Tastenkünstler
Unterhalb der Mini- und Subnotebooks tummeln sich Rechenzwerge, die den Alltag organisieren, Daten und Anwendungen portabel machen oder sogar WAP wagen. Aber wer braucht welchen Zwerg?
- Dr. Thomas J. Schult
Ob im Bett, in der Bahn oder im Betrieb: Wer Daten und Programme an unterschiedlichen Orten parat haben will, braucht einen Mobilrechner. Will er dabei Funktionen nutzen, die über Office-artige Anwendungen hinausgehen, kommt für ihn in der Regel ein Kleinstrechner mit Standard-Betriebssystem wie Windows 98 in Frage. Die kleinste Klasse solcher Windows-Rechner (‘Mini-Notebooks’) steht im nachfolgenden Artikel ab Seite 120 auf dem Prüfstand.
Wenn Standard-Anwendungen reichen, geht es auch preiswerter: Personal Digital Assistants (PDAs) der Klasse Handheld PC Pro [1] kosten deutlich weniger, laufen aber viel länger als Mini-Notebooks. Der Haken an der Sache: Auf ihrem Betriebssystem Windows CE funktionieren nicht die üblichen Windows-Programme. Das gilt auch für andere Kleincomputer, ob das Betriebssystem CE, Palm OS oder EPOC heißt.
Wer seinen Mini-Computer in die Jackentasche stecken oder nicht mehr als 1500 Mark ausgeben will, schaut sich eine Größenklasse tiefer um: bei den PDAs im klassischen Format. Im Unterschied zu den billigen elektronischen Datenbanken von Firmen wie Brother, Casio und Sharp synchronisieren solche mindestens 300 Mark teuren PDAs sich mit einem PC, sodass man Daten auf dem Gerät aktualisieren kann, das gerade am nächsten liegt - egal ob Desktop-PC oder Kleinstcomputer. Koppelt man später einmal PDA und PC per Kabel oder Infrarot, so tauschen sich die beiden automatisch über diejenigen Daten aus, die seit der letzten Verbindung eingegeben oder verändert wurden.
Mobile Manager
Bei den Daten kann es sich etwa um Termine, Aufgaben, Adressen, Notizen, E-Mails oder Texte handeln; die bei allen PDAs eingebauten Anwendungen zur Verwaltung solcher Daten laufen unter dem Titel Personal Information Manager (PIM). Es gibt sie auch für den PC, beispielsweise Microsoft Outlook oder Lotus Organizer. Wer ein solches PIM-Programm bereits nutzt, sollte dies zum Ausgangspunkt einer PDA-Kaufentscheidung machen und sich fragen, welches Gerät er mit diesem PIM-Programm synchronisieren kann. Manchmal ist dabei die Anschaffung von zusätzlicher Software wie IntelliSync oder Desktop to Go nötig, welche die Brücke zwischen PIM auf PDA und PIM auf PC schlägt. Daten wird man im Regelfall weiter auf dem PC eingeben, weil dies umso mühsamer ist, je kleiner das aufnehmende Gerät ausfällt. Auch wer bisher am großen Computer noch nicht mit einem PIM gearbeitet hat, kann ein vielen PDAs beiliegendes PC-Programm dieser Kategorie nutzen, das allerdings nicht so mächtig wie etwa Outlook ist.
Während PDAs also auf ähnliche Typen von Daten spezialisiert sind, unterscheidet sich die Art und Weise, wie die Daten eingegeben werden. Bei Stift-PDAs [2, 3, 4] kritzelt der Anwender mit einem kleinen Plastikstift einzelne Buchstaben aufs Display, die ein eingebauter Schrifterkenner analysiert, oder tippt auf die Tasten einer winzigen virtuellen Tastatur auf dem Bildschirm. Perlen aus dem riesigen Softwareangebot für die marktführenden Stift-PDAs unter Palm OS stellt der Artikel in c't 7/2000 ab Seite 138 vor.
Tastatur-PDAs, die Thema dieses Artikels sind, werden dagegen wie Miniatur-Notebooks gestaltet - oben das Display, unten die QWERTZ- oder QWERTY-Tastatur, die sich aufgrund ihres Taschenrechnerformats mit höchstens zwei Fingern gleichzeitig betippen lässt. Dennoch geht die Eingabe in der Regel flotter von der Hand als bei Stift-PDAs, die wiederum kleiner sind und oft sogar in die Hemdentasche passen. Neben der PIM-Präferenz auf dem PC muss diese Alternative bei der Kaufentscheidung vorrangig behandelt werden.
Der letzte Mohikaner
Die dritte Stufe der Entscheidungsfindung sollte in der Wahl des Betriebssystems und damit der mitgelieferten Anwendungen bestehen, die mit dem System untrennbar verbunden sind. Während die oben angesprochenen Riesen-PDAs (‘Handheld-PC Pro’) sämtlich unter Windows CE laufen, spielt dieses Betriebssystem bei den hier getesteten kleineren PDAs keine dominierende Rolle - nachdem Philips, Casio, Compaq und LG Electronics keine CE-Geräte dieser Klasse mehr bauen, hält nur noch Hewlett-Packard die Fahne dieser von Microsoft ‘Handheld-PC’ genannten Kategorie hoch. Weil sich die Stift-PDAs unter CE größerer Beliebtheit erfreuen, ist es ungewiss, ob es diese Tastatur-Handhelds mittelfristig überhaupt noch geben wird.
Den Platzhirsch in der hier vorgestellten Geräteklasse stellt zumindest in Europa die britische Edelschmiede Psion mit ihrem Betriebssystem EPOC dar. Seit kurzem kommen EPOC-PDAs aber nicht nur von Psion: Ericsson fügt den Geräten einige Kommunikationsanwendungen hinzu und verkauft sie unter eigenem Namen, Oregon Scientific baut gleich eigene PDAs und lizenziert Betriebssystem wie Anwendungen von Psion. Generell finden sich unter EPOC die ausgefeiltesten Anwendungen, insbesondere bei den mitgelieferten Programmen. Eine Textverarbeitung mit Formatvorlagen und Diagrammen, die sich in Texte einbetten lassen, findet man sonst nirgendwo.
Dafür punktet Windows CE bei Microsoft-Fans: Die Oberfläche ähnelt entfernt den großen Brüdern Windows 95 und Microsoft Office; einfache Office-Dokumente lassen sich mit der Maus auf den PDA übertragen (wobei automatisch konvertiert wird) und dort weiterbearbeiten. Auch EPOC bietet Konvertierungsfunktionen, wohingegen die anderen PDAs mit Office-Dateien nichts anfangen können.
Die Tastatur-PDAs von Casio, Sharp, Hexaglot und Siemens laufen unter proprietären Betriebssystemen, für die es keine zusätzliche Software gibt - lediglich Sharp stellt eine Entwicklungsumgebung und einige Programme für den ZQ-750M zur Verfügung. EPOC- und Palm-OS-PDAs profitieren dagegen von einem riesigen Softwareangebot, dessen Höhepunkte wir in diesem Heft vorstellen. Ausgewählte Software für Windows CE wird Thema eines Beitrags im nächsten Heft sein.
Intuitive Assistenz
Bei den weit verbreiteten PDA-Plattformen Palm OS, EPOC und Windows CE kann man sicher sein, ein leicht bedienbares Gerät zu bekommen. Mit Anwendungs- und Pfeiltasten, Enter- und Menütaste kommt man fast überall durch: Anwendung auswählen, in Daten navigieren, Menüs anklicken oder sie zunächst einmal per Menütaste auf den Bildschirm bringen. Das Handbuch braucht man höchstens bei Ansprüchen, die über die alltägliche Organisation hinausgehen. Nur die SF-Serie von Casio schafft es durch ihr originelles Bedienkonzept, jeden Anwender ans Handbuch zu zwingen.
Generell stellt die Arbeit mit PDA-Software immer einen Kompromiss dar. Der kleine Bildschirm verwehrt beim Betrachten eines Dokuments den Überblick, die Augen tränen beim Blick auf monochrome, schlammfarbene Displays mit schlechtem Kontrast, Daten gehen verloren, wenn die Batterien nach wenigen Wochen leer sind, Texte müssen bei vielen Geräten bereits nach wenigen Zeilen enden, die Finger wirken angesichts der Mini-Tasten so dick wie Weißwürste und verknoten sich regelmäßig beim Versuch, deutsche Umlaute einzugeben - lediglich der HP Jornada 680 berücksichtigt unser Alphabet in gewohnter Weise. Daher sollte man einen PDA nur für solche Aufgaben kaufen, die man unterwegs tatsächlich bewältigen muss, nicht für solche, die man ebenso gut am PC erledigen kann.
Auch die benötigten Kommunikationsfunktionen bedürfen einer Analyse vor dem Kauf. Der Siemens-PDA ist bereits WAP-fähig (Wireless Application Protocol [5, 6]) und kann damit unterwegs ausgewählte, auf die kleinen Geräte zugeschnittene Internet-Angebote nutzen. Angesichts der hohen Kosten für drahtlose Internet-Verbindungen stellt dies aber ein teures Spielzeug dar. Außerdem setzen sie ein Handy mit eingebautem Modem voraus.
Den meisten dürfte es reichen, ihre Mailbox am PC mit dem PDA zu synchronisieren, um neu eingetroffene E-Mails portabel zu machen und unterwegs geschriebene abzusenden. Ein eigener mobiler Internet-Zugang ist dann gar nicht nötig, auch nicht für das Herunterladen von Informationsdiensten über Internet-Channels, etwa mit dem populären AvantGo.
Ein richtiger kleiner Browser liegt zwar den EPOC- und Windows-CE-Geräten bei; das Surfen macht jedoch bei dem kleinen Display und erst recht bei der Monochromdarstellung der EPOC-PDAs keinen Spaß.
Nicht nur beim Internet stechen die teuren EPOC- und CE-Geräte die Billigkonkurrenz aus: Sie können (bis auf OsariS und Revo) Sprachnotizen aufzeichnen und bieten die Möglichkeit, Daten zu sichern und den Arbeitsspeicher zu erweitern: Ein Einschub für CompactFlash-Karten sorgt für genügend dauerhaften (nicht von Stromverlust bedrohten) Speicherplatz; der HP Jornada 680 kann sogar PC Cards schlucken und erschließt sich damit ein großes Peripherie-Potenzial - sofern die PC-Card-Hersteller Treiber für Windows CE mitliefern. Sein Farbdisplay erfreut die Augen zudem, was der Anwender allerdings mit einer im Vergleich zu Monochromgeräten kurzen Laufzeit bezahlt.
Da ein PDA in der Regel zum kurzen Nachschauen einer Telefonnummer oder eines Termins genutzt wird, kann selbst der farbige HP bei normaler Nutzung tage- oder wochenlang laufen. Seine Laufzeit von 4,5 Stunden im Dauerbetrieb führt also nicht dazu, dass er im Alltag mehrmals täglich zum Laden muss, solange man nicht tatsächlich stundenlang tippt.
Wir messen diese Zeit, indem wir die Geräte mit gleichen Batterien ausstatten (oder die Akkus voll laden) und im Sekundentakt eine Taste in einer Textanwendung drücken lassen, sodass die Displays kontinuierlich zum Anzeigen gezwungen werden und sich nicht nach kurzer Zeit stromsparend abschalten. Auch im ausgeschalteten Zustand verbrauchen allerdings die meisten Geräte Strom, weil sie über keine Festplatte verfügen, sondern die Daten im Arbeitsspeicher behalten. Daher befinden sich die meisten PDAs beim Anschalten auch im Handumdrehen in dem gleichen Zustand wie beim Ausschalten.
Testberichte und -ergebnisse lesen Sie in Heft 7/2000 ab Seite 110: Siemens IC35 The Unifier, Psion Serie 5mx Pro, Oregon OsariS, Psion Revo, HP Jornada 680, Sharp ZQ-750M, Casio SF-7200SY, Hexaglot EG 5000PC.
Literatur
[1] Jürgen Rink: Zwergenaufstand, Handheld-PC Pro: Windows CE im Maxiformat. c't 2/00, S. 160
[2] Thomas J. Schult: Colorganizer, Stift-Organizer mit und ohne Farbdisplay. c't 13/99, S. 172
[3] Thomas J. Schult: Dreieiige Drillinge, Palm-Clones machen dem meistverkauften Organizer Konkurrenz. c't 2/00, S. 72
[4] Thomas J. Schult: Farbwahl, 3Com-Organizer Palm IIIe, IIIc und Vx. c't 5/00, S. 94
[5] Richard Sietmann: Mobil ins Internet, Wireless Application Protocol adaptiert Mobiltelefone für das WWW. c't 4/98, S. 202
[6] Dusan Zivadinovi´c: Schmalband-Surfen, Der PC bleibt zu Hause: Erste WAP-Dienste für mobiles Internet. c't 22/99, S. 124
[7] Thomas J. Schult: Reisebüro, Organizer mit PC-Synchronisation unter 800 Mark, c't 15/97, S. 140 (ole)