Billig ist relativ
Das Internet-Auktionshaus Ricardo, das vielfach Waren auf eigene Rechnung versteigert, hat seine Kunden in vielen Fällen mit falschen Richtpreisen irregeführt. Bei einer Überprüfung durch c't erwiesen sich rund zwei von drei unverbindlichen Preisempfehlungen, die Ricardo nannte, als falsch.
- Maria Benning
- Holger Bleich
‘Auf Internet-Auktionen entscheidet der Kunde, was ihm ein Produkt wert ist und wie viel er dafür zahlen will. Überhöhte Preise kann es deshalb gar nicht geben’, sagte Ricardo-Sprecher Matthias Quaritsch jüngst gegenüber c't. Als scheinbaren Service für Auktionsteilnehmer, die keine passende Preisvorstellung für das anvisierte Produkt im Kopf haben, führt das Auktionshaus, das bei vielen Angeboten Versteigerer und Verkäufer zugleich ist, die unverbindliche Preisempfehlung für die Waren mit auf. Die Zahlen sollen dem Kunden Richtwerte geben zur Preisgestaltung bei der Versteigerung.
Eine zweifelhafte Orientierung: c't hat einen Tag lang die Preisempfehlungen zu sämtlichen EDV- und Hifi-Produkten, die auf Ricardos so genannter Live-Auktion angeboten wurden, überwacht und mit den Angaben der Hersteller verglichen. Dabei stellte sich heraus, dass rund zwei Drittel der von Ricardo angegebenen unverbindlichen Preisempfehlungen falsch waren.
Eine Sony-Playstation 7502 etwa wurde von Ricardo am 11. Februar mit der unverbindlichen Preisempfehlung 299 Mark versehen. Sony selbst gibt den Richtpreis für die Spielekonsole aber mit 249 Mark an. Versteigert wurde das Produkt schließlich für 234 Mark - ein Höchstgebot, das möglicherweise niedriger ausgefallen wäre, wenn Ricardo die Preisempfehlung nicht um 50 Mark zu hoch angegeben hätte.
Um ganze 160 Mark wichen Ricardos Angaben bei den populären 3Com-Palms von den Vorgaben des Herstellers ab. Verdutzt reagierte eine Mitarbeiterin von Palm-Computing, als sie erfuhr, dass Ricardo den 3x mit einer Preisempfehlung von 729 Mark anbietet, obwohl Palm selbst dem Einzelhandel einen Verkaufspreis von 569 Mark empfiehlt. Für den Palm zahlte der Meistbietende auf der Auktion schließlich 622 Mark.
Ricardo gibt auch da Preisempfehlungen an, wo die Hersteller selbst keine kennen. Bulkware etwa wird von den Hamburger Auktionatoren mit einer unverbindlichen Preisempfehlung versehen, obwohl solche Produkte im Einzelhandel oft gar nicht erhältlich oder zumindest nicht preisempfohlen sind. So könnte laut Ricardo der Hersteller Iomega sein ZIP 100-Laufwerk mit 189 Mark veranschlagen. Iomega selbst sieht das anders: Für das Produkt bestehe keine Preisempfehlung, es werde aber in der Regel für 130 bis 140 Mark gehandelt, so ein Mitarbeiter der Firma.
Insgesamt ergab die Überprüfung, dass bei 27 auf der Live-Auktion angebotenen HiFi- und EDV-Produkten 18 unverbindliche Preisempfehlungen falsch waren. Elfmal lagen Ricardos Richtpreise höher als die der Hersteller. In vier Fällen existiert die Preisempfehlung nur bei Ricardo, nicht aber beim Hersteller. Dreimal allerdings unterboten die Versteigerer die Hersteller: Im Falle eines JVC-TV-Geräts sogar um über 1000 Mark: Der Hersteller empfiehlt 3999 Mark, Ricardo gab 2990 Mark an. Typische Straßenpreise liegen allerdings noch weit darunter, so kostete das TV-Gerät bei Pro-Markt nur 2499 Mark. Mitunter widersprechen sich die Preisangaben für ein und dasselbe Produkt sogar innerhalb der Auktion, so etwa bei einem Sharp-Fernseher, der zunächst mit 749 Mark, einen Klick weiter aber plötzlich mit 2049 Mark angegeben wurde.
Konfrontiert mit dem Ergebnis der Stichproben sprach PR-Manager Quaritsch von ‘unglücklichen Zufällen’, hinter denen ‘keine böse Absicht’ stecke. ‘Die Waren liegen zwei Wochen bis drei Monate bei uns im Lager. Da kann es schon mal zu Preisänderungen kommen’, ließ er verlauten. Nachfragen bei Herstellern ergaben jedoch, dass die Preisempfehlungen schon länger als drei Monate galten, teilweise, etwa bei Panasonic, sogar länger als ein Jahr.
Unlauterer Wettbewerb
‘Ricardo will nicht teuer sein, sondern billige Verkäufe ermöglichen, weil nur das für gute Mund-zu-Mund-Propaganda sorgt’, betonte der Auktionssprecher. Die Recherchen aber zeigten, dass überhöhte Preisempfehlungen und ‘billige Verkäufe’ keine Widersprüche sein müssen: Denn wer mit seinem Höchstgebot unter Richtpreisniveau bleibt, dürfte subjektiv das Gefühl haben, billig einzukaufen, auch wenn das objektiv nicht den Tatsachen entspricht. Umso weniger, wenn man bedenkt, dass die Preisempfehlungen für EDV- und Hifi-Produkte im Straßenpreis in der Regel unterschritten werden.
Rechtlich ist ein Händler zwar nicht verpflichtet, sich an die unverbindliche Preisempfehlung des Herstellers zu halten. Eigenständig abwandeln darf er sie aber nicht. ‘Wer im geschäftlichen Verkehr zu Zwecken des Wettbewerbs über Preislisten irreführende Angaben macht, kann auf Unterlassung der Angaben in Anspruch genommen werden’, heißt es im ‘Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb’. Das bedeutet: Wettbewerber und Hersteller, deren Produkte bei Ricardo falsch ausgepreist sind, können gegen das Auktionshaus vorgehen. Geprellte Kunden dagegen bleiben auf ihren überteuerten Schnäppchen sitzen.
Durch die c't-Recherchen aufmerksam geworden hat Panasonic die Hamburger Versteigerer per Abmahnung zur Unterlassung aufgefordert. Auch Philips kündigte eine genaue Überprüfung an. Nicht nur wegen der zweifelhaften Preisempfehlungen zeigte sich der holländische Elektronik-Riese verärgert: Ricardo preist mit dem CDRW-400 24fach-Brenner ein Philips-Markengerät an, bei dem es sich aber in Wirklichkeit um ein No-Name-Produkt handelt.
Selbst da, wo die Preisangaben mit denen der Hersteller übereinstimmen, ist der über Ricardo abgewickelte Handel lange nicht perfekt: Seit Wochen schon wird den Hamburger Versteigerern vorgeworfen, bereits verkaufte Waren nur mit großer Verzögerung oder überhaupt nicht auszuliefern. Verärgerte Kunden haben inzwischen sogar Strafanzeige wegen Verdachts auf Betrug erstattet.
Ricardo-Vorstandsvorsitzender Christoph Linkwitz wandte sich unterdessen mit einem Entschuldigungsschreiben an die Presse und versprach, ‘dass alle Produkte geliefert werden oder - ersatzweise - das Geld erstattet wird’. Aber abseits der Ankündigungen geht das dubiose Versteigern virtueller Ware munter weiter. Thomas S. jedenfalls wartete bei Redaktionsschluss immer noch auf einen 100-Hz-Fernseher, den er am 22. Januar bei Ricardo ersteigert hat. Obwohl das TV-Gerät allem Anschein nach nicht lieferbar ist, konnte S. täglich zusehen, wie genau dieser Typ Fernseher unverdrossen weiter versteigert wurde.
Ricardos Hotline spielt Lighthouse-Family; S. kann wegen der langen Wartezeiten schon auswendig mitsingen. Trotz Leuchtturm ist kein Ende in Sicht. Dabei hat Ricardo just dieser Tage den ‘GDI-E-Shop-Award’ des Schweizer Gottlieb-Duttweiler-Instituts gewonnen, eine Auszeichnung, die auf wegweisende Shop-Lösungen im Internet verweisen will. Ricardo, heißt es in der Preisbegründung, biete bessere Preise, besseren Service und mehr Spaß als herkömmliche Shops. Auch Spaß ist halt relativ. (mbb/hob) (hob)