Ansichtssache
Lange schwelte der Browserkrieg vor sich hin. Eine neue Version von Netscapes Browser verzögerte sich immer wieder. Nun ist die erste Betaversion des âNetscape 6â zu haben - ein von Grund auf neu entwickeltes StĂŒck Software.
- Holger Bleich
- Rainer Bressel
Die Preview steht fĂŒr Windows, Apple und Linux zum Download bereit. Netscape hat in diese Betaversion viele angekĂŒndigte Eigenschaften bereits eingebaut. So manchem altgedienten Anwender dĂŒrfte beim ersten Start die Ăberraschung ins Gesicht geschrieben stehen, denn die Optik von Netscape 6 erinnert weniger an die seiner VorgĂ€nger als an alte X11-Fenster aus der Unix-Welt. Die OberflĂ€che ist minimalistisch gestaltet, kommt ohne aufwĂ€ndige 3D-Effekte aus und enthĂ€lt nur die wichtigsten Bedienelemente zum Surfen im Web.
Neu ist der frei konfigurierbare âSidebarâ, in dem Channels, suchmaschinen, die Buddy-Liste des Instant Messenger oder eigene Bookmarks untergebracht sind. In der deutschsprachigen Final-Version sollen hier auch Kooperationspartner von Netscape vorkonfiguriert sein. Der Instant Messenger ist jetzt fest im Browser verankert und findet sich in der vom Communicator 4.x gewohnten Taskleiste, die nicht mehr freischwebend zu positionieren ist. Vergebens sucht man den Personal Toolbar und das bisherige Pulldown-MenĂŒ im Adress-Eingabefeld aus Netscape 4.x. Der Mail-Client verwaltet nun mehr als einen POP-Account und vermeldet, wenn ein Adressat auch ĂŒber den AOL-Instant-Messenger erreichbar ist. Kaum geĂ€ndert zeigt sich der Netscape Composer: Er ist nach wie vor ein nur beschrĂ€nkt brauchbarer, einfach gestrickter WYSIWYG-Editor. Neu dagegen ist der integrierte Sprach-Ăbersetzungsdienst von Gist-In-Time, der Webseiten in verschiedene Sprachen ĂŒbersetzt - darunter auch so exotische wie Chinesisch und Japanisch.
Der Programmstart von Netscape 6 verlĂ€uft sehr zĂ€h. Auf Ă€lteren PCs nimmt er schon mal mehr als eine halbe Minute in Anspruch, auĂerdem frisst das geladene Programm noch mehr Arbeitsspeicher als der Communicator 4.7. Auch auf schnellen Rechnern reagiert der Browser recht trĂ€ge auf so manchen Mausklick. Dabei muss man Netscape zugute halten, dass die Preview sicherlich noch jede Menge Debug-Code enthĂ€lt. Bisher zeigt sich Netscape 6 nicht nennenswert stabiler als der Communicator. AbstĂŒrze waren wĂ€hrend unserer Tests an der Tagesordnung.
Beim Surfen durchs Web prĂ€sentiert sich die Preview Release von ihrer schnellen Seite. Der Seitenaufbau ist flott und auch verschachtelte Tabellenkonstruktionen können die neue Rendering-Maschine âGeckoâ kaum in die Knie zwingen. Gelungen ist die CSS-Umsetzung. Hier ist die Preview den Communicator-Versionen meilenweit voraus. Netscapes neuer Browser setzt Stylesheets prĂ€zise um und zieht mit Microsofts Internet Explorer 5 mindestens gleich.
Mit Sicherheit
Das Alles-oder-Nichts-Prinzip bei den Cookie-Einstellungen ist dem Einsatz eines Cookie Managers gewichen, mit dessen Hilfe man Cookies selektiv von einzelnen Web-Sites zulassen oder abblocken kann. Dazu fĂŒhrt der Manager eine Liste, die allerdings in der Preview nicht frei editierbar ist. Netscape 6 merkt sich auf Wunsch automatisch, fĂŒr welche Sites der Nutzer Cookies nicht zulĂ€sst, und fĂŒgt sie der Liste bei - ein eigentlich simples, aber ĂŒberaus nĂŒtzliches Feature, obschon man beim erstmaligen Besuch jeder Site um die lĂ€stige Abfrage immer noch nicht herumkommt. Leider beschrĂ€nkt es sich auf die Datenkekse. WĂŒnschenswert wĂ€re eine Ă€hnliche Funktion auch fĂŒr JavaScript.
Wie der Internet Explorer unterstĂŒtzt Netscape 6 nun auch Auto-Login fĂŒr kennwortgeschĂŒtzte Seiten. Die sensiblen Benutzerdaten wie etwa Passwörter sind in der aktuellen Preview Release mit einem Masterkennwort geschĂŒtzt, das laut Netscape spĂ€ter mit einer starken VerschlĂŒsselung versehen werden soll. Einige angekĂŒndigte Funktionen wie Shortkeys, SchriftgröĂenĂ€nderung oder Offlinebrowsing sind in die Preview noch nicht vollstĂ€ndig implementiert.
Ob Netscape mit dem neuen Browser an alte Erfolge anschlieĂen kann, ist mehr als fraglich. Die Firma hatte den Browser-Markt noch 1995 zu fast 90 Prozent beherrscht. Doch Microsoft bot seinen Internet Explorer im Unterschied zu Netscape kostenlos an und integrierte ihn in Windows 95, sodass sich die Marktanteile zu verschieben begannen. Daran konnte auch Netscapes Entscheidung, seinen Browser ebenfalls kostenlos abzugeben, nichts Ă€ndern. Anfang 1999 ĂŒbernahm AOL Netscape. Der Online-Dienst hat jedoch mit Microsoft eine noch bis Ende dieses Jahres gĂŒltige Vereinbarung, wonach mit der AOL-Zugangssoftware der Internet Explorer vertrieben wird. Mittlerweile hat Microsofts Browser mit rund 70 Prozent lĂ€ngst den gröĂeren Marktanteil erreicht.
Die schon lange ĂŒberfĂ€llige Weiterentwicklung von Netscape wird daran voraussichtlich nicht mehr viel Ă€ndern. Viel Hoffnung setzte Netscape vor zwei Jahren in die Freigabe der Quelltexte des Browsers. Die Mozilla-Entwicklergemeinde lieferte denn auch einen groĂen Teil des neuen Codes, wie zum Beispiel die schlanke, schnelle Rendering-Engine. Gecko soll auch die zĂŒgige Darstellung von Web-Inhalten auf kleinen GerĂ€ten mit Internet-Zugang wie Handhelds oder Bildtelefonen ermöglichen und damit die âAOL-Anywhereâ-Strategie fördern. Laut Netscape haben unter anderem IBM, Intel, Nokia, Red Hat und Sun angekĂŒndigt, Gecko zu unterstĂŒtzen.
Ein weiterer Fahrplan fĂŒr Netscape 6 war nicht in Erfahrung zu bringen. âNoch in diesem Jahrâ solle die endgĂŒltige Version auf den Markt kommen, hieĂ es wĂ€hrend der Produktvorstellung in MĂŒnchen. Vorsorglich verteilte man gleich mal Terminkalender an die Journalisten - Geltungsdauer: 1997-1999. (hob) (hob)