Aussteigen und einsteigen

Frühjahr 2000 - Deutschland im Börsenfieber. In Insider-Kreisen spricht man despektierlich von ‘Hausfrauen-Hausse’, ‘Bild’ titelt ‘Geld-Rausch’ und malt aus, wie spekulationsgeschüttelte Eltern erbarmungslos die Sparbücher ihrer Kinder plündern. Zwar sind seither die hochgejubelten Börsenkurse heftig in den Keller gerutscht, und manch Jung-Spekulant hat eine eiskalte Baisse-Dusche erhalten. Nichtsdestoweniger dürfte das Potenzial möglicher Anleger noch lange nicht ausgereizt sein. Das scheinen die Geldinstitute auch so zu sehen, denn immer mehr von ihnen beginnen, ihr Online-Brokerage-Angebot auf- und auszubauen.

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Von
  • Adolf Ebeling
  • Jörg Birkelbach
  • Erich Kramer
Inhaltsverzeichnis

Dank Internet ist der Zugang zu den Handelsmärkten für Otto und Ottilie Normalanleger einfach und durchschaubar geworden. Den ersten Schritt in diese Richtung haben vor wenigen Jahren (Online-)Direkt-Broker getan, deren Devise lautete: Wir geben zwar keine Beratung, dafür aber arbeiten wir direkt, transparent, schnell und preiswert. Dies brachte dem Kunden eine wesentliche Verbesserung im Vergleich zur gebräuchlichen teuren und langatmigen Verfahrensweise der Filialbanken. Enorme Wachstumsraten bei den Discount-Brokern waren die Folge: Beispielsweise verzeichnet Comdirect innerhalb des letzten Jahres eine Zunahme der Gesamtkundenzahl von 220 000 auf 546 000. Consors vermeldet mit derzeit konzernweit 449 000 Kunden mehr als eine Verdopplung gegenüber 1999. Die Direkt Anlage Bank kommt Mitte 2000 auf 293 000 Kundendepots - eine Verdreifachung im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresquartal. Insgesamt gibt es in Deutschland zurzeit mehr als 1,5 Millionen Online-Depots. Laut einer Studie der US-Investmentbank J.P. Morgan könnte diese Zahl Ende 2000 auf 1,8 Millionen und bis 2003 auf 5,2 Millionen steigen [1].

Allerdings haben sich die Discount-Broker nicht - wie Münchhausen an den eigenen Haaren - selbst die Erfolgsleiter hinaufgezogen. Sie kamen zum einen gerade recht, um der Generation der Erben zeitgemäße Maklerdienste zu offerieren, zeitgleich entwickelte sich ein Finanzmarkt mit Gewinn bringenden Produkten, an dem sich mehr und vor allen Dingen schneller Geld verdienen ließ als an den traditionellen Börsenplätzen. Den Nährboden für solche lukrativen Investitionen hat eine Firmengründungswelle vorbereitet, die pünktlich zum Fin de Siècle ansetzte. Die Gründer brauchten nicht nur Ideen und Tatkraft, sondern vor allem Kapital, um ihre hoch gesteckten Ziele umzusetzen. Das sollte nicht wie üblich über Bankkredite, sondern nach dem Vorbild aller High-Tech-Börsen, der US-amerikanischen Nasdaq, über die Ausgabe von Aktien aufgenommen werden. Die Deutsche Börse AG in Frankfurt reagierte prompt und schneiderte eigens ein Marktsegment für die aufkeimende ‘New Economy’ zurecht: den ‘Neuen Markt’. Wie gewünscht, tat er das Seine, einen Aktienboom par excellence zu entfachen.

Der Handel an der deutschen Wachstumsbörse begann am 10. März 1997 mit den beiden Werten Mobilcom und Bertrandt. Drei Jahre später, im Juli 2000, wurde das dreihundertste Unternehmen gelistet. Allein von Jahresbeginn bis Mitte 2000 gab es 99 Börsengänge. Nach Angaben der Deutschen Börse AG finden am Frankfurter Handelsplatz rund 90 Prozent aller Börsengänge im Neuen Markt statt. Doch nicht allein die Zahl der aufgenommenen Firmen gehört zu den Rekordergebnissen, die mit dem Wachstumsmarkt verbunden sind, vielmehr sind es die Meldungen über atemberaubende Kursanstiege, darunter natürlich die Erfolgsgeschichte, geschrieben von der Firma EM.TV. 1997 als zwölftes Unternehmen an den Neuen Markt gekommen, erreichte die Filmhandels- und Produktionsfirma bis März 2000 eine Wertsteigerung von fast 20 000 Prozent.

Überhaupt funktionierte der Neue Markt zeitweise geradezu als scheinbar kinderleicht zu bedienende Geldmaschine: Man musste nur zeichnen; gleich welches Papier, ein Gewinn schien garantiert - Zeichnungsgewinne von mehreren hundert Prozent waren keine Seltenheit. Und so signalisierte das Barometer des Marktes, der Nemax-All-Share-Performance-Index, fast durchweg Sonnenschein, während er von 873 Punkten (12. 11. 1997) auf ein grandioses Allzeithoch von 8559 Punkten (10. 3. 2000) stieg.

Der rechte Moment also, eine Nachfragehysterie nach Neuemissionen ohnegleichen auszulösen. Profitiert davon haben die Börsengänge zweier bis dahin defizitärer Abteilungen großer deutscher Konzerne: an der Frankfurter Wertpapierbörse zum einen am 13. März 2000 Infineon, eine Halbleitersparte der Siemens AG und zum Zweiten am Neuen Markt einen Monat später, am 17. April, der Telekom-Ableger T-Online. Dieses Papier verzeichnete am ersten Börsentag rund 984 000 Orders (Infineon: 865 000) und mauserte sich zur meistgehandelten Aktie der deutschen Börsengeschichte. Dass bei dem Ansturm Online-Broker technisch ganz tief in die Knie gingen und ihre Kundschaft vielfach zu Zukurzgekommenen machten, trübte allenfalls ein wenig die allgemeine Frohstimmung.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfte Aktienanlegen zum Volkssport geworden sein. Jedenfalls sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache: Nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts gibt es zurzeit rund 11,32 Millionen Aktionäre in Deutschland, das sind etwa 17,7 Prozent der Gesamtbevölkerung über 14 Jahren. Vor drei Jahren lag die Zahl der Aktienbesitzer bei 3,92 Millionen. Verglichen mit Ländern wie Großbritannien, Schweden oder den USA besteht hier zu Lande noch reichlich Nachholbedarf - schöne Aussichten fürs Online-Geschäft bei momentan über 13 Millionen Internetnutzern in Deutschland. Deren Interesse an Finanzgeschäften ist belegt: Nach der neuesten Studie zu ‘Finanzdienstleitungen im Internet’ von Fittkau und Maaß vom Juli 2000 liegt Online-Banking und Brokerage voll im Trend. Rund 76 Prozent der Befragten wollen Online-Kontoführung nutzen und rund 53 Prozent interessieren sich für das Online-Brokerage.

‘Sell in May and go away’, spötteln Eingeweihte. Doch im Frühjahr 2000 verdüsterte sich an den deutschen Börsen der bis dahin heitere Himmel schon zwei Monate früher. Ganz schlimm erwischte es den Neuen Markt, wo sich der Kaufrausch abrupt in eine Verkaufspanik wandelte: Es ging steil bergab mit den Kursen, sie fielen im Durchschnitt um über 40 %; viele Novizen mussten erstmals erleben, was es heißt, dass die Börse keine Einbahnstraße ist. Und jene Analysten, die über zwei Jahre lang das ‘Kaufen, Kaufen, Kaufen!’ propagiert hatten, wedelten nun mit ‘Todeslisten’ von gefährdeten Internetunternehmen, sahen bei ihnen ernste Liquiditätsprobleme und brachten reichlich Unsicherheit in die Anlegergemeinde, während abgebrühte Zocker munter in die Papiere der vermeintlich bankrotten Unternehmen investierten und deren Kurse teilweise wieder zum Ansteigen brachten. Erst jetzt wurde vielen jäh bewusst, dass so mancher Kaiser keiner war und zudem noch nackt dastand. Wie aufs Stichwort tauchten Studien auf, die belegten, dass die Mehrheit der jungen Online-Unternehmen kaum jemals profitabel sein würde - misstrauisch registrierte man auf einmal die anwachsende Zahl von Dot-com-Firmen-Pleiten in den USA.

Ade schöne Zeiten, in denen an den Geldbasaren allein die Aussicht auf fantastische Gewinne ausreichte, Investoren in Scharen anzulocken. Nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, sieht die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) die aufkeimende Aktienkultur bereits gefährdet. Privatinvestoren nehmen die Aktienempfehlungen von Banken derzeit mit einer gewissen Vorsicht auf, waren die Anleger doch - den überwiegend optimistischen Einschätzungen blind vertrauend - ohne Vorwarnung der Institute vom Klimawechsel an den Börsen überrascht worden. Dabei hatten Zeitschriften wie Stern und Spiegel frühzeitig dubiose Geschäfte am Neuen Markt aufs Korn genommen, und Ulrich Hocker von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DWS) prophezeite im September 1999: ‘Schon im nächsten Frühjahr werden viele Seifenblasen platzen’ [2].

Schlechte Zeiten sind zugleich gute Zeiten an der Börse - zum Anlegen. Denn schließlich sorgt der Kursrutsch dafür, dass manches Schätzchen am Markt so preiswert wie lange nicht geworden ist. Ohnehin gilt auch an der Börse Herbert Wehners Satz, mit dem er weiland den Auszug von Abgeordneten quittierte: ‘Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen!’ oder in Erweiterung der Mai-Regel: ‘Sell in May ... but remember be back in September.’

Den immer noch steigenden Zuwachs an Privatinvestoren will sich natürlich kein Institut entgehen lassen, so wird in der Bankenszene fieberhaft am Ausbau des Online-Brokerage-Angebots gearbeitet. Consors etwa hat seinen Personalstand von 650 (Ende 1999) auf rund 1100 Mitarbeiter, Comdirect von 695 (Mitte 1999) auf nunmehr 1334 aufgestockt [3].

Mit dem Internet nimmt ein Stückchen mehr Demokratie an der Wall Street Einzug, schrieb vor Jahren die US-Zeitschrift Wired. Selbstverständlich sollte das genauso für die hiesigen Verhältnisse gelten - der Kleinanleger jedenfalls erwartet, beim Internet-Broking Bedingungen vorzufinden, die vormals nur professionellen Spekulanten vorbehalten waren. Zuallererst wünscht er bessere Konditionen als beim Tresengeschäft. Zum Zweiten die schnelle Ausführung der Orders, sofortige Rückmeldung eines erfolgreichen Abschlusses sowie Aktualisierung des Depots. Zum Dritten ein umfassendes wie aktuelles Kursangebot, verbunden mit Kurz- und Langzeitcharts. Zum Vierten ein zuverlässig erreichbares System. Und natürlich spielt der Punkt Sicherheit eine große Rolle, gerade in einem offenen Netz wie dem Internet.

Unter diesen Gesichtspunkten haben wir uns die wichtigsten Online-Broker angeschaut, darunter die bekannten Discounter Direkt Anlage Bank, Comdirect, Consors, Brokerage 24 (Deutsche Bank), 1822direkt, Advance Bank, Entrium (ehemals Quelle-Bank) und Netbank sowie Neueinsteiger wie Fimatex und Pulsiv.com. Die großen Privatbanken wie Citibank, Commerzbank, Dresdner Bank oder HypoVereinsbank mischen gleichfalls mit im Online-Geschäft, und last, but not least, haben die Zeichen der Zeit auch Sparkassen und Volksbanken erkannt, von denen wir Vertreter quer über die Republik berücksichtigt haben.

Wer glaubt, ein Online-Konto ließe sich mal eben schnell übers Netz eröffnen, der irrt. Noch besteht in Deutschland, anders als in den USA, keine rechtliche Gleichstellung der digitalen mit der handschriftlichen Signatur, also muss der übliche Weg über das Unterschreiben von Eröffnungsunterlagen gewählt werden. Immerhin gibt es einen ersten Schritt in Richtung einer ‘echten’ Online-Eröffnung, indem ein Konto zumindest vorläufig übers Netz eingerichtet werden kann. Die erforderlichen Formulare lassen sich entweder direkt ausdrucken oder werden per Post geschickt. Sie müssen unterschrieben und zurückgesandt werden, um das Erträgniskonto samt Depot (Aufbewahrung der Wertpapiere) endgültig freizuschalten.

Doch vorher muss sich die Bank - nach dem Wertpapierhandelsgesetz - Auskunft vom Kunden über dessen Erfahrung mit Risikogeschäften geben lassen. Dazu gibt es eine Einteilung in 5 Risikoklassen, die vom Bundesschatzbrief (Klasse 1) bis zu Optionen (Klasse 5) reicht. Damit sichert sich die Bank ab: Falls ein blutiger Anfänger mit beispielsweise spekulativen außereuropäischen Papieren Schiffbruch erleidet, braucht sie nicht zu haften, wenn sich dieser Kunde selbst in Risikoklasse 4 eingestuft hat.

Die notwendige Legitimation erfolgt über das so genannte Postident-Verfahren, das heißt, der Kunde muss bei Abgabe der Unterlagen in einer Postfiliale per Ausweis und Unterschrift seine Identität auf einem speziellen Formblatt bescheinigen lassen. Die endgültigen Kontounterlagen kommen anschließend auf dem Postwege. Insgesamt kann sich die Prozedur bis zu mehreren Wochen hinziehen.

Ist endlich das Depot eingerichtet, darf gehandelt werden - Wertpapiere aller Art. Jedenfalls offerieren alle Institute ein volles Sortiment, das über Aktien hinausreicht. Außer bei der Berliner Volksbank und der HypoVereinsbank lassen sich überall Anleihen und Fonds (Netbank nur Anleihen) kaufen und verkaufen. Die Mehrzahl der Broker betreibt des Weiteren das Geschäft mit Optionsscheinen; aber nur fünf Broker auch mit Optionen, nämlich Entrium, Advance Bank, Fimatex, Citibank und Consors.

Anleger, die mit Nicht-Windows-Betriebssystemen arbeiten, sollten in der Tabelle genau hinschauen, denn nur rund ein Drittel der Institute lässt sich auch noch mit Mac OS, Linux oder OS/2 ansteuern.

Der entscheidende Punkt für die Wahl eines Online-Brokers dürfte die Preisfrage sein. Wir haben dazu jeweils die Gebühren für Konto- und Depotführung abgefragt, ferner die Beträge pro Buchung, pro Änderung/Streichung einer Order, für Nichtausführung einer Emissionszeichnung sowie die Transaktionskosten für eine Order von Aktien im Wert von 5000 DM.

Was die Kontoführung betrifft, so erheben die meisten Institute keine Gebühr; bei Consors beträgt sie 1 DM pro Monat, die Kreissparkasse Köln sowie Stadtsparkasse München verlangen 5 DM pro Monat, bei der HypoVereinsbank kostet der Service 8,40 DM, bei der Dresdner Bank 12 DM und bei der Commerzbank 12,50 DM. Citibank und BfG Bank bieten Nulltarif nur bei einer Geldanlage von 5000 beziehungsweise 2000 DM Zahlungseingang pro Monat.

Vor möglichen Gewinnen stehen erst mal die Transaktionskosten. Es lohnt sich, darauf zu achten, wer wie viel verlangt. Am preiswertesten ist die Order von beispielsweise Telekom-Aktien für 5000 DM bei der Netbank, exakt 14,67 DM - wenn man ein Konto mit Gehaltseingang führt, andernfalls sind 24,45 DM fällig. Mithalten kann Fimatex, hier kostet die gleiche Order 15,65 DM. Knapp unter 20 DM zahlt man bei Consors, Entrium, Pulsiv.com und - man staune - bei der Stadtsparkasse Düsseldorf. Während das Gros der Banken im Order-Kostenbereich zwischen 20 und 35 DM liegt, verlangt die Frankfurter Sparkasse 40 DM, die Stadtsparkasse München schlägt noch mal 2,50 DM drauf, und die Commerzbank schließlich zieht stolze 50 DM ab.

Nicht uninteressant für Neuzeichner: Bei der Direkt Anlage Bank kostet die Nichtausführung 5,01 DM, während die Net-bank mit 7,82 DM, die Berliner Volksbank mit 10 DM, die Stadtsparkasse Dortmund mit 20 DM und die Nassauische Sparkasse gar mit 19,56 DM Gebühr zulangt; alle anderen Banken wollen für diesen Service nichts. Zu bedenken ist überdies, dass man als Kunde bei Discount-Brokern oder kleineren privaten Instituten kaum Chancen auf eine Zuteilung hat, da zumeist Großbanken als Konsortialbanken fungieren - 1999 beispielsweise in 76 Prozent aller Fälle.

Unschlüssige, die gern streichen oder ändern, sollten sich die Allgemeine Deutsche Direktbank, Pulsiv.com, die Kreissparkasse Köln, Citibank und Direkt Anlage Bank merken, hier ist solches nämlich kostenfrei; die restlichen Banken fordern Beträge zwischen 5 und 10 DM.

Über alle in Frage kommenden Kosten beziehungsweise Gutschriften (Zinsen für das Depotverrechnungskonto) vergleichen lassen sich die Institute anhand von Jahreskosten, ermittelt mit Hilfe eines Fallbeispiels. Dazu haben wir folgendes Szenario entwickelt: Ein durchschnittlich aktiver Kunde unterhält ein Depot mit einer Anlagesumme von 30 000 DM. Auf dem Konto finden im Jahr 30 Transaktionen über die Frankfurter Börse statt, davon 15-mal direkt über das elektronische System Xetra und 15-mal übers Parkett. Dazu kommen 5 Orderänderungen, 5 Streichungen, ferner der Preis für die ausgeführte Zeichnung einer Neuemission (zu 3000 DM) sowie Kosten für 5 nichtausgeführte Zeichnungen. Schließlich gehen 20 Kontobuchungen pro Jahr sowie Jahreskosten für die Kontoführung und jährliche Guthabenzinsen für 2000 DM in die Rechnung ein.

Die Unterschiede in den Gesamtkosten pro Jahr erweisen sich als beträchtlich und erreichen eine Spanne von 1266 DM. Am preiswertesten sind die Direkt-Broker mit Fimatex (559 DM) und Pulsiv.com (564 DM) an der Spitze. Weniger als 600 DM Jahreskosten sind auch bei Netbank (581 DM) zu erreichen, wenn das Wertpapierkonto zugleich als Gehaltskonto genutzt wird, ansonsten erhöht sich die Jahresmarge auf 884 DM. Die Gebühren bei Entrium, Consors, 1822direkt, Direkt Anlage Bank und Comdirect liegen im Bereich zwischen 600 und 700 DM pro Jahr. Übrigens: Entrium verlangt als einziges der untersuchten Geldinstitute eine Mindesteinlage (1000 DM). Mit 709 DM schneidet von den Sparkassen die Stadtsparkasse Düsseldorf am besten ab.

Relativ teuer sind die Großbanken: Dresdner Bank (1004 DM), HypoVereinsbank (1020 DM), Deutsche Bank 24 (1138 DM), aber auch die Frankfurter Sparkasse (1368 DM: die Inanspruchnahme ihres Direktbankablegers 1822direkt kostet dagegen mit 669 DM weniger als die Hälfte) sowie die Stadtsparkasse München (1458 DM). Einsamer Spitzenreiter bei den Kosten ist die Commerzbank: Hier muss unser Testkunde 1825 DM pro Jahr bezahlen.

Das Schlagwort des modernen Brokerage heißt ‘Intraday-Trading’, wobei nicht ein Handel, der im Laufe eines Tages abgeschlossen wird, gemeint ist, sondern das Ausnutzen der Schwankungsbreite von Kursen innerhalb eines Tages durch vielfache Orders (auch des gleichen Wertpapiers), die im Zeitraum von Sekunden oder Minuten vollzogen werden. Technische Voraussetzungen für den Kurzfristhandel sind eine störungsfreie Verbindung zum Broker, die sofortige Weiterleitung der Order an die Börse, nach Ausführung des Auftrags die schnelle Aktualisierung des Portfolios und nicht zuletzt Kursinformationen in Echtzeit.

Gleich vorweg: Web-Intraday-Trading als punktgenaues Reagieren auf Kursschwankungen ist hier zu Lande noch längst nicht ausgereift, abgesehen davon, dass nicht einmal alle Direkt-Broker diesen Service anbieten. Achtung: Bei jenen erwarte man keinesfalls, dass eine Order sofort ausgeführt wird, entsprechend verzögern sich Umsatzauskunft und Depotbestandsaktualisierung. Letzteres kann bis zu zwei Tagen dauern, das ist der zeitliche Rahmen, den der Gesetzgeber für die Lieferung und Zahlung von Wertpapiertransaktionen vorgegeben hat. Kein Vergleich zu US-Discountern, die Orderausführungen in kürzester Zeit garantieren - etwa Datek innerhalb von 60 Sekunden, andernfalls ist die Order kostenfrei.

Auch die angeblich intraday-fähigen Broker - bei denen in der Werbung Orders geradezu spielend leicht und blitzschnell vonstatten gehen - haben realiter ihre Probleme mit dem Echtzeithandel. Die Direkt Anlage Bank beispielsweise definiert börsliches Intraday-Trading bescheiden als Kauf und Verkauf von Positionen innerhalb eines Tages; während der so genannte ‘DAB-Sekundenhandel’ außerbörslich mit speziellen Handelspartnern stattfindet. Auch Pulsiv.com macht wirklichen Echtzeithandel (ohne Kontakt mit einer Börse) allenfalls über kursstellende Makler möglich. Bei Consors stehen dem Kunden nach Rückmeldung des Ausführungskurses die Erlöse für weitere Geschäfte zur Verfügung, innerhalb eines welchen Zeitraumes die Rückmeldung des Ausführungskurses spätestens gemeldet wird, darüber schweigt sich Consors aus. Kurzum: Wer glaubt, bei deutschen Online-Brokern übers Internet blitzschnelle Geschäfte à la US-Broker tätigen zu können, befindet sich auf dem Holzwege.

Hinsichtlich der Depotaktualisierung liegt ebenfalls noch einiges im Argen: So lässt die Commerzbank Intraday-Trading zu, aktualisiert das Orderbuch auch sofort nach einer Transaktion, das Depot allerdings erst über Nacht, und um Echtzeitkurse hat sich der Anleger selbst zu kümmern. In Sachen prompter Kursversorgung erhalten Daytrader bei Comdirect und Deutsche Bank 24 mehr, die Depots aber werden auch nur im Tagesrhythmus abgeglichen; Hamburger Sparkasse, BHW Direktbank und Citibank nutzen dafür gar die gesetzliche Zeitspanne von zwei Tagen voll aus.

Von den Direkt-Brokern bezeichnen sich Consors, Direkt Anlage Bank, Entrium, Fimatex und Pulsiv.com als intraday-fähig; alle bringen das Depot nach jeder Order auf den neuesten Stand - das kann schon etwas dauern. Übrigens: Im Brokerage-Applet von Consors stehen dann Kassa-Kurse, die einmal pro Tag festgelegt werden. Wenigstens gibt es bei den gerade erwähnten Brokern separat Echtzeitkurse, zuweilen in begrenzter, dennoch ausreichender Zahl. Pulsiv.com entledigt sich der Echtzeitkursanfragen über einen Link zu Finanztreff.de.

Fimatex hält für Daytrader neben dem Web-Trading (1000 Echtzeitkursabfragen) auch Geschäfte über eine spezielle Handelssoftware (Global Trading System, GTS) mit automatischer Kursaktualisierung bereit. Das Programm nutzt einen eigenen Port und leitet Orders direkt an den Xetra-Computer weiter; Bestätigungen kommen innerhalb kürzester Zeit, der direkte Blick ins Orderbuch ist möglich. Das Ganze hat seinen Preis: 0,09 Euro (ca. 18 Pfennig) pro Minute.

Sicherlich ist Intraday-Trading eine verführerische Art zu spekulieren, die schnell zu Gewinnen und mindestens genauso schnell zu Verlusten führen kann. Zum Schutz von Kleinanlegern will das Bundesaufsichtsamt für Wertpapierhandel daher sowohl die Broker als auch die Anleger zukünftig verpflichten, vor dem Intraday-Trading einen finanziellen Rahmen abzustecken. Zudem sollen die Institute die Anleger monatlich auf aufgelaufene Verluste aufmerksam machen.

Zeitlich verzögerte Kurse (in der Regel mit 15-minütiger Verspätung) werden von fast allen Brokern in großer Zahl zur Verfügung gestellt. Bei Dienstleistern mit Intraday-Trading-Angebot gehören - wie gesagt - Echtzeitkurse zum Pflichtrepertoire, doch auch die anderen Institute sollten sich Gedanken machen, ob sie ihr Kursangebot nicht dahingehend erweitern. Noch geizen generell Sparkassen und Volksbanken (von Indizes abgesehen) mit Echtzeitkursen. Auch Commerzbank, BfG Bank, Allgemeine Deutsche Direktbank, BHW Direktbank, HypoVereinsbank und Netbank müssen hier passen. Advance Bank und Dresdner Bank liefern keine Echtzeitkurse via Internet, wer hier auf dem Laufenden sein will, muss zum Telefonhörer greifen.

Die Einrichtung einer so genannten ‘Watchlist’, über die man auf dem Server des Brokers die Kursentwicklung (verzögerte Werte) ausgewählter Papiere beobachten kann, ist mit Ausnahme der Frankfurter Sparkasse, Dresdner Bank und der Commerzbank bei allen von uns untersuchten Instituten möglich. Überhaupt fehlt bei der Commerzbank jegliches Kurs- und Chartangebot, erst ab Oktober dieses Jahres will man solcherart Angebote offerieren. Ansonsten halten alle anderen Institute Charts bereit, die von der Tagesgrafik bis zu historischen 10-Jahres-Charts reichen können.

In puncto Chartanalyse mit Hilfe von Indikatoren gibt es bei der Berliner Volksbank und der BfG Bank überhaupt nichts. Die Advance Bank lässt gerade noch die Anzeige von Umsätzen in der Grafik zu. Bei den anderen Instituten erhält man mindestens gleitende Durchschnitte; mehr als ein halbes Dutzend Banken setzt den Java Trader von Teledata ein, der in seiner Funktionalität zwar an ein Börsenprogramm heranreicht, aber separat und langsam arbeitet. Vorbildlich ist das Analyse-Instrumentarium bei Consors und Comdirect.

Filialbanken lassen sich im Notfall sogar zu Fuß erreichen, doch was nützen bei Online-Brokern günstige Konditionen und all die anderen Vorteile, wenn man sie nicht kontaktieren kann. Wie es um deren Verfügbarkeit bestellt ist, haben wir gemessen. Zu bedenken ist dabei, dass der Messzeitraum in einer der ruhigsten Phasen des Börsenjahres gelegen hat. Ganz anders kann es in kritischen Situationen aussehen, wie die Masse der Kleinanleger im Frühjahr dieses Jahres erfahren musste.

Alle Messungen wurden im Auftrag von c't durch die Firma Zott im geschützten Bereich der Bankserver durchgeführt: Mitte August, eine Woche lang, rund um die Uhr, in Abständen von 15 Minuten. Bei Banken, die beim Login HTML-Formulare verwenden, galt die Zeit zwischen dem Abschicken von Daten und der entsprechenden Rückmeldung als Messkriterium. Bei Banken, die mit Java-Applet arbeiten, wurde die Zeit für das Laden des Applets ermittelt. Werte aus beiden Verfahren (HTML-Formular versus Java-Applet) sollte man nicht direkt miteinander vergleichen; zwar dauert das Laden des Applets länger als das des HTML-Formulars, anschließend aber verlaufen Transaktionen mittels Applet gewöhnlich schneller. Die Werte geben eine grobe Abschätzung darüber, wie gut und schnell ein Online-Broker erreichbar ist, wobei Verzögerungen auch auf externen Leitungsengpässen beruhen können, die außerhalb der Verantwortung eines Finanzinstitutes liegen.

Der ruhigen Börsenphase entsprechend, ließen sich alle Broker relativ problemlos erreichen. Die höchste Fehlerquote gab es mit 4,3 Prozent bei der Netbank. Im Durchschnitt am schnellsten verlief der Login-Prozess bei Entrium, am langsamsten bei der Netbank. Notabene: Ladezeiten über 60 Sekunden wurden zusätzlich als Fehler gewertet.

Noch verwenden nur die wenigsten Banken den Sicherheitsstandard HBCI (Homebanking Computer Interface) in der Version 2.1, ab der erst HBCI-Brokerage stattfinden kann. Wenn hierbei der Signaturschlüssel statt auf einer auslesbaren Diskette in einer Smartcard gespeichert ist, dürfte eine sehr hohe Sicherheitsstufe erreicht sein.

Beim PIN/TAN-Verfahren gelangt man mit der Persönlichen Identifikationsnummer (PIN) in den geschützten Bereich des Bank-Webservers. Kommunikation findet dort verschlüsselt über die in den Browsern eingearbeitete Krypto-Technik SSL mit 128 Bit statt. Manche Banken lassen zusätzlich noch ein Java-Applet laufen, welches die SSL-Standard-Kryptographie nochmals verstärkt.

Gleichwohl droht Gefahr von ‘Trojanischen Pferden’, die sich auf dem heimischen Rechner einnisten und gezielt Tastatureingaben, etwa die von PIN oder Transaktionsnummern (TANs), ausspähen und an Dritte weiterleiten können. Allerdings nützt eine abgehörte TAN wenig, da sie ja sofort nach Gebrauch ihre Gültigkeit verliert. Es müsste demnach auch noch die zur TAN gehörige Transaktion abgefangen und über einen eigenen Internet-Server in einer Man-in-the-Middle-Attack jedem der beiden Kommunikationspartner, Kunde und Bank, vorgegaukelt werden, der jeweils andere zu sein. Ein Verfahren, das sich nur mit hohem Aufwand betreiben ließe, aber grundsätzlich nicht ausgeschlossen werden kann. Gleichwohl darf man der Kombination PIN/TAN ebenfalls eine hohe Sicherheitsstufe zuschreiben.

Von den beiden Banken, die HBCI einsetzen, verwendet die BfG Bank HBCI 2.1 mit RSA-Smartcard; die Hamburger Sparkasse hingegen nur HBCI 2.01 (mit Diskette), ermöglicht Wertpapiergeschäfte aber dann mit dem Programm S-Connect - demnächst will man serverseitig auf HBCI 2.1 umstellen.

Der Rest der getesteten Institute arbeitet mit PIN und TANs - bis auf drei Ausnahmen: Direkt Anlage Bank, Entrium und Fimatex. Diese drei begnügen sich ausschließlich mit einer PIN (ohne TANs) - eine wirklich fragliche Geschichte bei Finanzgeschäften, auch wenn argumentiert wird, dass sich Abbuchungen nur zu einem bestimmten Referenzkonto vor-nehmen lassen. Doch man stelle sich einen missgünstigen Kollegen vor (Statistiken besagen, dass Homebanking überwiegend vom Büro aus betrieben wird), welcher mit besagten Mitteln eine PIN ausgespäht hat und dann auf dem Fremdkonto wüste Spekulationsgeschäfte ausführt, die unweigerlich in einem Totalverlust enden.

In diesem Zusammenhang noch ein paar Sätze zu First-e, einer reinen Internetbank, die demnächst auch Online-Broking anbieten wird. Hier bekommt man die TAN-Liste per verschlüsselter E-Mail zugesandt. Die PIN, die zur Entschlüsselung nötig ist, ließe sich prinzipiell - siehe oben - abfangen, die auf dem Rechner abgelegte TAN-Liste lesen und das Konto bequem leer räumen, zumal von einem First-e-Konto auch Buchungen ins Ausland möglich sind.

Jeder, der Internet-Broking macht, sollte sich der bestehenden Gefahren bewusst sein, und - im wahrsten Sinne des Wortes - mit vermehrter Vorsicht das Seine tun, um den eigenen Rechner ‘sauber’ zu halten.

Das Online-Brokerage-Angebot ist breiter geworden, und wenn Konkurrenz den Markt belebt, dann sollten sich die deutschen Finanzdienstleister umgehend den US-Brokerage-Markt anschauen, um zu sehen, was es wirklich heißt, Börsengeschäfte via Internet in Echtzeit anzubieten. Traurig, aber wahr: Von börslichem Sekundenhandel übers Web kann hier zu Lande kaum die Rede sein.

Was den inländischen Vergleich angeht, da haben die Direkt-Broker in Sachen Preis, Orderausführung und Echtzeitkursversorgung die Nase vorn; einige Sparkassen holen auf, während die großen Privatbanken eher im Mittel- und Schlussfeld zu finden sind. Dort könnten sie womöglich bleiben, sofern die Direkt-Broker (die Advance Bank macht den Anfang) auch noch Beratung anbieten. Denn dies dürfte zukünftig, insbesondere im kaum noch überschaubaren Neuen Markt, eine wesentlich größere Rolle als bisher spielen. Doch wie sagte André Kostolany: ‘Börsenerfolg ist eine Kunst und keine Wissenschaft.’

[1] FTD vom 11.8.2000

[2] Spiegel online vom 6. 9. 1999

[3] Heise-Newsticker vom 10. 8. 2000 (ae)