Auf und davon
Selten scheint dem Unschlüssigen die Berufswahl leichter gemacht worden zu sein, als dies derzeit der Fall ist. Es ist erst einmal Schluss mit dem Lamentieren über Massenarbeitslosigkeit und Beschäftigungskrise. Die ‘Jobmaschine Informationstechnik’ ist angesprungen. Wer plant, seine Brötchen in dieser Branche zu verdienen, sollte sich indes genau umsehen und den Versprechungen gegenüber ein gesundes Misstrauen walten lassen.
- Frank Möcke
Wo allenthalben der verzweifelte Schrei nach IT-Fachkräften ertönt, sogar Gastarbeiter per Greencard angeheuert werden sollen, da muss doch die Zukunft liegen! Politiker, Gewerkschaften, Industriekapitäne übertönen einander im Lobpreisen der ‘Jobmaschine Informationstechnik’ - ja nicht ins Hintertreffen geraten, sich dieser vielversprechenden, spannenden Entwicklung öffnen!
Zurzeit stehen die Sterne günstig. Die exorbitante Steigerung der freien Stellen ist offensichtlich: Allein im Vergleich zum 1. Quartal 1999 lässt sich in diesem Jahr im Bereich Telekommunikation/Online eine Zunahme um 77 % konstatieren.
So wird ‘gepowert’: Die Wirtschaft hat sich bereit erklärt, bis zum Jahr 2003 insgesamt 60 000 zusätzliche Ausbildungsplätze in den IT-Berufen bereitzustellen, die Bundesanstalt für Arbeit unternimmt Qualifizierungsmaßnahmen, damit Deutschland den Fachkräftebedarf mittelfristig aus eigener Kraft decken kann. Verschiedene neue Ausbildungsordnungen wie IT-Systemelektroniker und IT-Systemkaufleute sind eingeführt worden, und die flächendeckende Ausstattung aller Schulen, beruflichen Ausbildungsstätten und Einrichtungen der allgemeinen und beruflichen Weiterbildung mit PCs und Internet-Anschlüssen wird bis zum Jahr 2001 angestrebt.
| Der Bundesverband Informations- und Kommunikationssysteme (BVB) hat aufgeschlüsselt, in welchen Bereichen 1999 IT-Fachkräfte vornehmlich gesucht wurden. Mehrfachnennungen waren möglich. |
Bedarf
Selbst die Arbeitsämter zeigen sich von der Bedarfslage in der IT-Branche überrascht. Um den tatsächlichen Bedarf an Fachkräften zu erfahren, hat die Bundesanstalt für Arbeit eine Internet-Hotline eingerichtet, über die Betriebe der IT-Branche ihre aktuellen Stellenangebote mitteilen können (http://www.arbeitsamt.de/hst/services/it_hotline/index.html). Hier sollen Unternehmen dieses Wirtschaftszweiges den Arbeitsämtern ihr tatsächliches Angebot an Ausbildungs- und Arbeitsstellen mitteilen. Ende Juni will die Behörde auf ihren Internet-Seiten eine Vermittlungsbörse für IT-Fachkräfte als frei zugängliche Anwendung einrichten.
| Die Branche rekrutiert IT-Arbeitskräfte vornehmlich über Stellenangebote, Headhunter und Online-Stellen-börsen. Mit nur 9 % bilden per Arbeitsamt ver-mittelte Jobs das Schlusslicht. |
Zeit wirds! In der umfassenden Berufeliste der Arbeitsämter, die mit ihren vom ‘Aalbrutzüchter’ bis zum ‘zytologischen Assistenten’ reichenden über 25 000 Einträgen gut und gerne als Quellenmaterial für historisch orientierte Kultursoziologen taugt, finden sich Tätigkeiten wie ‘Webmaster’ oder ‘Webdesigner’ noch gar nicht, hingegen so spannende Positionen wie Lochkartenlocher (Schlüsselnummer 7831), Lochkartensaalleiter und Lochkartensortierer oder Elektronenröhrenarbeiter.
Allerdings ist die Begriffsverwirrung unter den Berufsbezeichnungen, wie der Multimediaverband dmmv einräumt, so groß, dass selbst Unternehmen geeignete Kandidaten nicht den entsprechenden Stellen zuordnen können.
In der Vergangenheit konnte der Bedarf an festen und freien Mitarbeitern durch den Nachwuchs aus Ausbildungsverhältnissen, durch Absolventen relevanter Studiengänge sowie durch langfristige Weiterbildungsmaßnahmen und Umschulungen gedeckt werden. Ob bei einer größeren Zahl geeigneter Berufsanfänger die Zahl der Arbeitsplätze schneller gestiegen wäre, lässt sich im Nachhinein nicht überprüfen.
Defizite
Eine Studie der Firma Michel Medienforschung und Beratung ermittelte unter anderem folgende Hindernisse bei der Suche nach geeigneten Mitarbeitern: Die Branche sucht in erster Linie Mitarbeiter mit Berufspraxis - über diese verfügen Absolventen von Hochschulen und Weiterbildungsmaßnahmen noch nicht. Den Bewerbern fehle es oft an Kompetenzen aus dem Bereich der ‘Soft Skills’ (Teamfähigkeit, Fremdsprachenkenntnisse, Management-Erfahrung), die sie an Hochschulen nicht erwerben konnten.
| Die Auswertung von fast 40 000 Stellenanzeigen von Januar bis April 2000 zeigt, welche Qualifikationen von IT-Kräften abgefordert werden. |
Unsere Wirtschaftsordnung blüht nur dann, wenn sie stetiges Wachstum vorweisen kann. Weil die Informationswirtschaft aller Voraussicht nach zukünftig der größte und vor allem wohl auch einzige Wachstumsmarkt sein wird (so der Schlussbericht der vom Bundestag eingesetzten Enquete-Kommission ‘Zukunft der Medien in Wirtschaft und Gesellschaft’) trommeln Politiker und Verbände, was das Zeug hält. Kein Wunder, dass sich die Jugend auf die IT-Ausbildungsplätze stürzt wie die Lemminge ins Meer.
Unsicherheiten
Schon wird man der Geister, die man rief, nicht mehr Herr: Die Technische wie auch die Humboldt Universität in Berlin werden ab dem kommenden Wintersemester einen Numerus clausus für Informatik einführen. Weitere Universitäten hegen ebenfalls Pläne für eine Studienbeschränkung. Die Zahl der Lehrenden und der Studienplätze kann der stark steigenden Zahl der Studienwilligen nicht mehr genügen.
Volkswirtschaftler wissen: ‘Weicht der Marktpreis zum Planungszeitpunkt vom gleichgewichtigen Preis zum Transaktionszeitpunkt ab, kommt es zu einem Anpassungsprozess der Parteien an Marktungleichgewichte’. Sie nennen diese Analyse ‘Cobweb-Theorem’, dem gemeinen Zeitgenossen unter dem Begriff ‘Schweinezyklus’ plausibel.
Das Phänomen ist auf dem Arbeitsmarkt nicht neu und schon aus den 60-er Jahren bekannt. Allenthalben wurde damals der Lehrermangel beklagt, und nachdem die Gehälter dieses Berufsstandes drastisch heraufgesetzt worden waren, blickte die Nation eine Dekade später auf die Lehrerschwemme.
Arbeitsbedingungen
Derzeit sind IT-Arbeitskräfte noch rar und damit teuer, und der Branche wäre nichts lieber, als ein Überangebot an Fachkräften zu erzeugen, um die heute noch hohen Löhne zu drücken und von vielen Bewerbern die besten und jüngsten auswählen zu können. Auch unter diesem Gesichtspunkt käme eine schnelle Rekrutierung von Spezialisten aus dem Ausland gerade recht.
Die drängt es bislang aber gar nicht nach Deutschland. Einer Umfrage der Nachrichtenagentur AP zufolge bedauern viele IT-Unternehmen, dass sogar die vielzitierten indischen Spitzenfachkräfte nur zu ‘westlichen’ Preisen zu haben sind - und hoffen eher auf russische Fachkräfte, denn die verlangten ‘realistische’ Gehälter.
Wer im IT-Bereich erfolgreich sein will, muss sich der Branche wie weiland Faust dem Teufel mit Haut und Haaren verschreiben, jung sein und Wochenarbeitszeiten weit über Tarif akzeptieren. Geregelte Arbeitszeiten und Festanstellungen werden immer seltener, die Mitarbeiter sollen möglichst nur auf Zeit im Rahmen von Projekten beschäftigt werden. In Stellenanzeigen werden diese Verhältnisse gerne als ‘Mitarbeit in einem motivierten jungen dynamischen Team’ kaschiert.
Einer Veröffentlichung des Deutschen Multimedia-Verbandes (dmmv) zufolge ist die durchschnittliche Wochenarbeitszeit im Multimediabereich 1999 auf 47,5 Stunden gestiegen (1998: 46,5). Hier können wirklich nur noch junge Arbeitskräfte mithalten, und in der Tat bleiben drei Viertel der in der Branche Beschäftigten unter der bevorzugten Grenze von 35 Jahren.
Bei den Arbeitslosen aus dem IT-Bereich sieht es genau anders herum aus: Nur etwa ein Viertel der rund 20 000 IT-Arbeitslosen hat nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit die Altersgrenze von 35 noch nicht erreicht, vom Rest ist jeder zweite schon über 50 und wartet auf die Rente - die will schon gar keiner mehr haben.
Mut erforderlich
Auch, wenn derzeit alle Indikatoren einen positiven Trend aufweisen, bleibt die Ausrichtung der Berufswahl auf den IT-Bereich nicht ohne Risiko. Zudem gilt: Auch wenn die Informationstechnik in immer mehr Tätigkeitsfelder eindringt, zum dominierenden Wirtschaftszweig wird sie nicht werden. Von den rund 36 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland erwirtschaften nur rund 1,7 Millionen ihren Lebensunterhalt in der Informations-, Telekommunikations- und Medienwirtschaft, also gerade einmal fünf Prozent. Der Anteil wird zwar rasch weiter steigen, aber noch auf lange Zeit keinen so großen Wertschöpfungs- und Beschäftigungsbeitrag leisten wie die klassischen Industrien.
Wer sich aber zum Einstieg in die IT-Berufe entschließt, der findet in c't 13/2000 ab Seite 173 eine Fülle von Informationen. (fm) (fm)