt, denn man lernt lieber und zunächst auch schneller.´ Langfristig unterscheiden sich jedoch die Gedächtnis- und Wissensprozesse nicht von denen, die durch herkömmliches Lernen erreicht werden. `Und dies trotz der Tatsache, daß bewußt eine Aufgabe gewählt wurde, die als der Prototyp des langweiligen Lernens gilt, nämlich das Vokabellernen.´
Vielversprechender ist Zimmers Meinung nach der Bereich multimedialer, interaktiver Lerntechnologien, bei denen man selbständig, aktiv und selbst explorierend mit Informationen umgeht, wie es beispielsweise bei Tutorensystemen der Fall ist. `Diese Sparte ist bislang sträflich vernachlässigt worden, obwohl hier Multimedia tatsächlich zu einer bedeutsamen, qualitativ neuen Entwicklung in der Lernumwelt führen kann.´ Voraussetzung hierfür ist ein System, das der Nutzer frei erforschen und auf die Probe stellen kann, um eigene Erfahrungen zu sammeln. `Es konnte nachgewiesen werden, daß in einer solchen Lernumwelt nicht nur schneller gelernt wird, sondern die Lernenden auch zum Umstrukturieren angeregt werden, so daß sie später Probleme lösen können, die gar nicht explizit Gegenstand des Unterrichts gewesen sind´.
McDonaldisierung des Wissens
Strittig ist nicht die Frage, ob der Computer an sich eher Vor- oder Nachteile in der Schule bringt. `Es gibt schlicht keine Alternative zu den neuen Medien in der Schule, um die Schüler auf den späteren Beruf vorzubereiten´, meint Dr. Karl Sarnow. Für den Lehrer für Mathematik, Physik und Informatik am Gymnasium Isernhagen ist klar, daß der PC schließlich nur als Werkzeug benutzt wird. Die entscheidende Rolle kommt dem Inhalt zu - und der wird von den Lehrern bestimmt. Doch die müssen erst einmal selbst mit der Technik umgehen lernen. `Statt dessen streichen die Länder den Lehrern die dafür nötige Fortbildung´, kritisiert Sarnow.
Doch die Meinung unter den Lehrenden ist gespalten. Während der Informatik-Lehrer Sarnow meint, `daß die riesigen Chancen der neuen Medien in den Schulen nicht zu vergleichen sind mit den Risiken´, tun sich Kollegen mit dieser Euphorie zum Teil recht schwer. `Die Chance, die sich hier auftut, ist nicht, daß man schneller lernt, man lernt nur anders´, erklärt Prof. Friedrich Nake, Informatiker an der Uni Bremen. `Multimediale Lehre machen zu wollen, halte ich nicht für besonders witzig, jedoch auch nicht für schädlich, eher für belanglos. Denn es kommt doch darauf an, sich um gute Lehre zu bemühen´. Die Mittel sind dem allemal untergeordnet. `Wissen kommt nicht aus den Büchern und auch nicht aus dem Internet´, erklärt Nake. `Dort findet man Druckerschwärze und elektromagnetische Felder. Wissen muß man selbst schaffen, und mich ergreift ein Gefühl der Trauer über die McDonaldisierung des Wissens´.
DarĂĽber hinaus ist noch nicht einmal angedacht worden, in welchem Grad die Ausstattung von Schulen und Klassenzimmern mit PCs ĂĽberhaupt Sinn macht. Reicht ein Computerraum fĂĽr die ganze Schule, ein vernetzter PC in jedem Klassenraum oder gar ein PC fĂĽr jeden SchĂĽler? Untersuchungen jeglicher Art sind auch hier Fehlanzeige.
Dessen ungeachtet drängt die Wirtschaft mit Schützenhilfe der Bildungspolitik und mit Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe in die Schulen vor, statt mit bescheidenen Mitteln erst einmal einige Fakten über die Sinnhaftigkeit der Aktion zu schaffen. Ohne den geringsten Nachweis entsteht dabei der Eindruck von blindem Aktionismus und legt den Verdacht nahe, daß die Industrie hier einen neuen Markt für sich entdeckt hat und diesen erst einmal in warme Tücher packen will, indem sie die Schulen an sich bindet.
Milliardenmarkt
Und der neue Markt ist gigantisch, wie erst jüngst das Gutachten `Die Finanzierung neuer Medien in Schulen´ im Auftrag der Bertelsmann Stiftung (www.stiftung.bertelsmann.de) gezeigt hat. Schon die billigste Variante - ein voll ausgestatteter Computerraum mit lokalem Netz und mit Projektionsmöglichkeiten sowie Internet-Zugang für jeden Arbeitsplatz würde für alle allgemeinbildenden deutschen Schulen bereits 4,4 Milliarden Mark an einmaligen und 2,2 Milliarden Mark an jährlichen laufenden Kosten verursachen. Stünde in jedem Klassenraum auf jedem Klassentisch ein Netz-PC, dann erhöhten sich die einmaligen Kosten auf über 34 Milliarden, die laufenden beliefen sich auf 15,5 Milliarden Mark. Würde man gar, wie in den USA teilweise praktiziert, jedem Schüler einen Laptop in den Ranzen packen, dann wären 81 beziehungsweise 24 Milliarden Mark fällig.
Zum Vergleich dazu: Die Bildungsausgaben der öffentlichen Haushalte für allgemeinbildende Schulen lag 1996 bei 99,5 Milliarden Mark, wovon 75 Prozent durch Personalausgaben gebunden sind; nur etwas über 1 Milliarde Mark haben Bund, Länder und Gemeinden für den Erwerb von beweglichem Sachvermögen (unter anderem Hardware) ausgegeben.
`Selbst bei der Einbeziehung aller kostensenkenden Maßnahmen müßten diese Ausgaben für einen integrierten Technikeinsatz auf das Fünf- bis Dreißigfache erhöht werden´, heißt es in dem Gutachten. Die Autoren kommen folglich zu dem Schluß, daß `eine Finanzierung über die Bildungsetats alleine völlig unrealistisch ist´. Finanziert werden könnte dies zum Beispiel, so das Gutachten, durch eine Art `einmaligen Bildungspfennig´, durch Abgabe ausgemusterter Geräte bei den Behörden an die Schulen, in erster Linie aber durch Spenden und Sponsoren aus der Wirtschaft und Beteiligung der Eltern an den Kosten.
Rattenfänger?
Zwar verneint Ron Sommer, daß `Schulen ans Netz´ eine clever eingefädelte PR-Maßnahme der Deutschen Telekom sei, fügt aber weise hinzu, daß die Initiative ein Motor für eine Revolution im bundesdeutschen Bildungswesen und auf eine langfristige Wirkung in diesem Bereich angelegt sei und alle gesellschaftlichen Kräfte im Interesse unserer Kinder mobilisiert werden müßten.
`Langfristig´ sind die Interessen der Industrie an der Zusammenarbeit mit der Bildungspolitik bestimmt, denn für alle Beteiligten aus der Industrie ist das Ganze eine interessante Einnahmequelle auf Dauer. Nicht nur die laufenden Kosten zum Unterhalt der Schul-PCs, sondern die einer riesigen Multiplikatorenwirkung entsprechende Begegnung aller Schüler mit dem PC versprechen der IT-Branche in Zukunft satte und regelmäßige Zuwächse, die sie dringend braucht.
`Schließlich´, so Zimmer, `werden in Zukunft durchaus Markterschließungsengpässe im Bereich der Nachfrage prognostiziert´. Nach seiner Überzeugung zielt die Initiative der Industrie darauf ab, daß `in den Schulen zunehmend Multimedia eingesetzt wird, damit die Schüler sofort über ihre Eltern oder später im Berufsleben dazu beitragen, daß Multimediaangebote intensiver genutzt werden´. Bei über neun Millionen Schülern allein an den allgemeinbildenden Schulen scheint es, als habe da die Industrie eine riesige neue Klientel für sich aufgetan.
Michael Drabe, Leiter der Koordinationsstelle von Schulen ans Netz e.V. in Bonn, war jüngst in Kanada. `Die kanadischen Schulen sind uns beim Einsatz der neuen Medien in den Schulen um zwei bis drei Jahre voraus´, stellt Drabe fest. Doch auch die Kanadier haben keine Antwort auf die Frage, ob das Lernen mit den neuen Medien pädagogisch sinnvoll ist. Drabe: `Wenn Sie hier fragen: ´Warum macht Ihr das überhaupt?´, dann bekommen Sie als Antwort: ´Auch ohne Evaluation wissen wir, daß es richtig ist.´ Und weiter: ´Identifizierbare Erfolgsparameter der kanadischen Aktivitäten sind eine erhebliche Anregung des Arbeitsmarktes durch Entwicklung entsprechender Software und geeigneter Dienstleistungen sowie eine hohe Motivationsbereitschaft der die IT-Medien einsetzenden Lehrerschaft.´ Offen bleibt, ob dieser Gradmesser auch in Deutschland ausreichende Überzeugungskraft besitzt. (ad)
Michael Drabe: Neue Medien als Chance fĂĽr die Bildung
Gegenwärtig werden unter vollkommen unterschiedlichen Blickwinkeln die Nutzungsmöglichkeiten des Internet beleuchtet. Überall wird dabei die Notwendigkeit einer nachhaltigen Bildungsaktivität vor allem in den Schulen angemahnt. Durch die technologischen Entwicklungen hat sich bereits in vielen Firmen die Arbeitsorganisation grundlegend verändert. Lehren und Lernen über Netze ist ebenso wie Telekooperation für global agierende Unternehmen zur Selbstverständlichkeit geworden.
Im krassen Gegensatz zum mitteleuropäischen Raum erfahren die Schulen in den skandinavischen Ländern bereits seit einigen Jahren durch öffentliche Mittel eine entsprechende Unterstützung. In Deutschland hat die Initiative des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie und der Deutschen Telekom AG `Schulen ans Netz´ dafür gesorgt, daß in Zusammenarbeit mit den Ländern die Schulen einen Netzanschluß mit entsprechenden Kommunikationseinrichtungen und Software erhalten und in der Aus- und Fortbildung entsprechende Akzente gesetzt wurden. Der Netzanschluß wird allerdings auch bis weit in das nächste Jahrtausend die Schule natürlich nicht ersetzen. Lesen, Rechnen und Schreiben werden nach wie vor das Primat der zu vermittelnden Basisqualifikationen haben. Kreativität, Flexibilität im Denken, Teamfähigkeit, Leistungsbereitschaft und weitere wünschenswerte Qualifikationen werden durch vielfältige geistige und sinnliche Erfahrungsprozesse erlernt. Aber: Der wohlüberlegte Einsatz von neuen Medien und die Schulung in die erfolgreiche Nutzung dieser Technik sollte eher als Chance, denn als Gefährdungspotential für die Autorität der Lehrerschaft verstanden werden.
Technischer Ausgangspunkt hierzu ist die vernetzte Schule. Hier ist jeder Raum, angefangen vom Klassenraum, fortgesetzt über den Fachraum und die Bibliothek bis hin zur Schulverwaltung mit je einem Netzzugang zu versehen. Weiterhin sind jederzeit verfügbare freie Zugänge für Schüler- und Lehrerschaft in entsprechenden Räumen anzubieten. In den Klassen- und Fachräumen können mit Hilfe der (TV-)Displays oder Whiteboards auch größeren Lerngruppen entsprechende Inhalte vermittelt werden. Das Investitionsvolumen in unseren Schulen wird dabei gewaltig sein.
Für diese Finanzierung müssen zunächst einmal die Bildungsträger die Notwendigkeit der Vermittlung eines Konzeptes zum `lebenslangen Lernen´ als integralen Bestandteil unseres Bildungs- und Schullebens erkennen und akzeptieren. Schließlich ist und bleibt es eine staatliche Aufgabe, die Bildungs-qualität der Gesellschaft sicherzustellen. Warum sollte der (Landes-)Finanzminister hierzu nicht Investitionsprogramme erfinden, die bereits so erfolgreich im Wohnungsbau eingesetzt wurden?
Prof. Dr. Alf Zimmer: Neue Medien im Unterricht bergen Risiken
Auf den ersten Blick scheint Multimedia das zu bieten, wovon jeder Schüler schon oft geträumt hat, nämlich die mühelose Aneignung von Wissen. Aber was zeigt sich, wenn man multimediale Lernformen direkt auf ihre Effizienz untersucht? Im Rahmen des amerikanischen Projektes `Headstart´, wo Methoden entwickelt wurden, um die Bildungsdefizite bestimmter Bevölkerungsgruppen zu kompensieren, stellte man beispielsweise fest, daß Computer-unterstützter Unterricht tatsächlich zu einer Verbesserung der Lerneffektivität führte - allerdings nur bei denen, die schon vorher besser als der Rest der Stichgruppe gewesen waren. Das heißt - und dieses Ergebnis zeigt sich immer wieder - gerade die, deren Lerndefizite man durch diese Maßnahme kompensieren wollte, profitieren davon am wenigsten, wenn überhaupt. Ursache für dieses Ergebnis, wie auch für neue Befunde, scheint die Tatsache zu sein, daß bei interaktivem Umgang mit multimedialen Medien beim Lernenden eine genügend stabile Wissensstruktur vorher gegeben sein muß, damit er sich nicht in der virtuellen Welt verliert.
Zur Unterstützung der Lernmotivation sind multimediale Umgebungen tatsächlich geeignet. Damit sie aber zur Lerneffizienz führen, müssen die Lernstoffe so aufgebaut werden, daß der Lernende die implizite Struktur automatisch mit erwirbt. Es reicht also nicht aus, an beliebigen Stellen Links und andere Hypertext-Elemente zu verwenden, sondern man muß diese so strukturieren, daß der Lernende sich jeweils sehr schnell darüber informieren kann, wo er sich denn in der Lernlandschaft befindet, wie er zurückgehen muß, um unsicher beherrschten Stoff sicherer zu machen, oder in welche Richtung er sich für die Exploration neuer Erfahrungen bewegen muß. Untersuchungen zum explorierenden Lernen haben zeigen können, daß bei einer derartig klaren Strukturierung die Lernenden nicht nur den Stoff lernen, der unmittelbar vermittelt worden ist, sondern die zugrundeliegenden generischen Prinzipien, so daß sie im Vergleich zu herkömmlich Computer-gestützt Lernenden in der Lage sind, Aufgaben zu lösen, die über den vermittelten Lerninhalt deutlich hinausgehen, aber der Grundstruktur der Lernlandschaft entsprechen.
Moderne Multimedia-Technologien mit der Integration von Bild, Text und Akustik sowie Hypertext-Elementen haben nach Stand der vorliegenden Untersuchungen vor allen Dingen dann ein großes Potential, wenn es sich um Musterlernen und nicht um Konzeptlernen handelt, also zum Beispiel die Aufgabe eines zukünftigen Hautarztes aus bestimmten Hautpigmentveränderungen zu schließen, ob es sich um eine gutartige oder bösartige Geschwulst handelt, beziehungsweise wenn ein Theologe, Historiker oder Sprachwissenschaftler Darstellungen unterschiedlicher Quellen zu ein und derselben Thematik vergleicht. Die rasche und effiziente Identifikation von Mustern ist zweifellos für viele Wissensgebiete wichtig, aber um von der Diagnose zum Handeln zu kommen, um also träges Wissen in aktives umzusetzen, bedarf es der Analyse - und diese erfordert eine konsistente und sich selbst vermittelnde Organisation des Wissens, sonst tritt der Effekt ein, daß man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, daß sich also das Wissen hinter Fakten verbirgt. (ad)