Das Web in Zahlen
Glaub keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, so weiß der Volksmund statistische Auswertungen zu beurteilen. Auch Untersuchungen über die meist genutzte Webserver-Software haben so ihre Tücken - wenn man die Voraussetzungen nicht berücksichtigt.
- Jürgen Schmidt
- Jürgen Kuri
Die Verbreitung von Software, um Webserver zu realisieren, ist ein heiß umstrittenes Thema; ökonomische Interessen einzelner Firmen stehen teilweise gegen technische Anforderungen und eine treue Fangemeinde von Open-Source-Software. Da fällt es manches Mal schwer, die Ergebnisse von zwei Studien zu beurteilen, die innerhalb kurzer Zeit zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Während die Open-Source-Gemeinde das Ergebnis von Netcraft, das Apache als beliebtesten Webserver in Front sieht, bejubelte, freute sich Microsoft über eine Studie des Online-Magazins ENT. Darin hieß es, dass Microsofts Internet Information Server IIS bei den 500 größten US-Firmen aus der Fortune-Liste führend ist.
| In der Studie des Windows-Magazins ENT liegt Microsofts Internet Information Server unter den 500 größten US-Firmen weit vor Apache. |
Oberfläche
Die Webserver-Software Apache, eines der renommiertesten Open-Source-Projekte, war laut Netcraft im Juni erstmals auf mehr als 10 Millionen Webservern im Einsatz. Das entspricht einem Marktanteil von etwa 62,5 Prozent. Im Juli konnte Apache noch einmal leicht zulegen und erreichte 62,81 Prozent. Weit abgeschlagen folgen Microsofts Internet Information Server, der im Juli gegenüber Juni leicht verlor, mit 19,87 Prozent sowie Netscapes Enterprise Server mit 7,15 Prozent. Bei den auf Webservern eingesetzten Betriebssystemen nennt Netcraft die verschiedenen Unix-Derivate als führend, gefolgt von Windows NT und Windows 2000.
| Der Internet-Dienst Netcraft sieht den Open-Source-Webserver Apache mit über 60 Prozent Marktanteil weit in Führung. |
ENT, eine Publikation zu ‘Online Windows NT Enterprise Computing’, veröffentlichte dagegen eine Studie, die nicht einfach alle im Web verfügbaren Server unter die Lupe nimmt, sondern sich auf die größten Firmen konzentriert. Mit Hilfe des Netcraft-Dienstes What’s that site running? ermittelte ENT, dass 41 Prozent der Firmen aus der Fortune-500-Liste der größten US-Firmen auf den IIS setzen. Platz zwei belegte der iPlanet/Netscape Enterprise Server mit 35 Prozent und Apache landet mit lediglich 15 Prozent abgeschlagen auf dem dritten Platz der Beliebtheitsskala.
Ausrichtung
Beide Studien können für sich reklamieren, zuverlässige Ergebnisse zu erzielen - allerdings unter Berücksichtigung der Voraussetzungen, die für eine Beurteilung, welche Bedeutung die Untersuchungen für eventuelle eigene Entscheidungen haben, entscheidend sind. Denn für die unterschiedlichen Ergebnisse gibt es mehrere Erklärungen. So ist die Untersuchung von ENT sehr zielgerichtet. Man kann beispielsweise der Studie entnehmen, dass ENT auch die Top-10, die Top-25 und die Top-100 ausgewertet hat. Auf denen liefen jedoch mehrheitlich Unix-Systeme mit Netscapes iPlanet. Außerdem hat sich ENT bei der Untersuchung nicht viel Mühe gegeben, sondern lediglich die Einstiegsseiten der Websites ausgewertet. Dabei handelt es sich jedoch häufig um die Sites multinationaler Konzerne, die sehr schnell auf die Angebote ihrer Tochterfirmen verzweigen oder hinter dem Einstiegsserver noch andere Systeme einsetzen. Auch für [ www.heise.de] sind die Aussagen von ‘What’s that Site running’ bei Netcraft nicht eindeutig: Die Angabe ‘Apache/1.3.12 (Unix)’ ist zwar richtig, aber recht ungenau: Denn dahinter stehen eine Solaris-Maschine und vier Linux-Rechner. Genauso ist vorstellbar, dass sich bei einem Internet-Angebot hinter dem Einstiegsserver auf Unix-Basis NT-Maschinen verbergen - oder umgekehrt.
Aber auch die Netcraft-Zahlen sind durchaus nicht über Kritik erhaben. Netcraft testet lediglich, welcher Server und welches Betriebssystem sich hinter einer URL versteckt. Dabei werden die Ergebnisse nicht nach Bedeutung gewichtet, sodass die private Domain von Hans Mustermann genauso viel zählt wie die Website von Ford. Außerdem berücksichtigen die Ergebnisse nicht, dass viele der kleinen Domains gar nicht auf eigenen Servern laufen, sondern bei Webhostern untergebracht sind. So geht ein einzelner Apache-Server über die auf ihm beheimateten virtuellen Sites unter Umständen hundertfach in die Statistik ein. Da sich der Open-Source-Server gerade bei Internet-Providern großer Beliebtheit erfreut, begünstigt die Netcraft-Studie Apache.
Zahlenspiele
Klar wird jedenfalls, dass sich Apache trotz aller Bemühungen von Microsoft und Netscape, mit der eigenen kommerziellen Software im Markt für Webserver-Software zu reüssieren, überraschend großer Beliebtheit erfreut. Microsoft allerdings muss sich wahrlich nicht verstecken - immerhin sprechen der Einsatz des IIS auf einigen großen Sites, unter anderem bei Microsoft selbst, dafür, dass der Server auch für solche Aufgaben genutzt werden kann. Den Administratoren und Web-Anbietern helfen die Zahlen aber bei der Entscheidung, welche Software man für den eigenen Web-Auftritt einsetzen soll, höchstens als Anhaltspunkte weiter: An eigenen Tests, welches Produkt für die eigenen Anforderungen geeignet ist, kommt man trotz der für viele Schlagzeilen guten Untersuchungen nicht herum. (jk) (jk)