Befehle aus Bayern – Vor 30 Jahren begann die erste deutsche All-Mission

Es war ein kleiner Schritt für die Raumfahrt, aber ein riesiger Sprung für Deutschland: Die erste von Deutschen geleitete Weltraummission startete am 30. Oktober 1985. Sie brachte aber keinen nachhaltigen Durchbruch für künftige Missionen des Landes.

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Besatzung der Mission STS 61-A

Die Beteiligten der Mission STS 61-A: Sitzend Wubbo Ockels, Henry W. Harsfield und Bonnie J. Dunbar (v.l.n.r.); stehend Guion S. Bluford, Ernst Messerschmid, Steven R. Nagel, James F. Buchli, Ulf Merbold und Reinhard Furrer (v.l.n.r.)

Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Roland Böhm
  • dpa
Inhaltsverzeichnis

Oberpfaffenhofen statt Houston: Als vor 30 Jahren, am 30. Oktober 1985, die US-Raumfähre Challenger abhob, übernahmen erstmals Deutsche das Kommando über solch eine Mission. Die Anweisungen für die acht Astronauten kommen nicht aus Texas, sondern aus dem Kontrollzentrum ein wenig westlich von München. Die Premiere fand nur drei Monate vor jenem verheerenden Unglück statt, bei dem die Challenger 73 Sekunden nach dem Start explodierte. Sieben Menschen starben im Feuerball am Himmel.

"Es hätte genauso uns treffen können", sagt Ernst Messerschmid (70) aus Reutlingen, der als deutscher Astronaut mit der D1-Mission STS-61-A ins All geflogen ist. Wie sich später herausstellte, sind auch beim deutschen Flug jene Dichtungsringe teils durchgeschmort, die als Ursache für die Space-Shuttle-Katastrophe ausgemacht wurden.

Space-Shuttle-Mission STS 61-A (15 Bilder)

Vordere Reihe (v.l.n.r.): Reinhard Furrer, Bonnie J. Dunbar, James F. Buchli;
Hintere Reihe (v.k.nr.): Steven R. Nagel, Guion S. Bluford, Ernst Messerschmid, Wubbo Ockels und Henry W. Hartsfield
(Bild: NASA)

Etwas Angst sei schon dabei, bei so einem Start, erzählt er mit Blick auf den Abflug von Cape Canaveral in Florida. "95 Prozent um einen herum ist hochexplosiver Treibstoff." Letztlich habe man als Astronaut aber generell jede Menge Vertrauen in Technik. Außerdem sei für Angst nicht wirklich Zeit gewesen, schließlich galt es, sich schon beim Aufstieg auf die ersten von 80 geplanten Forschungsversuchen zu konzentrieren.

Etwas Sorge habe er gehabt, den Anforderungen der Professoren und Doktoranden nicht gerecht zu werden, für die er in den 165 Stunden im All Versuche umsetzte, erinnert sich Messerschmid. Wie beeinflusst die Schwerelosigkeit den Körper, wollten Mediziner wissen. Lassen sich Kristalle für Halbleiter im All besser herstellen als auf der Erde? Und Kommunikationstechniker forschten an Atomuhren, die zur Grundlage für die GPS-Technik und die Navigation wurden.

Das Missions-Logo

(Bild: NASA)

Kopf des Experimentierbetriebs im Kontrollzentrum Oberpfaffenhofen war damals Ulf Merbold (74), der zwei Jahre zuvor mit der NASA als erster Westdeutscher ins All geflogen war. "Wir waren völlig euphorisch", erinnert sich Merbold später. Messerschmid war mit dem Verlassen der Erdatmosphäre nach dem DDR-Kosmonauten Sigmund Jähn (1978) und Merbold (1983) der dritte Deutsche im All. "Aber auch nur, weil ich zufällig ein Stück weiter vorne saß", scherzt er. Direkt hinter ihm saß mit Reinhard Furrer (1940-1995) der zweite Deutsche der D1-Mission.

Hansulrich Steimle (76), den damaligen Projektleiter, wundert sich noch immer, dass die US-Amerikaner nicht nur deutsche Astronauten und eine in Deutschland produzierte Nutzlast akzeptierten, sondern auch die Steuerung durch Deutsche. Besonders stolz mache ihn, dass man mit dem Budget von 300 Millionen Mark ausgekommen sei. "Da bin ich Schwabe", sagt Steimle. Welches Großprojekt schaffe das schon.

112 Mal umkreist die Challenger Ende 1985 in sieben Tagen die Erde. Die erhoffte Initialzündung für die bemannte Raumfahrt in Deutschland wurde die D1-Mission aber nicht. Die D2-Mission fand erst 1993 statt, eine geplante D3-Mission wurde gestrichen. Aus Kostengründen, denn Deutschland beteiligte sich über die europäische Weltraumorganisation ESA an der Internationalen Raumstation ISS.

"Der Trend geht zum Mond", betont Messerschmid, den die Raumfahrt bis heute nicht losgelassen hat. Das Sonnensystem vom Mond aus zu erforschen und die Entstehung des Erdtrabanten zu verstehen, habe besonderen Reiz. Ähnlich wie die Erforschung von Asteroiden. Womöglich müsse man mal einen ablenken, damit er nicht auf die Erde krache. Spannend bleibe die Frage, wie es nach dem planmäßigen Aus der ISS im Jahr 2024 weitergehe. Und dann wolle man natürlich zum Mars.

Die Idee hinter den US-Shuttles war es, defekte Satelliten im Weltall einzufangen und sanft zur Erde zurückzubringen. Günstiger sollte die Raumfahrt werden, was sich aber nicht erfüllte. Zwischen 1981 und 2011 brachten die Raumfähren Mensch und Material in den Orbit, wurden dabei zum Arbeitspferd der NASA. 135 Missionen mit sechs Shuttles gab es, die Besatzungen leisteten einen Großteil des Auf- und Ausbaus der Internationalen Raumstation ISS. Messerschmid hält die seit 2012 eingemotteten Shuttles nach wie vor für die besten Maschinen, allerdings für sehr teure. (mho)