Volksmedium Internet?
Das Internet als Volksmedium: Nico Ernst untersucht, wie der Starr-Report die Nachrichtenlandschaft verändert.
Besser hätte man es wahrlich nicht inszenieren können. Zwei Tage nach Vorlage im US-Kongreß stand der Abschlußbericht in Sachen Clinton-Lewinsky des Sonderermittlers Kenneth Starr vollständig im Netz, rechtzeitig zum Wochenende. Zuerst war das Dokument nur über das Intranet des Kongresses zugänglich, wodurch ein einzelner Computermonitor für eine halbe Stunde zum Star des Nachrichtensenders CNN avancierte. Die Korrespondentin las, ob der sexuellen Details manchmal zögernd, Passagen des Starr-Reports vor - breaking news im Wortsinne. Kurz darauf lagen die Dateien auf den öffentlichen Servern der US-Regierung und waren mit einem Schlag weltweit zugänglich.
So mancher gestandene Journalist hatte ein Problem. Die Story des Tages steckt einzig und allein in diesem Ding namens "Internet". Bis sich 455 Seiten alternativ durchs Fax gedrängelt haben, ist die Geschichte kalt. Irgendwie ist dieses "Internet" jetzt einfach unverzichtbar geworden. Auch wenn der Sprecher des Heute-Journals die Anführungszeichen am Folgetag noch deutlich betonte.
Plötzlich finden sich URLs auf den Titelseiten der Tageszeitungen in Fettschrift, werden mühsam im Radio buchstabiert, weil den ganzen Text eben keiner drucken oder gar senden kann. Wie der Golfkrieg 1991 den Sender CNN, so etablierte der Starr-Report das Internet schlagartig als begehrenswertes Medium fürs ganze Volk.
Ob nun basisdemokratischer Akt oder Teil einer perfiden Kampagne - die Veröffentlichung des Schriftstücks im Internet hat unter anderem gezeigt, daß Quellen nicht länger der exklusive Nachrichtenrohstoff des Journalisten sind. Mehr als aus dem Starr-Report und der Entgegnung von Clintons Anwälten, ebenfalls online, ist über die Affäre kaum zu erfahren.
Das Internet hat nun aber nicht nur seine Massentauglichkeit bewiesen, sondern auch, daß es sich ebenso leicht instrumentalisieren läßt wie das Massenmedium Fernsehen. Das bleibt natürlich weiterhin der Favorit, kann man damit nun wirklich jedermann billig erreichen. So ist es nur logisch, daß bald die Videos von Clintons Aussage vor der Grand Jury nachgeschoben wurden.
Die ungeheure Macht des Mediums Internet läßt sich aber auch erschreckend leicht mißbrauchen. Wenn Sie Ihrem obersten Chef öffentlich eine scheinbar sauber dokumentierte Affäre andichten wollen, brauchen Sie dazu nur Photoshop und einen Probe-Account bei AOL mit 10 Megabyte Webspace. Verleumdung nennt man so was übrigens, und es drohen bis zu fünf Jahre Haft oder Geldstrafe. Starr wendete angeblich über 40 Millionen US-Dollar auf, um die Sex-Geschichte zusammenzutragen, und er kann sich auf Beweise stützen. Aber wer fragt danach wohl noch bei digitalem Rufmord im kleinen Maßstab?
Doch die Chancen, die das Medium bietet, sind mindestens so groß wie die Risiken. Hierzulande dürften des Kanzlers sexuelle Vorlieben weit weniger Interesse erregen als zum Beispiel die Entscheidungsfindung der Volksvertreter: Was passiert in den Ausschüssen des Bundestages? Wo sind die vollständigen Berichte zu Flick und Barschel? Unter www.bundestag.de sollten sie sein. Sind sie aber nicht. Noch nicht?
Nico Ernst (ole)