Das Netz ist immer und überall

Das Internet entwickelt sich und die Zukunft beginnt genau jetzt: Das hat auch IBM erkannt und setzt auf neue Applikationen, mehr Geschwindigkeit, aber auch ein völliges Durchdringen aller Bereiche des Alltags durch das Netz.

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Von
  • Norbert Luckhardt

Bandbreite, Bandbreite, Bandbreite ... tönt es allerorten - wider den Stau auf der Datenautobahn. Doch das ist den IBM-Auguren nicht genug. Anlässlich der Eröffnung des zweiten IBM-Anwendungszentrums für die nächste Internet-Generation im holländischen Zoetermeer sagte der europäische IBM-Koordinator für Advanced Internet Projects, Bert Dekkers: ‘Es ist eine Illusion zu glauben, wenn wir nur die dicken Leitungen hätten, würde das alle Probleme lösen.’ Richard M. Wall, Leiter der IBM-Projektgruppe Next Generation Internet, prophezeit: ‘Bandbreite wird es im Überfluss geben.’ Die Zahl der Internet-Teilnehmer verdoppelt sich nach IBM-Angaben alle 18 Monate, der elektronische Geschäftsverkehr jedes halbe Jahr - die Bandbreite sogar alle vier Monate.

Das neue Internet wird mehr sein als nur ein Hochgeschwindigkeitsnetz: Die Anwendungen sind entscheidend. Es geht nicht um die Möglichkeiten der Technik, sondern darum, was der Mensch damit anfangen kann - einfach, immer und überall. So formuliert IBM auf seiner Next Generation Internet Website das Ziel. Um den Traum des ‘e-everything’ zu verwirklichen, benötige man zudem naturgemäße, immersive Kommunikationsstandards mit Bild und Ton. Dabei solle man nicht versuchen, fotorealistische Abbilder der wirklichen Welt zu schaffen, sondern eine intuitive Umgebung erschließen, die auf bekannten Objekten aus dem Alltag basiert. Das Netz an sich müsse skalierbar, verlässlich und sicher arbeiten.

Nach einer IDC-Studie gehen in drei Jahren nur noch 65 Prozent des Internet Traffic von PCs aus - der Rest stammt von Handys, PDAs, Set-Top-Boxen, Terminals, die in ein Telefon eingebaut sind und so weiter. IBM erwartet, dass irgendwann praktisch jedes Gerät ab 20 Dollar mit Netzzugang ausgestattet sein wird: Feuchtigkeitssensoren in Bäumen kommunizieren direkt mit dem Bewässerungssystem, das Hundehalsband und der Schlüsselanhänger senden Informationen über den Aufenthaltsort. Kranke können sich von zu Hause ferndiagnostizieren lassen und unter Beobachtung auskurieren. Wenn man einen Raum betritt, passt sich die Temperatur automatisch den persönlichen Vorlieben an. Ein bisschen erinnert das alles an eine Mischung aus Raumschiff Enterprise und Big Brother ... Aber IBM will auch Datenschutzinteressen und - wo angebracht - Anonymität gewahrt sehen.

Richard M. Wall

Richard M. Wall äußerte im Gespräch mit c't noch eine weitere Vision: ‘Stellen Sie sich vor, Sie sehen fern und Ihnen gefällt die Lederjacke eines Darstellers. Ein Tastendruck und der Film stoppt. Ein Mausklick auf die Jacke des Filmhelden liefert dann nähere Informationen: über Material und Hersteller, was sie kostet, wo man sie kaufen kann. Bleibt die Frage, ob sie nur Arnold Schwarzenegger steht oder auch zu Ihrer Statur passt ... das beantwortet dann eine animierte Präsentation.’ Klar, dass man auch online bestellen und bezahlen kann - vielleicht möchte man vorher noch eine Bekannte virtuell nach ihrer Meinung fragen. ‘Die Entwicklung 'intelligenter' Anwendungen wird ein wichtiger Faktor sein.’

c't: Welche Anwendungen werden noch typisch sein für die nächste Internet-Generation?

Wall: Zunächst einmal: Videokonferenzen und andere Formen der virtuellen Zusammenarbeit - mit flimmerfreiem Bild und HiFi-Ton. Aber auch ganz allgemein Audio- und Video-Speicherung auf Abruf, beispielsweise Fernsehen über IP. Nicht zuletzt multimediale E-Commerce-Anwendungen, die einfach mehr Leben ins Web bringen.

Zudem werden die hohen Bandbreiten verschiedenste Remote-Applikationen erlauben: Etwa die ortsunabhängige Visualisierung und Auswertung riesiger medizinischer Bilddatenmengen, wie sie beispielsweise von IBM und der Universität Amsterdam in dem Pilotprojekt ‘Virtual Radiology Explorer’ mit animierten 3D-Scans eines Kernspintomographen (MRI) erfolgt. Oder auch die vollständige Fernsteurung eines Elektronenmikroskopes über TCP/IP in Echtzeit, die wir bereits in Kooperation mit der Universität Delft vorgeführt haben.

c't: Wann wird der Umbruch kommen?

Wall: Es geht ja nicht um den Aufbau eines komplett neuen Systems. Das Internet wird nicht ersetzt, sondern entwickelt sich weiter. In etwa einem Jahr werden wir neben einem deutlichen Bandbreitenzuwachs auch ein verbessertes Bandbreitenmanagement, mehr Sicherheit und bessere Verzeichnisdienste erleben - mehr Quality of Service.

c't: Welche Rolle werden der Sicherheitsstandard IPSec und SmartCards dabei spielen?

Wall: Sicherheit und Datenschutz sind entscheidend für die Akzeptanz sowohl durch Anbieter als auch Nutzer. IBM setzt dabei auf offene Standards - neben IPSec gibt es viele weitere. SmartCards werden sicherlich eine tragende Rolle spielen: Sie sollten zu jeder Zeit an jedem Ort verwendbar sein.

c't: Wenn wir auf die Ursprünge des Internet zurückblicken, war IBM als Hauptsponsor des Wissenschaftsnetzes BITNET einer der Schrittmacher. Zwischenzeitlich denkt man nicht mehr gleich an IBM, wenn es um ‘das Netz’ geht. Will die Firma mit ihrem Next-Generation-Internet-Programm die alte Führungsrolle zurückerobern?

Wall: Wir waren immer dabei - auch wenn das nur wenige Menschen wissen oder sich daran erinnern. IBM hat TCP/IP von Anfang an in allen Betriebssystemen unterstützt. IBM war einer der ‘Original Technology Partners’ beim Aufbau des NSFnet, dem ursprünglichen Backbone des Internet.

Wissen Sie, wofür ‘BIT’ in BITNET stand? ‘Because it’s time.’ Das BITNET ist ja im Übrigen nicht zusammengebrochen, sondern hatte sich ebenfalls weiterentwickelt und war über das frühe Internet nutzbar - es war einfach Zeit für den nächsten Schritt. Jetzt beginnt ein neuer Zyklus. Die Geschichte wiederholt sich. (nl) (nl)