Intel ausgetrickst
Im Wettlauf zwischen den Prozessorfälschern und Intel haben erstere wieder einmal die Nase vorn: Eine kleine Schaltung überlistet den Übertaktungsschutz des Pentium II und ermöglicht so den Verkauf eines 266er-Modells als 400er. Der Profit: gut 350 Mark pro Stück.
- Georg Schnurer
Für einen kurzen Moment sah es so aus, als hätte Intel das Problem mit gefälschten Pentium-II-Prozessoren in den Griff bekommen: Alle aktuellen Prozessortypen besitzen einen Übertaktungsschutz in Form eines festen Multiplikators zwischen dem externen System- und dem internen Prozessortakt. Fälscher konnten so langsamere Prozessoren nicht mehr umbeschriften und als schnellere und teurere Modelle auf den Markt werfen.
Konnten, denn inzwischen haben die Fälscher den Schutz zumindest teilweise geknackt. Auf dem Markt tauchen immer häufiger 400-MHz-Prozessoren auf, die gar keine sind. Äußerlich sehen die als einzelne Prozessoren (Tray-Ware) oder als `In a Box´-Modelle mit aufgesetztem Kühlkörper und Echtheitszertifikat verkauften Fälschungen aus wie ihre echten Vorbilder. Die Beschriftung ist täuschend echt, und fortlaufende Seriennummern gaukeln auch Händlern, die größere Stückzahlen ordern, echte Ware vor.
Auch im Betrieb verhalten sich die Fälschungen wie erwartet: Der Pentium-II arbeitet mit 400 MHz und meldet sich korrekt als CPU, die für einen externen Systemtakt von 100 MHz ausgelegt ist. Auch der Multiplikator ist, wie bei den Originalen, auf `x 4´ fixiert. Nach längerem Betrieb kommt es dann aber zu unsystematischen Abstürzen und wirren Fehlermeldungen, die man aber anfangs eher dem Betriebssystem als dem Prozessor zuordnet.
Innenleben
Für geschulte Augen sind die Fälschungen leicht an einer Nachlässigkeit zu erkennen: Ein Blick von unten in den Prozessor hinein zeigt deutlich, daß die Wärmeleitpaste zwischen der als Kühlblech dienenden Alu-Rückseite des Prozessors und den beiden Speicherchips fehlt. Wer einen 400er-Prozessor mit diesem Merkmal besitzt, sollte ihn so schnell wie möglich bei seinem Händler reklamieren.
Arbeitet man sich weiter ins Innere der CPU vor, so entdeckt man darin eine kleine schwarz vergossene Platine. Weitere Manipulationen offenbart ein Blick auf die Rückseite der Prozessorplatine. Hier wurden die beiden Widerstände R5 (0 Ohm) und R6 (0 Ohm) entfernt.
Tatsächlich handelt es sich bei den Prozessoren nämlich um 266er, die von Intel nur für einen externen Systemtakt von 66 MHz vorgesehen sind. Die beiden Widerstände sorgen normalerweise dafür, daß der Kontakt B21 am Prozessorsockel auf Masse gezogen wird, was dem Motherboard signalisiert, daß es sich hier um eine 66-MHz-CPU handelt. Darüber hinaus beeinflußt die Beschaltung von R5 und R6 auch interne Register des Prozessors.
Von dem neuen Fälschungstyp dürften einige im Umlauf sein. Allein die von uns entdeckte Quelle in Polen lieferte an Händler Chargen von jeweils 300 Stück. Hierbei handelte es sich vornehmlich um `Boxed´-Modelle, also Prozessoren mit fest angeschraubtem Kühlkörper und Echtheitszertifikat. Auf Anfrage bestätigte Pressesprecher Heiner Genzken, daß Intel der Fälschungstyp bereits bekannt ist. Allerdings sei bislang nur Tray-Ware, also lose Prozessoren ohne Kühlkörper, entdeckt worden.
Als Quelle nannte Genzken verschiedene Werkstätten im asiatischen Raum. Eine Fertigungsstätte in Polen sei Intel bislang noch nicht bekannt. Er gehe davon aus, daß es sich hier lediglich um einen Zwischenhändler handele. Die Herstellung und der Vertrieb gefälschter Pentium-II-Prozessoren sei, so berichtete Genzken, fest in der Hand von gut organisierten Banden, die das Geschäft im großen Stil mit viel Geld in der Rückhand betrieben.
Intel würde gegen die Fälscher mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln vorgehen. Neben der Strafverfolgung seien das auch neue technische Maßnahmen. Wie diese aussehen sollten, wollte uns der Intel-Pressesprecher aber nicht verraten. Bleibt zu hoffen, daß Intel sich endlich zu einem wirkungsvollen Fälschungsschutz durchringt und sich nicht wie bisher auf `Security by Obscurity´ verläßt.
Bei genauerer Betrachtung der aktuellen Fälschungen stellt man fest, daß es Intel den Manipulatoren nicht besonders schwer gemacht hat: Die schwarze Alu-Rückwand des Prozessors hat bereits die typischen quadratischen Vertiefungen. Der Deschutes-Prozessorkern ist in der verwendeten Bauform theoretisch für Taktraten bis 400 MHz geeignet. Die beiden Speicherbausteine des L2-Caches eignen sich zumindest nach der aufgedruckten Zugriffszeit (5,0 ns) für 200 MHz (400/2, halber Prozessortakt).
Damit aus diesem 266er nun nicht einfach durch Umlöten von R5 (1 Kilo-Ohm) und R6 (3,3 Kilo-Ohm) ein Pentium-II-400 wird, besitzt er einen Übertaktungsschutz. Dieser nutzt den Prozessorpin D15 und tastet nach einem Reset B21 ab. Nur wenn er auf Masse liegt, läuft der Prozessor an.
Hier setzt die Schaltung der Fälscher an. Sie wird von Reset aktiviert und zieht D15 nach einer kurzen Verzögerung auf Masse. Nach einer Weile gibt sie den Kontakt wieder frei, und ein interner Pullup-Widerstand im Prozessor zieht ihn wieder auf High. Damit bleibt der B21 aus Sicht des Boards auf High, und die CPU arbeitet mit 400 MHz.
Einen ähnlichen Effekt würde man auch erreichen, wenn man R5 entfernt und R6 mit einem 0-Ohm-Widerstand bestückt. Allerdings ließe sich die Manipulation dann per Software erkennen. Der Pentium II speichert den Zustand von D15 nämlich nach dem Reset in einem internen Register. Um einen echten 400er vorzugaukeln, darf D15 zu diesem Zeitpunkt also nicht mehr auf Masse liegen.
Zukünftige Fälschungen
Wer nun hofft, daß den Fälschern mit dem langsamen Wegfall des Pentium-II-266 das Rohmaterial ausgeht, ist zu optimistisch. Intel selbst sorgt mit den aktuell ausgelieferten 300- und 400-MHz-Modellen für geeigneten Nachschub. Diese verwenden teilweise bereits den Deschutes-Prozessorkern im Flip-Chip-Gehäuse, der sich für Taktraten von 450 und mehr MHz eignet. Auch die Zugriffszeiten (5,0 ns) der dort verwendeten Cache-Bausteine kommt den Fälschern entgegen. Entsprechend gekühlt dürften sie eine Weile lang auch bei 450 MHz keine Probleme bereiten. Echte 450er arbeiten schließlich mit nicht viel schnelleren Bausteinen (4,4 ns). (gs) (gs)