Verkehrte Welt
- Frank Fremerey
Verkehrte Welt
"Und das ist also Software", deklamiert der Museumswärter. "Solche bunten Päckchen dienten noch unseren Großeltern dazu, Programme zu verkaufen. Diese waren auf kleinen Silberscheiben gespeichert und enthielten Funktionen für ihre Arbeits-, Unterhaltungs- und Kommunikationsgeräte."
"Was für Funktionen?" Ein Student möchte sich augenscheinlich vor einer jungen Besucherin produzieren.
"Stellen Sie sich vor: Seinerzeit brauchte man für jedes Programm, jedes Musikstück und jeden Film nur ein einziges Mal zu bezahlen! Man kaufte es. Dadurch konnte man sogar ohne Netzwerkverbindung arbeiten, spielen, Musik hören und Filme gucken!"
"Das heißt, ich könnte wochenlang Tetropolis spielen, ohne dass mein Konto leer wird?" Jetzt wirkt der junge Mann ernsthaft interessiert.
"Genau! Wer wenig spielte, zahlte genauso viel wie jemand, der Tag und Nacht nichts anderes tat. Und der Programmhersteller wusste zum Beispiel auch nicht, wer wann welche Funktion seiner Produkte benutzt."
"Warum um alles in der Welt wurde das abgeschafft?"
"Nun, es gab zu viele gestohlene Versionen, so genannte Raubkopien."
"Kopien? Von was denn Kopien?" Der Bursche ist völlig verwirrt.
"Von den Daten auf den Scheiben natürlich, der Software! Das war damals ein Riesenproblem für die Hersteller, denn die Scheiben konnte man auch versehentlich kopieren. Allerdings kam absichtliches Kopieren wohl öfter vor, obwohl es verboten war! Dabei erklärten die Hersteller in ihren Lizenzverträgen haarklein, was der Anwender mit der Software tun durfte.
Mehr noch. Um die Anwender vor Verstößen gegen die Lizenzregeln zu bewahren - die wären dadurch ja kriminell geworden -, gründeten sie auf eigene Kosten eine Beraterorganisation, die BSA. Und was war der Dank? Ständig beschwerten sich unsere Ahnen darüber, wie sehr sie von den Herstellern gegängelt und ausgenommen würden. Bot ein Berater seinen kostenlosen Dienst an, unterstellte man ihm die Absicht, einen unschuldigen Softwarekäufer kriminalisieren zu wollen. Was für eine verkehrte Welt.
Außerdem war das alte System furchtbar umständlich und störanfällig. Man musste sich selbst darum kümmern, die Programme aktuell zu halten! Wenn etwas nicht funktionierte, war man auf sich selbst gestellt. Daten wurden vor Ort gespeichert, und es kam regelmäßig zu Katastrophen, wenn ein solcher Speicher kaputtging.
Ein paar Verrückte entwickelten übrigens selbst Software und verteilten sie kostenlos - na, die war vielleicht kompliziert. Man musste sie selbst anpassen, um sie überhaupt benutzen zu können. Nein, nein, das Netzabo für Computerfunktionen ist unübertroffen. Leistung gegen Abbuchung - das ist gerecht und ..."
Ein lautes "Plopp" stoppt den Redefluss des Wärters. Anstelle des Softwarekartons erscheint eine dreidimensionale Fehlermeldung in der Vitrine: "Verehrter Kunde: Die Nutzungsdauer dieser holografischen Projektion ist abgelaufen, bitte setzen Sie sich umgehend mit Ihrer Bildagentur in Verbindung. Vielen Dank."
Schwarzgesehen von
(ole)