Der Kugelmensch

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Von
  • Tim Gerber

Der Kugelmensch

Es lässt sich nun kaum mehr leugnen, die bequeme Arbeit am Computer fordert ihren Tribut. Ich nehme unaufhaltsam zu und müsste etwas dagegen tun. Womöglich wird man lieb gewordene Gewohnheiten aufgeben müssen, um der fortschreitenden Gewichtszunahme Einhalt zu gebieten. Wer tut das schon gern? Der Mensch ist schließlich ein Gewohnheitstier.

Als mögliches Opfer kam mir die beliebte Angewohnheit des allmontäglich abendlichen Schnitzelessens mit den hartgesottenen Kollegen aus der Hardware-Fraktion in den Sinn. Ein schrecklicher Gedanke, den Gaumenfreuden von Schweinefleisch und reichlich Gerstensaft entsagen zu sollen. (Wo Stiller & Co das nur hinstecken? Ob Testgeräterücken tatsächlich so schwer ist?) Doch just an diesem düsteren Tiefpunkt meiner Erwägungen durchzuckte mich die erlösende Erleuchtung wie ein Kugelblitz.

Meine Großmutter hatte es schließlich schon vor knapp 30 Jahren kommen sehen: Die Menschen des nächsten Jahrtausends werden Kugelmenschen sein mit verkümmerten Gliedmaßen, die sich allenfalls noch eignen, auf irgendwelche Knöpfe zu drücken. Heraufbeschworen hatte diese Vision der lebensklugen alten Dame eine mechanische (!) Brotschneidemaschine aus dem Sortiment des VEB "Krananlagen und Büchsenöffner". Ihre Freundin in Köln habe sogar eine elektrische Variante, wo man nur mehr auf einen Knopf drücken müsse, wusste die reiseprivilegierte Rentnerin zu berichten. Sie könne ihr Brot mit dem Messer schneiden und dieser neumodische Kram sei alles Schnickschnack. Aber die kommenden Generationen, blickte sie mitleidig auf den Enkel, würden eben aus Kugelmenschen bestehen, die nur noch auf Knöpfe drücken können.

Alles, was man nicht gebraucht, verkümmert, führte sie mich in die Gesetze der Evolution ein. Daher haben die Menschen auch keine Schwänze mehr, seit sie nicht mehr auf Bäumen leben. Und obwohl Großmütterchen keine Computer und daher weder Ergo-Mäuse und Natural-Keyboards noch Reset-Knöpfe und Fire-Buttons kannte, ist ihre Vision vom Kugelmenschen die bestechend logische Folge.

Immerhin darf die Spezies wohl noch auf einige Zeit drei Finger behalten, bis die Spracherkennung im Netzteil auf das Zauberwort "Affengriff" hin den abgestĂĽrzten Rechner neu startet. Die Entwicklung ist unaufhaltsam. Da hilft es auch nichts, Schokoladenriegel nur noch in virtueller Form zu konsumieren, wie sie seit dem Editorial 23/99 vermehrt als E-Mail-Anhang in der Redaktion eingehen. Es mag zwar sein, liebe Kollegin Maria Benning, dass die meiste Software noch viel zu unergonomisch ist. Aber das trainiert allenfalls den ohnehin einzig verbleibenden KnopfdrĂĽckmuskel.

Und auch Massagen per Force-Feedback werden den Abbau von an sich bereits überflüssigen Muskeln nur für ein kleines Weilchen aufhalten. Genau so lange, bis uns sämtliche Sinneswahrnehmungen direkt per Schnittstelle ins Gehirn überspielt werden. Evolution ist eben Evolution, zwangsläufig und unaufhaltsam. Und Naturgesetze bleiben unumstößlich. Ich kann nichts dagegen tun - Großmutter sei Dank.

Tim Gerber

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