Erhebliche Spannbreite

Nach den Verlagen sollen nun auch die Buchhändler flächendeckend ins Internet. Aufbruchstimmung herrscht auch bei den Online-Bücherdiensten: Bertelsmann will im November die Internet-Buchhandlung BOL einweihen.

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Von
  • Dr. Egbert Meyer

Zur Zeit siedeln bereits über 1200 deutsche Buchhändler, Grossisten und Bücherdienste im World Wide Web. Da soll demnächst der kleine Buchladen an der Ecke nicht fehlen. Für Robert Müller, Geschäftsführer der Buchhändler-Vereinigung gehört das Buch nach Software und Reisen zu den `beliebtesten Internet-Artikeln´. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels spricht sogar von einer Explosion: In den vergangenen zwei Jahren habe sich der Umsatz der Web-Buchhändler nahezu verzwanzigfacht. Der Boom beflügelt jedoch auch die Verluste.

Längst ist es kein Geheimnis mehr, daß selbst die US-Schwergewichte Amazon und die Online-Abteilung von Barnes & Noble (www.barnesandnoble.com) jenseits der Profitabilität wirtschaften. Marktführer Amazon legt zur Zeit noch bei jeder Bestellung fünf Dollar drauf. Im letzten Vierteljahr summierte sich das auf einen Verlust von über 16 Millionen US-Dollar. Nach einer im August veröffentlichten Studie des ECommerce-Beraters IceGroup kann der größte Buchhändler im Web erst ab einem Jahresumsatz von einer Milliarde US-Dollar wirtschaftlich arbeiten.

In Europa treffen Online-Buchhändler allerdings auf einen anderen Markt. Nach Einschätzungen des deutschen Verlegerverbands ist in der alten Welt der Umsatz pro Kunde wesentlich höher als in der den USA.

Mit monatlich 1,5 Millionen Mark (etwa 18 Millionen im Jahr) gehört Koch, Neff & Oettinger (KNO) in Deutschland zu den Umsatzriesen. Der Grossist fischt seit 1996 zusammen mit K&V erfolgreich im Internet (www.buchkatalog.de), aber noch nicht rentabel. Vorab profitieren vor allem rund 600 Besitzer kleinerer Buchgeschäfte, die die bei KNO/K&V bestellten Bücher ausliefern.

Von vergleichbaren Umsätzen sind die Konkurrenten noch weit entfernt. Die Erlöse der gesamten Branche würden nicht einmal den drei größten, aufs Internet-Geschäft spezialisierten deutschen Online-Bücherdiensten zum Überleben reichen. Über die Summen, die deutsche Buchhändler derzeit im Web umsetzen, herrscht noch Unsicherheit. Zumindest zeichneten sich die Einschätzungen des Branchensprechers Richard von Rheinbaben in Frankfurt durch eine erhebliche Spannbreite aus: die Anbieter dürften mit Erlösen von `50 bis 100 Millionen Mark´ bis zum Jahresende rechnen. Eleganter läßt sich der Umstand, daß die Branche bei Vorhersagen noch weitgehend im dunkeln tappt, kaum an den Mann bringen.

Selbst die prognostizierten 50 Millionen hält Georg Heusgen, Vorstand beim Online-Bücherdienst Buecher.de für `zu hoch gegriffen´. Nach seiner Schätzung liegt die Umsatzerwartung der deutschen Buchhändler im Web bis zum Jahresende `bei etwa 40 Millionen Mark´. Allein Buecher.de benötigt zur Rentabilität jedoch einen Erlös von 20 Millionen Mark im Jahr - derzeit sind es karge 3 Millionen. Doch bereits im nächsten Jahr will Heusegen die Zahl verdreifachen und `im Jahr 2000 eine ausgeglichene Bilanz vorlegen´.

Wie Heusgen leben die Spezialisten, die ausschließlich übers Internet verkaufen, zur Zeit von ihren Hoffnungen auf steile Wachstumsraten. Zusätzlich müssen sie sich Konkurrenten mit ganz tiefen Geldtaschen erwehren: Zur Eröffnung der Buchmesse überraschte der Medienkonzern Bertelsmann den Wettbewerb mit einem ambitionierten Zukauf. Mit 200 Millionen US-Dollar beteiligt sich der Gütersloher Verlagsriese zu 50 Prozent am Online-Buchgeschäft des amerikanischen Großverlegers Barnes & Noble. Jeweils weitere 100 Millionen Dollar wollen die Partner in den Ausbau das Gemeinschaftsunternehmens und den geplanten Börsengang stecken.

Die Beteiligung an Barnesandnoble.com dürfte nicht nur dem Hauptkonkurrenten Amazon, der nach dem ABC Bücherdienst auch Telebuch geschluckt hat und nun sein Deutschland-Geschäft kräftig ausbaut, das Leben erheblich schwerer machen.

Der Einkauf in den zweitgrößten Online-Bücherdienst der USA läutet eine breite Offensive des deutschen Mediengiganten ein. Noch in diesem Jahr will Bertelsmann Online (BOL) mit rund vier Millionen Buchtiteln ins Netz gehen. Der Startschuß soll Mitte November in Deutschland fallen; in kurzen Abständen folgen dann Großbritannien, Spanien, Frankreich und die Benelux-Staaten. Seit Jahresbeginn probt die Bertelsmann-Tochter Boulevard.de bereits für den großen Auftritt. Die Web-Site diente, wie Geschäftsführer Thomas Schnieders c't bestätigte, dem `Erfahrungsaufbau´ und soll nun `vollständig in BOL´ aufgehen. (em) (ole)