Steve Jobs: Besserwisser mit schlechtem Gewissen

Halb Genie, halb Arschloch, so lautet weithin die Kurzcharakterisierung des Apple-Mitbegründers – auch im neuen Kinofilm "Steve Jobs". Aber so einfach ist es nicht, heißt es in der am 9. November erscheinenden Biografie "Becoming Steve Jobs".

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Steve Jobs

(Bild: dpa, John G. Mabanglo)

Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Robert Thielicke
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Von den beiden Autoren Rick Tetzeli und Brent Schlender hat vor allem letzterer den Apple-GrĂĽnder gut gekannt. Er hat ihn ĂĽber 20 Jahre journalistisch begleitet, ihn mehrmals auch privat besucht. Er leugnet nicht, dass Jobs "grauenhaft ungeduldig" und ein "anmaĂźender KlugscheiĂźer" war, der "aggressiv und ungezogen" sein konnte. Andererseits aber sieht Schlender auch eine andere, "sanftere Seite, die im Lauf der Jahre viel weniger beachtet wurde".

Um Steve Jobs "wirklich begreifen zu können, muss man diese beide Seiten seiner Persönlichkeit anerkennen, akzeptieren und versuchen, sie miteinander in Einklang zu bringen", schreibt er. Technology Review druckt in seiner aktuellen Ausgabe exklusiv Auszüge aus der Biographie (im heise shop zu bestellen).

Als einen Beleg für das zweite Gesicht des Apple-Gründers führt der Autor ein Treffen mit John Lasseter an. Lasseter ist heute Chief Creative Officer bei Pixar. Jobs kaufte das Animationsstudio für 5 Millionen Dollar, nachdem er bei Apple an die Luft gesetzt worden war. 1995 kam "Toy Story" in die Kinos, beim darauffolgenden Börsengang Ende 1995 hatte Pixar einen Wert von 1,4 Milliarden Dollar. Doch als Jobs im Frühjahr dieses Jahres Lasseters Familie in ihrem Haus in Sonoma besuchte, hatte Pixar noch keinen einzigen Film ins Kino gebracht.

Vor dem Haus stand ein alter Honda Civic, Baujahr 1984 mit 335.000 Kilometern auf dem Tacho. "Die Lackierung war von der Sonne spröde geworden und blätterte ab", zitiert Schlender den Pixar-Kreativchef. "Und die Sitzbezüge waren durch – ich hatte T-Shirts drübergezogen. Steve war mit seinem Jeep Cherokee hergefahren. Er wusste jetzt, auf was für Straßen ich jeden Tag zur Arbeit fahren musste." Steve habe gefragt: "Du fährst auf diesen Straßen mit dem Auto jeden Tag zu Pixar und wieder zurück?"

Lasseter hatte zu diesem Zeitpunkt gerade das Haus gekauft, ein besseres Auto konnte er sich schlicht nicht mehr leisten. Jobs wirkte auf ihn so als dachte er: 'O mein Gott, ich habe gerade mein Vermögen auf diesen Kerl gesetzt, und er fährt mit diesem Schrottauto durch die Gegend ... wenn ein Lastwagen ihn rammt – zack! –, ist er tot.' Lasseters nächster Gehaltsscheck enthielt eine kleine Bonuszahlung für ein neues Auto.

Ganz uneigennützig war die gute Tat also nicht – im Gegensatz zu einer weiteren, die Schlender anführt. Jobs war bereits so krank, dass nur eine Spenderleber ihn hätte weiterleben lassen. Doch passende Organe waren extrem selten. Der jetzige Apple-Chef Tim Cook ließ sein Blut untersuchen und fand heraus, dass sein Gewebe tatsächlich passen könnte. Er bot Jobs eine Lebendspende an. "Aber Steve schnitt mir sofort das Wort ab", erzählt Cook.

"'Nein!', donnerte er. 'Das lasse ich nicht zu. Ich nehme das nicht an!' Er hat es nicht einmal in Erwägung gezogen. Kein 'Würdest du das wirklich auf dich nehmen?' oder 'Ich überlege es mir' oder 'Bei meinem Zustand lohnt das nicht mehr', sondern: 'Nein, niemals!' Er ist im Bett hochgefahren und hat mich angebrüllt, obwohl er schon sehr schwach war. Steve hat mich nur vier oder fünf Mal in den 13 Jahren unserer Zusammenarbeit angebrüllt, und das war eins davon."

Selbst erlebt hat Schlender die Szene allerdings nicht, überprüfen kann sie niemand. So bleiben Zweifel, ob sie sich genauso abgespielt hat. Oder ob die Anekdote eher das Image von Steve Jobs aufpolieren soll – und jenes von Cook gleich mit. Aber für Schlender passt sie zu dem, wie er selbst den Apple-Gründer erlebt hat: "Mir kam er viel komplexer, viel menschlicher, viel sentimentaler und auch viel intelligenter vor als der Mann, den ich in den vielen Berichten und Nachrufen beschrieben fand", schreibt er.

Wie die beiden Gesichter zusammenpassen, erklärt vielleicht eine Passage am besten, versteckt auf Seite 422 des Buchs: "Steve nahm die Arbeit immer persönlich (...) Er bezog er seine Identität so intensiv aus seiner Arbeit, dass ihm jede Kritik daran wie ein persönlicher Angriff vorkam."

"Don't try this at home" schlug daher durchaus passend Microsoft-GrĂĽnder Bill Gates den Autoren als Titel fĂĽr ihr Werk vor, in Anlehnung an die zahlreichen Ratgeber, die Managern empfehlen, ihr Unternehmen "wie Steve Jobs" zu fĂĽhren. Denn Steves Erfolgsrezept sei eben nicht ĂĽbertragbar. "Es gibt viele Leute, die wie Steve sein wollen. Das mit dem Arschloch kriegen sie hin, aber wo es dann fehlt, ist das Genie." (bsc)